Not-Asyl in Gymnasium Irritationen über Impf-Hinweis für Schüler

Die Turnhalle des Tölzer Gymnasiums verwandelten 19 Einsatzkräfte des THW in ein Erstaufnahme-Quartier für Flüchtlinge.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die Turnhalle eines Gymnasiums wird zur Notunterkunft. Der Direktor rät Eltern, die Impfungen ihrer Kinder zu prüfen. Das Landratsamt relativiert die Aussage: Eher seien die Flüchtlinge gefährdet.

Von Klaus Schieder, Bad Tölz

Der orangerote Hallenboden ist verschwunden. Die bunten Linien, Halbkreise und Kreise der Spielfelder liegen unter einem anthrazitfarbenen Teppichboden. Im hinteren Drittel der Turnhalle am Tölzer Gymnasium sind am Samstagmorgen bereits mannshohe Trennwände aufgebaut, hellgraue Spinde stehen dahinter in Reih und Glied. Davor stapeln sich Feldbetten auf Holzpaletten, noch in Folie eingepackt. Die 19 Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks in Bad Tölz sind eine eingespielte Truppe, es geht alles ruhig und geschwind. Sie brauchen nicht viel mehr als den Samstag, um die Halle in ein Erstaufnahme-Lager für 150 Flüchtlinge zu verwandeln, die an diesem Montag ankommen sollen. "Das ist kein Problem", sagt Zugführer Klaus Ciecior.

Das Gabriel-von-Seidl-Gymnasium hat sich auf die Schutzsuchenden vorbereitet. Die Entscheidung der Regierung, den Notfallplan zu aktivieren und die Turnhalle als Erstaufnahme-Quartier zu nutzen, komme zwar kurzfristig, aber alles andere als überraschend, sagt der stellvertretende Schulleiter Holger Küst. Schon vorab hatte der derzeit erkrankte Direktor Harald Vorleuter die Eltern informiert.

In dem Elternbrief vom Freitag sorgte ein Impf-Hinweis für Irritationen: "Obwohl wir auf eine strikte Trennung zwischen Aufnahmeeinrichtung und Schulbetrieb achten werden, bitte ich Sie, vorsorglich den Impfschutz Ihres Kindes zu überprüfen", schrieb der Direktor ohne weitere Erläuterung. Sein Stellvertreter warnt am Samstag vor Hysterie: Man müsse den Ängsten, die bei den Eltern durchaus vorhanden seien, "mit Informationen begegnen", sagt Küst.

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Das Landratsamt relativiert die Aussagen: Landrat Josef Niedermaier (FW) zitiert den Leiter des Tölzer Gesundheitsamts, Dr. Franz Hartmann. Der sage immer und gerne, die Ansteckungsgefahr sei beim Oktoberfest "um ein Vielfaches höher" als durch die Kontakte mit Asylsuchenden. Der für Asyl zuständige Abteilungsleiter im Landratsamt, Thomas Bigl, sieht eher die Flüchtlinge gefährdet. Denn sie seien oft nicht ausreichend geimpft . Michaela Theil vom Asyl-Helferkreis am Gymnasium nimmt den Impf-Hinweis gelassen. Vorleuter sei damit eben "seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen", sagt sie. Im Nachbarlandkreis Weilheim-Schongau hatte das Gesundheitsamt erklärt, dass unter den Asylbewerbern heuer kein einziger Fall von Tuberkulose registriert worden sei, während drei bis vier Einheimische unter einer offenen TBC litten.

Gleich am Montagmorgen wird es eine Durchsage in den Klassenzimmern geben, wie sich die Schüler verhalten sollen. "Erst einmal distanziert", sagt Küst. Das hat nichts mit einer Abwehrhaltung zu tun, vielmehr sollen die erschöpften Flüchtlinge in Ruhe gelassen werden. Wenn sie eintreffen, soll ein Apfel als Willkommensgruß auf jedem Feldbett liegen, einige Kübelpflanzen aufgestellt und der Sichtschutz bunt gestaltet sein. "Die Fachschaft Religion hat Bilder gemalt, die eine positive Symbolik haben", sagt Theil. Ziel sei es, dass die große Unterkunft "nicht wie eine Kasernierung wirkt, deshalb schaffen wir Entlastungspunkte".

Zugführer Klaus Ciecior und Landrat Josef Niedermaier (v .li.).

(Foto: Manfred Neubauer)

Ansonsten dürften sich Schüler und Flüchtlinge in den sechs bis acht Wochen, in denen die Halle als Erstaufnahme-Quartier dient, lediglich an der Bushaltestelle vor dem Gymnasium begegnen. Ein Sichtschutz trennt die Sportstätte vom Pausenhof und dem übrigen Schulgelände. Die Asylsuchenden werden gleich nach der Ankunft vom Roten Kreuz erstuntersucht, in den ersten zwei Wochen werden sie nach und nach zu einem Intensiv-Check ins Landratsamt gebracht. Dafür gebe es genügend Mediziner, sagt Bigl: "Viele Ärzte, oft schon im Ruhestand, haben zugesagt." Sei jemand offensichtlich krank, werde er sofort ins Krankenhaus gebracht. Da sich die Flüchtlinge nur wenige Wochen in Tölz aufhalten und danach vor allem auf Oberbayern verteilt werden, rät Bigl im Umgang mit ihnen zu "reduzierter Aufmerksamkeit". Tiefere Kontakte hätten ob der kurzen Verweildauer keinen Sinn. Küst sagt: "Unser Ziel ist ein gutes Nebeneinander."

Den Sportunterricht muss das Gymnasium bis in den Advent hinein umkrempeln. 131 Stunden Sport seien betroffen, "die müssen wir anders organisieren", sagt der stellvertretende Schulleiter. Dazu kooperiere man mit anderen Schulen, halte Wintersport "en bloc" ab und versuche, eventuell Eiszeiten in der Hacker-Pschorr-Arena zu bekommen. Improvisieren müssen auch Sportvereine, vor allem der TV Bad Tölz, der die Halle des Gymnasiums am meisten nutzt. "Da gibt es erhebliche Einschränkungen, das muss man akzeptieren", sagt Bürgermeister Josef Janker (CSU). Aber die Vereine würden sich arrangieren und "viel zusammenfassen", beispielsweise das Training von Männer- und Frauenteams. Von Landrat Niedermaier bekommt Bad Tölz ein dickes Lob: "Das ist die Stadt, die die freiwillige Quote am meisten erfüllt." Derzeit leben bereits 300 Flüchtlinge in der Kurstadt.

Auf einem der Feldbettenstapel hat Jeffrey Pflanzer einen mehrfarbigen Plan ausgebreitet. Gelb für den Spielbereich, Rot für die Essensausgabe, Grau für die vier Zonen mit den Feldbetten und Spinden, mit den Bierbänken. Alles ist genau vermessen, auch die Länge der Rettungswege zum nächsten Ausgang mit 24 und 28 Metern. Ganz ähnlich wird es in der Turnhalle des Schulzentrums Geretsried sein, wo am 2. November ebenfalls 150 Asylsuchende eine Erstaufnahme-Unterkunft finden.

Der stellvertretende Schulleiter Holger Küst.

(Foto: Manfred Neubauer)

Doch es gibt es viele Unwägbarkeiten, die sich nicht in ein Organisationsschema pressen lassen. Das fängt schon mit der Ankunft der Asylsuchenden an, die aus München kommen. Vielleicht treffen sie an diesem Montag gleich vormittags ein, vielleicht nachmittags, vielleicht auch abends, vielleicht erst am Dienstag. "Voraussichtlich am Montag", hatte die Regierung mitgeteilt. "Wir haben darum gebeten, dass sie um 10, um 11 und um 12 Uhr kommen, aber ob das so eintrifft, weiß niemand", sagt Helga Happ vom Landratsamt. Die nächste unbekannte Größe: Niemand kennt die Zusammensetzung der Flüchtlingsgruppe. Wie viele Männer? Wie viele Familien? Wie viele Kinder? Wie viele Frauen? Den bisherigen Erfahrungen nach sind allein stehende Frauen eher selten, aber selbst wenn es nur fünf sind, muss Pflanzer für sie eine eigene Zone in der Halle schaffen. Er hat dafür die kleinste mit 30 Betten auserkoren, das Weitere muss nach der Ankunft improvisiert werden.

Alles andere wird am Samstag noch einmal kurz durchgesprochen: Es gibt sechs Sanitärbereiche, zudem werden je vier Waschmaschinen und Trockner aufgestellt. Der Caterer, der in den ersten beiden Wochen die Flüchtlinge in der Ickinger Turnhalle versorgte, übernimmt nun auch die Lieferungen für die Tölzer Turnhalle. "Er weiß, worauf es ankommt", sagt Pflanzer. Auch er hat vorgesorgt, dass die Mahlzeiten möglichst störungsfrei verlaufen. Die Biertische sind so breit, dass sich zwei Menschen gegenübersitzen können, die Bänke haben Lehnen. Das habe nichts mit Bequemlichkeit zu tun, sagt er: "Ein arabischer Mann und eine arabische Frau dürfen sich nicht mit dem Rücken berühren."