bedeckt München 22°

Pflege:"Der Druck hat sich erhöht"

Pflegerin Marija Sevald

Marija Sevald ist seit fünf Jahren im Pflegebereich tätig und arbeitet aktuell bei einem Eurasburger Dienst.

(Foto: privat)

Marija Sevald arbeitet bei einem mobilen Pflegedienst in Eurasburg. Die Corona-Krise hat ihren Arbeitsalltag erheblich verdichtet

Interview von Arnold Zimprich, Eurasburg

Marija Sevald arbeitet beim Eurasburger Pflegedienst "Daheim statt im Heim", ein Dienst, der Patienten hauptsächlich in den Kommunen Eurasburg, Geretsried und Wolfratshausen betreut. Die 33-Jährige ist seit fünf Jahren im Pflegebereich tätig, hat zwei Kinder im Alter von sechs und zwei Jahren und wohnt in Geretsried.

SZ: Frau Sevald, können Sie kurz beschreiben, in welchem Bereich Sie bei dem Pflegedienst "Daheim statt im Heim" tätig sind?

Marija Sevald: Ich arbeite als Pflege- und Bürokraft. Wir pflegen und betreuen unsere Patienten zu Hause und ermöglichen ihnen, solange wie es geht in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben.

Wie hat sich Ihr Alltag, beruflich wie privat, denn durch die Corona-Krise verändert?

In meinem Alltag hat sich viel verändert. Wir haben auf unsere Sozialkontakte für etwa zehn Wochen komplett verzichtet. Es gab keinen Kindergarten und keine Besuche bei Oma und Opa mehr. Ich habe vormittags gearbeitet und mein Mann nachmittags, sodass wir uns um die Kinder kümmern konnten. Zum Glück haben beide Arbeitgeber mitgemacht, wofür wir sehr dankbar sind. Wir sind grundsätzlich vorsichtiger geworden.

Wie nehmen die Senioren die Veränderungen wahr - besteht da eine Unsicherheit oder haben sie sich an die Umstände gewöhnt?

Es war am Anfang ungewöhnlich - sowohl für unsere Senioren als auch für uns. Keiner wusste, was auf uns zukommt und womit wir es zu tun haben. Unsere Senioren haben sich aber sehr schnell an die Umstände gewöhnt.

Wie viel mehr Zeit müssen Sie durch die Hygienemaßnahmen im Rahmen Ihrer Arbeitsabläufe aufwenden?

Auf die richtige Hygiene beim Patienten müssen wir immer achten. Egal ob mit Corona oder ohne. Dennoch brauchen wir mehr Zeit bei den Patienten, da Angehörige nicht mehr so viel machen dürfen. In unseren Pflegewohngemeinschaften mussten wir beispielsweise zusätzlich für Patienten kochen. Dazu kommt ein weiterer Punkt: Es gab einen Aufnahmestopp bei Rehakliniken, sodass wir viele neue Patienten direkt aufnehmen mussten.

Halten Sie die aktuellen Schutzmaßnahmen für übertrieben?

Nein, die Maßnahmen waren und sind nicht übertrieben. Allerdings gab es zu Beginn der Corona-Krise keine Mundschutzmasken und kein Desinfektionsmittel zu kaufen - das war ziemlich ärgerlich. Dank einer Eurasburger Nachbarin haben wir Mundschutzmasken gespendet bekommen, die Initiative "Maker vs. Virus" aus Murnau hat uns Gesichtsmasken geschenkt und auch das Wolfratshauser Sanitätshaus Piegsa hat dafür gesorgt, dass uns nichts fehlt. Ein großes Dankeschön dafür!

Wie geht denn eigentlich Ihr Arbeitgeber mit der aktuellen Situation um - hat sich in Ihren Augen der Druck auf das Pflegepersonal erhöht?

Ja, der Druck auf das Pflegepersonal hat sich schon erhöht - trotz guter Organisation. Bei "Daheim statt im Heim" haben alle Pflege-, Büro- und Betreuungskräfte rund um die Uhr gearbeitet und hatten Urlaubssperre. Gemeinsam sind wir aber gut durch diese stressige Zeit gekommen. Unser Arbeitgeber hat getan, was ging, um uns alle zu schützen und uns diese anstrengende Zeit zu erleichtern.

Schon lange wird über die Anerkennung pflegerischer Leistungen geredet. Ein Thema, das nun angesichts der Krise noch einmal stark in den Fokus der öffentlichen Diskussion gerückt ist. Sehen Sie Ihre Arbeit und die Ihrer Kolleginnen und Kollegen ausreichend anerkannt?

Ich würde sagen ja, aber hier gehen die Meinungen auseinander.

Was wünschen Sie sich für ihren Berufsstand für die Zukunft - abgesehen von der Frage, ob es eine Zukunft mit oder ohne das Virus sein wird?

Wir hatten vor Corona Fachkräftemangel, wir haben nach Corona Fachkräftemangel. Man muss mehr junge Leute motivieren, diesen Beruf auszuüben, sonst haben wir ein Problem in der Zukunft.

© SZ vom 16.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite