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Konzertkritik:Mit vui Gfui im "Kettnkarussell"

Man könnte ihm ewig zuhören. Mathias Kellner stellte in Wackersberg sein neues Album "Kettnkarussel" vor.

(Foto: Toni Heigl)

Mathias Kellner findet eine neue Metapher für die Welt

Das Konzept des Abends ist klar: "Mia spuin a weng und dann is vorbei", sagt Mathias Kellner. Besonders innovativ sei das freilich nicht. "Aber es hat schon oft funktioniert." Es funktioniert auch am Sonntagabend im fast ausverkauften Kramerwirt: Songs aus dem dritten bayerischen Soloalbum "Kettnkarussell", "aber auch Oldies und Evergreens aus 40 Jahren Kellner" gibt es, gesungene Geschichten und ganz vui niederbayerisches Gfui. Und natürlich geradlinige, eingängige Rock-Blues- und Country Songs, die Kellner am Sonntag mit seiner One-Man-Band Otto Schellinger an Bass, Gitarre, Schlagzeug und Gesang spielt.

Schellinger, der am 23. Juni ein Konzert im Brauneck Hotel gibt und zuletzt beim Bavarian Beats-Festival im Kurhaus mit dabei war, spielt zwei seiner geschmeidig-flotten Songs: Den "Straßenmusik Tango" und sein witziges "Liebeslied" für die Sportmoderatorin Sabine Töpperwien. Dann macht er auf der Bühne Platz für Mathias Kellner, den Mann mit Bärenstimme und ebensolcher Statur, der ganz und gar tiefenentspannt wirkt. 32 ist der gebürtige Straubinger inzwischen, er hat geheiratet und ist Vater eines Sohnes geworden. Die Karriere des gelernten Schreiners begann vor zehn Jahren. 2007 spielte er im Vorprogramm von Claudia Koreck, 2010 landete er mit dem "iSong" einen Hit, 2012 gab er sein Debüt als Schauspieler in der schrägen bayerischen Komödie "Was weg is, is weg." 2014 erschien seine erste "Mundartplattn", das Album "Hädidadiwari".

Vieles sei damals besser gewesen: "Der Beckenbauer noch Kaiser und der Hoeneß noch eigsperrt." Dreieinhalb Jahre für 28 Millionen, das macht 22 000 abgesessene Euro pro Tag. Fazit Kellner: "I mach jetzt mei Steuererklärung auch nimmer. Die halbe Stund sollns mi einsperren." Ein Abend mit ihm ist nicht nur musikalisch eine runde Sache. Auch sein trockener Humor, die bodenständigen Geschichten über "Zipfegsichter", greislige Wirtshäuser und eine Heimat, die zum Davonlaufen schön ist und die er in "Bei uns dahoam" besingt. Wo das erste eigene Auto, der blaue Ford Fiesta, "ned bloß a Auto, sondern a Freind war, mit dem mia jeden Tag in den niederbayerischen Sonnenuntergang gfahren san."

Kellner gibt seinen Platten übergeordneten Themen: eine Bestandsaufnahme in "Hädidadiwari", eine Reise zurück in die eigenen Kindheit und Jugend in "Zeitmaschin". "Kettnkarussel" will er als Metapher für die Welt verstanden wissen: ein ewiges Auf und Ab, mal ein Vergnügen, mal eine Tortur, manche dürfen immer mitfahren, andere nur zuschauen. "Man sucht als Liedermacher ja nach unverbrauchten Metaphern", sagt Kellner. Dass einer wie Justin Bieber, der "nur Schmarrn erzählt" so einen Erfolg hat, das ärgert ihn.

Kellner sind die Texte wichtig, sie sollen das ausdrücken, was ihn bewegt, und das möglichst ohne Klischees. "I bin nur a Zahnradl, des sich blind und stur um sich selber draht", heißt es etwa im Song "Vagiss ned s'Lebn". Der Niederbayer verfüge über eine gewisse Grunddepression, der man musikalisch nur mit einem fröhlichen Banjo und einem Country-Rhythmus Herr werden könne. So wie im Song "Ned so schlimm", samt I-ah Gewiehere. Denn ohne Selbstironie geht es bei Kellner zum Glück nicht. Zum Beispiel sein Exkurs über derzeit angesagte, radiotaugliche Songs: Entweder Singer-Songwriter mit akustischer Gitarre und "a bisserl moll". Oder Tanzlieder mit Groove und Basslinie, die Schellinger anspielt. Ein "beschissenen Text", das sei so etwas wie das ungeschriebene Gesetz aller Tanzlieder: "Do you like dancing, I wanna dance", intoniert Kellner - umwerfend, wie er das locker so eben aus dem Handgelenk schüttelt. Und schon sei der halbe Hit fertig, "da kannst an Ferrari gleich bestellen".

Man könnte ihm ewig zuhören, beobachten, wie er mit geschlossenen Augen den Blues singt, mit geschmerztem Gesicht die Liebeskummer-Ballade "Geh hoam" und die Leute bei den Mitklatschnummern animiert. Als erste von zwei Zugaben gibt es ein "altes Volkslied aus dem Straubinger Raum": "Paula" von Haindling, einem anderen großartigen Niederbayern.