Masken-Schauspiel in den Raunächten Die zwei Gesichter der Frau Perchta

Die Penzberger Beaschd'n treiben zwischen den Jahren das Böse aus. Sie interpretieren den alten Brauch aber auf eigene Weise.

Von Benjamin Engel, Penzberg

Über der Erde im glitschig-feuchten Moor hausen geheimnisvolle Gestalten. Von Moos und Schilf bedeckt streifen sie in zottligen Gewändern mit gelben, grünen, braunen und blauen Fransen umher. Mit ihren Haselnussstecken und Handratschen schlagen die Mooskoppen Alarm, wenn Menschen im Moor zu versinken drohen. In den dunkel-dämmerigen Stollen der Kohlenkumpel unter der Erde sind Klopfer, Blaser, Stinker und der oide Mo zu Hause. Sie sind die Schutzgeister im Untertagebau. Der Bläser, ein zotteliger Gesell, trägt Axt und Grubenlampe bei sich. Er bläst das Licht aus und warnt so vor gefährlichen Gasansammlungen mit Explosionsgefahr. Der Klopfer schlägt an Stützbalken und macht damit auf Wassereinbrüche aufmerksam. All diese Figuren sind Teil der Penzberger Beaschd'n, dem örtlichen Perchtenverein.

Die Perchten sind Gestalten aus dem bayerisch-österreichischen Brauchtum im Alpenraum. Sie sind in Salzburg, Tirol und Bayern verbreitet. Traditionell streifen sich Menschen Masken über und versuchen mit reichlich Lärm das Böse zu bannen. Denn früher dachte die Bevölkerung, dass sich in den dunklen, langen Winternächten um den Jahreswechsel finstere Mächte versammeln und nach des Menschen Hab und Gut trachten.

In Penzberg hat Max J. Gruber den Perchten-Verein 1984 ins Leben gerufen. Er knüpfte damit an altes Brauchtum an und erweckte es wieder zum Leben. Als Grundlage dienten ihm auch die Erzählungen aus den Heimatgebieten der Bergleute, die sich in Penzberg niedergelassen hatten - bis in die 1960er-Jahre wurde hier Kohle abgebaut. Gruber hat mehr als 289 Masken aus weichem Lindenholz geschnitzt. Nach Jahren des Stillstands gewinnen die Penzberger Beaschd'n wieder mehr Mitglieder. Das freut den zweiten Vorsitzenden Johann Schuh. "Es geht wieder bergauf", sagt er. War die Gruppe vor wenigen Jahren bis auf nur noch zehn Aktive zusammengeschmolzen, sind es heute wieder 20. Dazu zählen auch ein fünfjähriger Junge und ein siebenjähriges Mädchen. Denn bei den Penzbergern wirken Kinder, Frauen und Männer mit. Für den 59-jährigen Schuh sind die Auftritte seines Vereins mehr als bloßes Touristenspektakel: "Die meisten bei uns laufen nicht zwecks der Gaudi mit, sondern fühlen sich noch mit dem Brauchtum verbunden."

Mit Masken gegen böse Geister: Das Perchten-Brauchtum in den Raunächten ist im bayerisch-österreichischen Alpenraum seit Jahrhunderten verbreitet. Hier ein Auftritt der Lermooser Perchten in Wolfratshausen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Penzberger Beaschd'n sind bei Perchtenläufen und anderen Veranstaltungen unterwegs, um den Winter auszutreiben. Sie brächten auch Glück und Fruchtbarkeit in die Häuser, sagt Schuh. Zentrale Figur des Penzberger Perchtenvereins ist die Figur der Frau Perchta. Ihre zwei Gesichter stehen für Gut und Böse. Sie gehe mit dem bösen, von Höllenfeuer umrankten Gesicht beispielsweise in den Kuhstall hinein, vertreibe die bösen Geister, so Schuh. Mit ihrem guten Gesicht bringe sie Glück und Heil für Tiere und Landwirte. Hinzu kommen Hexen und Teufel. Letztere stecken ihre Dreizacke zum "Trudengatterl" zusammen, um symbolisch Unglück abzuwehren.

Den nötigen Lärm machen auch die Trommler. Sie begleiten die Perchten, zu denen eigentlich noch die Schönperchten (die Masken sind mit Königskronen versehen und stehen für die Wünsche und Träume der Menschen) und die Schiachen (sie sollen durch ihre Hässlichkeit den Winter austreiben) gehören. Doch diese beiden Gruppen fehlen derzeit in Penzberg. Es gebe augenblicklich niemanden, der sie verkörpere, sagt Schuh. Sie arbeiteten daran, dafür wieder Aktive zu finden.

Zwei neue Teufelsmasken haben Kai Strecker (links) und Johann Schuh von den Penzberger Beaschd'n für ihre Auftritte geschnitzt.

(Foto: Manfred Neubauer)

Unterwegs sind die Penzberger Beaschd'n jeweils zwischen November und Januar. Und damit weichen sie dann doch von älterem Brauchtum ab. Denn normalerweise treten Perchten traditionell nur zwischen der längsten Nacht des Jahres, der Thomasnacht vom 21. auf den 22. Dezember bis zum 6. Januar in Erscheinung. Die Zeit der sogenannten Raunächte galt seit jeher als Zeit der Geisteraustreibung und -beschwörung. Die Zeit um Nikolaus bleibt den Krampussen vorbehalten. Doch diese enge Unterscheidung wollen die Penzberger nicht machen.

Der Schwiegersohn von Schuh, Kai Strecker, sagt, dass gerade die jungen Aktiven so viele Auftritte wie möglich haben wollten. Deshalb seien sie eben länger aktiv. Sie machten bei Perchtenläufen mit oder träten auf Weihnachtsmärkten auf. Er selbst ist als Teufel mit Fell, Maske und großer Glocke mit dabei. Da kämen schon leicht einmal 20 Kilogramm zusammen, die er mit sich trage, sagt Strecker. Um die Anstrengung der jeweils rund 30 Minuten dauernden Choreografie mit Hexen- und Teufelstanz durchzustehen, beginnen die Penzberger Beaschd'n schon im Oktober zu trainieren.

Raunächte

Auch Dämonen brauchen einmal Ausgang: Einem alten Volksglauben zufolge soll das Geisterreich in den zwölf Raunächten zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar offenstehen - mancherorts beginnt die Zeit bereits in der Thomasnacht am 21. Dezember. Dann können Dämonen auf einer "Wilden Jagd" durch die Lande ziehen, die Tiere beginnen um Mitternacht in den Ställen mit menschlicher Stimme zu sprechen und zauberkundige Menschen, die einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben, verwandeln sich in Werwölfe. Eine ziemlich unheimliche Zeit also, wogegen im Alpenraum die sogenannten Perchten helfen, die mit Masken und Lärm die bösen Geister vertreiben. In manchen Alpengegenden überwachten sie früher auch, dass die Leute Ordnung hielten: In den Raunächten durfte nicht Karten gespielt und keine weiße Wäsche aufgehängt werden, da dies die "Wilde Jagd" anlocke. Ihren Ursprung haben die Raunächte wohl in der Zeitrechnung nach einem Mondjahr. Das hat nur 354 Tage - im Gegensatz zu einem Sonnenjahr mit 365 Tagen. Die fehlenden elf Tage und zwölf Nächte gelten als "tote Tage", in denen der Mythologie nach die Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt sind. sci

Noch in den 1980er- und 1990er-Jahren, erinnert sich Schuh, seien die Perchten in Penzberg von Haus zu Haus gezogen. Sie hätten die Geschäfte und größeren Häuser besucht und ihre Segenswünsche dargebracht. Zuletzt sind die Perchten in Penzberg 2012 auf dem Stadtplatz aufgetreten. Damals unterstützten sie Gastvereine. Schon bald wollen sie wieder in der Stadt auftreten, für diese Saison werden sie es aber noch nicht schaffen, wie Schuh erzählt. Für ihre Auftritte haben sich Schuh und Strecker eigens neu geschnitzte Teufelsmasken zugelegt. Darin sehen sie nur durch die Schlitze unter den leuchtenden Glasaugen. Schuh sagt, dass viele Zuschauer es eben gerne etwas moderner hätten. Dennoch gehe der Trend zu traditionellen Masken. Deswegen kämen für beide auch nie blutverschmierte oder an Aliens erinnernde Masken infrage. Von einem sind beide überzeugt: Wer einmal in dieses Brauchtum hineingeschaut hat, der bleibt meist dabei.

Figuren wie die Frau Perchta tauchen schon in mittelhochdeutschen Schriften aus dem 11. und 12. Jahrhundert auf. Ob es damals bereits Perchtenbräuche gab, weiß die historische Forschung nicht. Als Fastnachtsbrauch sind die Perchten im 17. Jahrhundert belegt. In der Faschingszeit traten maskierte Personen auf. Auch verschiedene Elemente der italienischen Commedia dell'Arte flossen mit ein. Seit den 1980er-Jahren breitete sich das Perchtenwesen vom ostbayerischen Raum immer weiter aus. Für Gabriele Wolf, Geschäftsführerin des Instituts für Volkskunde an der Münchner Akademie für Wissenschaften, ist klar, dass zwischen der wissenschaftlichen Forschung und dem zu trennen sei, was die Leute glaubten. Eine längere historische Tradition sei fraglich, sagt sie. Doch scheine es den Leuten viel Spaß zu machen.