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Konzertkritik:Holpriges Experiment

Die "Living Tones" aus Krailling spielten eine große Anzahl von Liedern ihrer zwei Alben.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die "Living Tones" können in Geretsried nicht überzeugen

Von Arnold Zimprich, Geretsried

Der Hinterhalt-Wirtin ist der Trubel um den Hinterhalt anzumerken. Die vergangenen Wochen musste Assunta Tammelleo das Geltinger Kleinod erneut verteidigen - gegen einen sich in seiner Ruhe gestörten Anwohner, der selbst wiederum keine Ruhe geben will - und gegen Behörden, die den Hinterhalt in seinem Wirtschaften einschränken wollen. Und so betritt sie vor den Living Tones die Bühne, wendet sich in einer energischen Rede an die Besucher und fordert sie dazu auf, sich in Unterschriftenlisten einzutragen und dadurch ihre Solidarität zu der kleinen Bühne zu bekunden.

"Wir covern nicht" eröffnet Geiger Alexander Sabo anschließend das Konzert der Living Tones. "Es sind ausschließlich Eigenkompositionen." Man fragt sich allerdings schon angesichts des ersten Songs "Things just passing through", ob die Kraillinger Band nicht doch besser gecovert hätte. Egal ob das Quintett um Komponist Marcus Schmitt in Simple English den "Beautiful Sunshine" oder - der einzige Song auf Deutsch - das "Hier und Jetzt" besingt: Der Funke will nicht recht überspringen, der Genius versteckt sich, manch einer im Publikum sitzt angesichts des Geschehens auf der Bühne etwas ratlos da.

Zum einen fehlt der Band eine behutsamere Abmischung. Die Instrumente überlagern sich, die Klänge kommen sich in die Quere und Geige, E-Gitarre und Bass für sich genommen nur wenig zur Geltung. Zum anderen lassen die Arrangements nur wenige Harmonien zu, was auch dem Anspruch der Kraillinger Band geschuldet sein mag, Funk, Soul und Rock zu einem großen Ganzen zu verschmelzen. Hier wurde etwas zu viel gewollt, und es hilft nichts - man kommt nicht umhin, sich auch nach dem fünften Lied zu fragen, was die Essenz dieser Musik sein soll. Wild zusammen gemischte Weltmusik? Ein nicht enden wollendes Medley? Die Living Tones wirken bemüht, die Band tut, was sie kann, aber es ist zu wenig raffiniert, um gut zu klingen und den Zuhörer zum genussvollen Weiterhören zu motivieren.

Zwischendrin überzeugt Marcus Schmitt mit einem Gitarrensolo und Alexander Sabo an der E-Geige, auch Gudrun Zajicek hat eine schöne Stimme, doch zusammen mit Anekdoten, die bestenfalls gekünstelt wirken und Witzen, die nicht zünden, wird es zunehmend anstrengend, auf das nächste passable Solo zu warten und Song für Song zu hoffen, dass die Kurve noch gekratzt und die ein- oder andere Harmonie doch noch gefunden wird. Die Living Tones schreiben sich musikalische Vielfalt auf die Fahnen, trotzdem hätte den Songs ein wenig mehr Richtung nicht geschadet. Am Ende bleibt unklar, was die Musik bezwecken soll - als l'art pour l'art reicht das Dargebotene leider nicht aus. Immerhin - eine gewisse Experimentierfreudigkeit, einen gewissen Groove, eine gewisse Leichtigkeit kann man den Kraillingern nicht in Abrede stellen. Die Living Tones sind wie der Chemiebaukasten aus der Jugendzeit - mal ergibt sich eine feine Emulsion, mal kracht es gewaltig.

Man wünscht dem Quintett für das nächste Konzert ein sorgfältigeres Händchen beim Soundcheck - und dass es aus der Vielzahl von Einflüssen, die es in seine Musik einbaut, eine etwas stringentere Linie herausarbeitet. "Everything is passing and comes to life again" lautet eine Liedzeile. Mögen sich die Living Tones das zu Herzen nehmen.

© SZ vom 27.01.2020

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