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Loisachhalle:Hunderttausend Momente

Das Philharmonische Orchester Isartal spielt die Musik zum ältesten abendfüllenden Animationsfilm der Welt: "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" von Lotte Reiniger

Von Leonard Scharfenberg, Wolfratshausen

Langsam und synchron zur dramatischen Musik strecken sich die spinnenhaften Finger des afrikanischen Zauberers gen Himmel. Er wirft sich hin und her, während hinter ihm immer wieder Kreaturen schemenhaft aufflimmern. Dann hat er es geschafft: Das fliegende Zauberpferd ist geschaffen. Mit dieser Szene beginnt der beeindruckende Animationsfilm "Die Abenteuer des Prinzen Achmed", den das Philharmonische Orchester Isartal in zweieinhalb Wochen in der Wolfratshauser Loisachhalle bei einem Filmkonzert zum Leben erweckt.

Der Stummfilm ist ein wahres Wunderwerk. Drei Jahre lang arbeitete die Berliner Animationsfilmpionierin Lotte Reiniger an der Scherenschnitt-Interpretation des arabischen Märchens. Der fünfaktige Film besteht aus mehr als 100 000 Einzelaufnahmen von Scherenschnittsilhouetten und setzte bei seiner Premiere im Jahr 1926 neue Maßstäbe. Der Protagonist, Prinz Achmed, versucht seine Schwester und seine Geliebte vor den gierenden Klauen des Zauberers zu retten. Er wandelt durch märchenhaft ausgestaltete Welten und nimmt den Zuschauer, der sich - Hollywood lässt grüßen - erst einmal eine Zeit lang an die kunstfertige, aber sprachlose Unterhaltung gewöhnen muss, mit auf eine Reise durch Arabien, Afrika und China.

Der verliebte Prinz Achmed verzaubert ohne Worte. Drei Jahre lang hatte Lotte Reininger an den Scherenschnitten gearbeitet.

(Foto: Strobel, Primrose Film Prod.)

So richtig mitreißend wird das Märchen jedoch erst durch die vom Komponisten Wolfgang Zeller geschriebene Originalfilmmusik. Live gespielt von den 50 Musikern des Philharmonischen Orchester Isartals unter der Leitung von Christoph Adt erwacht die über 90 Jahre alte Partitur zu neuem Leben. Das Laienorchester spielt die abwechslungsreiche und von Tempowechseln durchzogene Musik mit Hingabe und erstaunlicher Perfektion. Die große Schwierigkeit ist es, punktgenau mit den Tönen die Bilder zu treffen, denn die Filmmusik ist präzise auf die Szenen zugeschnitten. Von geheimnisvoll und düster bis erleichtert und fröhlich zieht die Musik den Zuschauer noch tiefer in die fantastische Geschichte des Prinzen Achmed. Sie erinnert in ihrer bildhaften Vielfalt an romantische Orchesterwerke.

Seit der im Zweiten Weltkrieg verschollene Film wiederentdeckt wurde, haben sich viele Künstler der Vertonung angenommen. Eine mitreißendere Musik als die Zellers ist schwer vorstellbar. Der sächsische Komponist arbeitete damals in enger Absprache mit Reininger, was dem Gesamtwerk durchaus anzumerken ist. Die beiden schufen damit den ersten abendfüllenden Trickfilm Deutschlands, der bald schon Kinosäle in anderen Ländern füllte.

Um jene Zeit besser einfangen zu können, bietet der Konzertverein Isartal mit Unterstützung der Stadt vor den beiden Konzerten jeweils ein Vorprogramm im Stile der 1920er Jahre. Eine Scherenschnittkünstlerin und mehrere Zirkusschüler stimmen die Gäste auf den Abend ein, dazu gibt es eine Tombola und ein Buffet. Der Film und seine Musik enden übrigens glücklich und versprechen mehr als eine Stunde lang zauberhafte Unterhaltung.

Neue Herausforderung: Das Philharmonische Orchester Isartal unter der Leitung von Christoph Adt übt die Filmmusik von Wolfgang Zeller ein.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Konzerte in der Loisachhalle Wolfratshausen finden am Samstag 14. Juli, und Sonntag, 15. Juli, statt und beginnen um 21 Uhr; das Vorprogramm startet um 19.30 Uhr; Karten im Vorverkauf kosten 24 Euro, ermäßigt 12 Euro (München-Ticket); am Sonntag kann jeder voll zahlende Erwachsene ein Kind (bis 14 Jahre) gratis mitbringen; mehr Infos unter www.konzertverein-isartal.de

© SZ vom 28.06.2018
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