bedeckt München 32°

Kunst und Kultur:Unterm Sternenhimmel des Kini

Starnberg: Museum 'Im Schein der Sterne'

Im Schlafzimmer Ludwigs II. funkelten Kristalle an der Decke, die Kerzen erhellten. Beim Nachbau in Starnberg strahlen Glühbirnen.

(Foto: Nila Thiel)

Das nachgebaute Schlafgemach des Königs ist Teil einer fulminanten Sonderschau im Museum Starnberger See

Von Katja Sebald, Starnberg

Das Herz der Ausstellung "Im Schein der Sterne. Geschichten vom Nachthimmel" schlägt im Untergeschoss des Museums Starnberger See: Nach einer Reise in Lichtgeschwindigkeit durch die Jahrtausende der Sternenschau findet sich der Besucher unvermittelt im Tassozimmer wieder, dem Schlafgemach der bayerischen Könige auf Schloss Hohenschwangau - unter dem Sternenhimmel, den Ludwig II. dort schaffen ließ und der hier originalgetreu nachgebaut wurde. Besucher können den "Märchenkönig" sozusagen im Schlafanzug treffen.

Dessen Vater, König Maximilian II., hatte die Ausmalung des Schlafzimmers noch in seiner Kronprinzenzeit in Auftrag gegeben. Die Wände zeigen Szenen aus Torquato Tassos Epos "La Gerusalemme liberata", Franz Xaver Glink führte sie nach Entwürfen von Moritz von Schwind in den Jahren 1834 und 1835 aus. Die allegorische Darstellung der Nacht, eine geflügelte weibliche Gestalt mit ihren Kindern Schlaf und Tod, an der gewölbten Zimmerdecke war schon damals von einem gemalten Sternenhimmel umgeben. Ludwig und sein Bruder Otto dürften das geheimnisvoll bemalte Zimmer seit ihrer Kindheit gekannt haben, allerdings nur in einer jugendfreien Version: Königin Marie hatte darauf bestanden, dass die nackten Sirenen bekleidet wurden.

Nachdem Ludwig II. das königliche Schlafgemach von seinem Vater geerbt hatte, ließ er die hellblaue Farbe des Himmels durch ein Nachtblau ersetzen und in die gemalten Sterne kleine Löcher schlagen, die bis in den darüberliegenden Raum führten. In die Öffnungen wurden Kristalle eingesetzt. Ging der König - meist erst in den frühen Morgenstunden - zu Bett, wurden Kerzenleuchter über den Lichtlöchern entzündet. Zum Einschlafen funkelte dann ein künstlicher Sternenhimmel über seinem Bett, das unter einem gemalten Baum stand. Durch das Laub schimmerte ein verstellbarer Mond.

In Hohenschwangau wurde die Beleuchtung des Nachthimmels bald nach dem Tod Ludwigs entfernt, die Löcher in der Decke sind dort zugegipst. Im Museum Starnberger See ist der künstliche Sternenhimmel jetzt noch einmal erstanden: Der Raum wurde mit Fotografien von Wänden und Decken in Originalgröße ausgekleidet. Auch die beleuchteten Deckenlöcher gibt es hier wieder - allerdings funkeln die Sterne nicht durch Kerzenlicht, sondern durch schnöde Glühbirnen.

Die Sonderausstellung ist seit 9. Mai zu sehen. Das Museum war mit das erste in Bayern, das dank niedriger Inzidenzzahlen wieder öffnen konnte. Während des zurückliegenden, von der Pandemie bestimmten Jahres hat Museumsleiter Benjamin Tillig mit seinem Team nicht nur Schließungen und Öffnungen, Terminverschiebungen und Sparmaßnahmen bewältigt, sondern auch die Renovierung des historischen Lochmann-Hauses vorbereitet, an der Konzeption einer neuen Dauerausstellung gearbeitet - und außerdem die Sternen-Ausstellung realisiert.

Dieses fulminante Gesamtkunstwerk widmet sich der Himmelsbetrachtung in Geschichte und Gegenwart, es vereint heimatkundliche und globale Aspekte, Ethnologie und Kunstgeschichte, Naturwissenschaftliches, Mythologisches und Spielerisches, Forschergeist und zeitgenössische Kunst. Und weil das noch nicht genug ist: Die Ausstellung erstreckt sich auf beinahe alle Bereiche des Museums. Insbesondere die Räume im Altbau mit ihren knarzenden Böden, rußgeschwärzten Mauern und dunklen Holzvertäfelungen, die wegen der anstehenden Sanierung weitgehend leer geräumt sind, erstrahlen mit den sparsam gesetzten Interventionen von acht Künstlern auf ganz neue Weise.

Im Foyer des Neubaus werden die Besucher von Björn Dahlems silbrig glänzender Türmchen-Assemblage "Seltsamkeit" begrüßt, die mit ihrer Anmutung irgendwo zwischen der Flohmarktverspieltheit von Daniel Spoerri und der Bedeutungsschwere des Torre dell'Orologio in einem höchst spannenden Kontrast zur Betonästhetik des Museums steht. Nebenan im Altbau wird die berühmte "Starnberger Heilige" des Rokokobildhauers Ignaz Günther, eines der bedeutenden Exponate des Museums, von der Licht- und Soundinstallation "Jupiter und Io" gleichsam umtanzt. Susanne Rottenbacher und Grischa Lichtenberger haben die Arbeit eigens für die sogenannte "Kapelle" des Museums geschaffen. Johanna Reich bespielt die historische Küche mit der ebenso leichthändigen wie eindrücklichen Videoinstallation "Homo Ludens II / Universum".

Bis Januar 2022 Museum Starnberger See, Possenhofener Straße 5, Starnberg. Di bis So und Feiertage, 10-17 Uhr, Termine unter 08151/4 47 75 70 oder info@museum-starnberger-see.de

© SZ vom 15.05.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB