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Kunst am See:Aufgeräumte Landschaft

Starnberg, Galerie Thoma, Ausstellung Reiner Wagner

Reiner Wagner vor den Bildern "Blick nach Süden" (links) und "Weg, Stadel und Berge". Oft gesehene Motive begreift der Künstler immer wieder als neue Herausforderung.

(Foto: Georgine Treybal)

Maler Reiner Wagner zeigt in der Thoma-Galerie in Starnberg streng komponierte Gemälde und Stillleben

Von Katja Sebald, Starnberg

Die Ausstellung ist eröffnet, allerdings ohne Eröffnung. Anstelle einer Vernissage gab es diesmal ein ganzes Wochenende, an dem die Galeristin und der Künstler die Besucher nach vorheriger Terminabsprache empfingen. "Eigentlich ist es doch so viel besser", sagt Reiner Wagner am ersten Ausstellungstag, "endlich hat man einmal Zeit, sich in Ruhe zu unterhalten". Und auch Doris Welker, Inhaberin der Thoma-Galerie in Starnberg, ist mehr als zufrieden. Gleich in den ersten Stunden hat sie zwei Bilder verkauft.

Dem Besucher bietet sich nun anstelle des üblichen Vernissagengedrängels ein ruhiger Raum, in dem er die rund zwanzig Landschaftsgemälde und Stillleben, die meisten in kleinen und mittleren Formaten, auf sich wirken lassen kann. Fast alle Bilder sind neueren Datums. "Ich habe in den letzten Wochen furchtbar viel gearbeitet", sagt der 78-Jährige. Und man könnte meinen, dass er auch viel spazieren gegangen ist. In der aktuellen Ausstellung finden sich nahezu ausschließlich Motive vom Starnberger See und der näheren Umgebung, sodass das Betrachten der Bilder selbst einem ausgedehnten Spaziergang durchs "Blaue Land" gleicht.

"Weg am See" heißt ein Bild, auf dem das Seeufer zwischen Ambach und Sankt Heinrich in der Morgensonne zu sehen ist. Es ist wie viele von Wagners Landschaften nur auf den ersten Blick eine Momentaufnahme oder eine spontane Impression. Auf den zweiten Blick erweist es sich als sorgfältige Komposition aus Flächen, Formen und ihren Farben.

Aus dem von der Sonne beschienenen Weg und der hellen Rasenfläche ergeben sich zusammen mit dem dunklen Schatten der Bäume und dem Lichtblau des Wassers mehrere Dreiecksformen, die sich im Zentrum des Bildes treffen. Manchmal, so berichtet der Maler, stelle er die Leinwand während des Arbeitsprozesses auf den Kopf, um sich ganz auf diese sozusagen abstrakten Formen und ihre sorgfältige malerische Ausgestaltung konzentrieren zu können.

Den Blick auf den Weiler Pischetsried am Südende des Starnberger Sees, wo Wagner die Hälfte des Jahres lebt und arbeitet, hat er unzählige Male in eine solche Anordnung aus Farbflächen übersetzt, ebenso die Dächer der Höfe und Stadel, wie sie sich von einer Anhöhe über Ambach aus präsentieren.

Das oft gesehene Motiv begreift er immer wieder als Herausforderung. Es ist zwar einerseits ein Landschaftsausschnitt, den man durchaus verorten kann, für den Maler aber geht es hier um die Anordnung einer stets ungeraden Zahl von Hausformen, Bäumen oder auch nur Zaunpflöcken und um die Abstimmung von Farbnuancen zwischen Wiesengrün und Baumgrün, Sonnengrün und Schattengrün, Ziegeldachrot und Stadelholzbraun, Seeblau und Himmelblau. Und so entstehen die streng komponierten, stillen und gleichsam aufgeräumten Landschaften, für die Wagner bekannt ist.

Je sparsamer er die malerischen Mittel einsetzt und je weniger er das Stimmungsvolle oder gar Spektakuläre der Landschaft in Szene setzt, desto wirkungsvoller sind seine Bilder. So gibt es etwa in dieser Ausstellung ein kleines hochformatiges Bild, das durch die Horizontlinie in zwei nahezu gleich große Hälften geteilt wird. Die untere Hälfte besteht aus einer sattgrünen Wiesenfläche, die obere aus einem sanften Frühsommerhimmel. Dazwischen gibt es einen schmalen Streifen Landschaftsszenerie, der nichts als einen schlichten Heustadel vor einem dunklen, fast schwarzen Wald zeigen will. Was dieses gänzlich unprätentiöse Bild zu einer kleinen malerischen Sensation macht, ist das Sommersonnenflirren, das Wagner auf der hellroten Fläche des Stadeldachs eingefangen hat und das er zwischen dem Grün und dem Blau aufleuchten lässt.

Lichtstimmungen bilden ein Thema, das Wagner auch in seinen Stillleben verfolgt. Manchmal hält er einfach besondere Momente skizzenhaft und mit leichter Hand fest, etwa wenn auf den Farbdosen am Atelierfenster bunte Lichttupfer und Schattenflecken entstehen. Oder wenn ein besonderer Farbklang zwischen einer einzelnen roten Blüte in einer Glasvase, dem warmen Farbton der Tischdecke und dem kühlen Dunkel der Wand entsteht.

Während dieses Bild aus dem Augenblick heraus in einem Zug entstand, musste der Maler um einen anderen besonderen Moment lange ringen: Ein Stillleben mit Mohnblüten beschäftigte ihn monatelang.

Die Ausstellung von Reiner Wagner ist bis 4. Juli nach Anmeldung unter 08151/973715 oder info@thomagalerie.de zu sehen.

© SZ vom 29.05.2020

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