Musikfestival:Zauberflöte im Zelt

8. Geretsrieder Kulturherbst 2021

Papageno in Lederhosen: Das Freie Landestheater Bayern zeigt mit Mozarts "Zauberflöte" die erste Oper beim Geretsrieder Kulturherbst.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Geretsrieder Kulturherbst macht mit dem Mozart-Klassiker zum ersten Mal auf Oper - und überrascht angenehm

Von Susanne Hauck, Geretsried

Der Geretsrieder Kulturherbst kann also auch Oper, das hat er am Freitag mit Mozarts "Zauberflöte" bewiesen. Der Abend hat gezeigt: Die Lieblingsoper der Deutschen ist einfach unkaputtbar. Auch ein Zirkuszelt in der Provinz kriegt sie nicht klein. Schon weil die Sänger und das Orchester groß aufspielten.

Das ganze ist ja schon ein Wagnis. Verwöhnte Opernfans tun sich nicht unbedingt ein von Zugluft durchblasenes Zirkuszelt an - und Otto Normalverbraucher hat mit Klassik gewöhnlich sowieso nichts am Hut. Davon lässt sich Festivalleiter Günther Wagner aber nicht beirren. "Wir hatten noch nie eine Oper hier", sagt er eingangs mit Stolz. Und schnell wird klar, dass es nicht nur die erste Opernaufführung in Geretsried ist, sondern für nicht wenige Besucher die allererste Begegnung mit dem anspruchsvollen Singspiel überhaupt. Und damit sind nicht nur die paar Kinder gemeint, die mit im Publikum sitzen, sondern auch viele Erwachsene, die sich wohl einfach spontan eine Karte gekauft haben, weil sie mal Lust auf anderes hatten als immer nur Pop und Kabarett oder weil sie sich von der guten Stimmung des Festivals locken ließen. Die Unterhaltungen in der Pause lassen jedenfalls darauf schließen, dass die wenigsten wussten, was sie erwartet - und angenehm überrascht wurden.

Also, rappelvoll wie bei den großen Zugpferden beim Kulturherbst ist es am Freitag natürlich nicht. Aber im "Parkett", dem bestuhlten Bereich vor der Bühne, ist jeder Stuhl besetzt, und ein paar Dutzend Zuschauer buckeln sich auch tapfer volle drei Stunden lang auf den rückenlehnenlosen Hühnerstangen der Tribüne im Zelt - gegen die wahrscheinlich selbst die berüchtigt harten Klappstühle bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth noch als komfortabel durchgehen dürften.

Das in Miesbach beheimatete Freie Landestheater Bayern setzt bei der zu seinem Standardrepertoire gehörenden "Zauberflöte" auf die humoristische Note. "Zauberflöte auf bayrisch" fällt einem dazu gleich ein, was es aber dann nicht so ganz trifft. Für die Gaudi ist vor allem Vogelfänger Papageno (Philipp Gaiser) zuständig, der als bayrischer Naturbursche in Lederhosen und mit reichlich Rouge auf den Backen die Lacher einfahren darf, wenn er auf der Bühne nach Senf für seine Weißwürste schreit und eine Mass auf Ex trinken muss. Die ganz derben Schenkelklopfer bleiben einem aber zum Glück erspart. Drei als kracherte Mannsbilder verkleidete Solistinnen sorgen dafür, dass niemand einschläft, ebenso wie immer wieder mal reichlich Action auf der Bühne. Die Mozartschen Irrungen und Wirrungen der Handlung kapiert ja sowieso nur derjenige, der sich vorher die Inhaltsangabe reingezogen hat. Für alle anderen reicht das Wissen, dass der Prinz Tamino die Prinzessin Pamina retten will.

Hinter der volksnahen Inszenierung steckt aber die ganz ernsthafte musikalische und gesangliche Absicht, Mozart dem Publikum näherzubringen. Und da bietet das Ensemble einiges auf. Das Freie Landestheater ist in großer Besetzung mit 16 Solistinnen und Solisten angereist, mit Chor und Orchestermusikern, die in Ermangelung eines Orchestergrabens halt vor der Bühne sitzen. Das ist auch fürs Publikum ein Erlebnis, das so viel stärker ins Geschehen eingebunden wird.

Die Sänger zeigen sich stimmlich gut in Form, allen voran die Sopranistinnen Christina Gerstberger als Pamina und Yvonne Prentki als Königin der Nacht, sowie Tenor Stephan Lin als Tamino und Andreas Fimm mit seinem tiefdunklen Bass als Zauberer Sarastro. Für gibt es immer wieder begeisterten Zwischenapplaus.

Ein Zirkuszelt ist dennoch nun einmal kein Konzertsaal. Sicher sind auch versierte Opernkenner im Geretsrieder Publikum, die um den guten Klang fürchten. Aber die Akustik ist alles in allem überraschend gut. Das Orchester unter Leitung von Andreas Pascal Heinzmann weiß schon, dass es nicht langweilen darf und dreht deshalb ordentlich auf. Die schmissigen Mozart-Melodien und die weltberühmten Gassenhauer-Arien wie "Dein Bildnis ist bezaubernd schön" oder "Der Hölle Rache" tun ihr übriges. Ein Zirkuszelt ist auch kein Opernhaus. Aber viele Leute schreckt das ganze feine Getue mit Abendkleid und Seidenschal sowieso ab. Wo sonst hat man für 25 Euro einen netten Opernabend, kann die Wollmütze auflassen und darf sogar noch seinen Wein am Platz schlürfen?

Von der guten Leistung des Ensembles, das in bester Spiellaune wirklich alles im Zelt aufbietet, lässt sich auch das Geretsrieder Publikum mitreißen. Die Zuschauer belohnen die Mitwirkenden mit einem langem Applaus und laut hallenden Bravo-Rufen.

© SZ vom 11.10.2021
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