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Konzertkritik:Abschied von "Papa Haydn"

Haydn kommt beim Delian-Quartett modern daher, die "Theater-Suite" von Schostakowitsch hingegen mit einer traditionellen Note.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

"Streicher pur" in Wolfratshausen: Das Delian-Quartett irritiert und begeistert mit einem eigenwilligen Programm und ungewöhnlichen Interpretationen in der gut besuchten Loisachhalle

Schon wieder ein Streichquartett? Nicht einmal einen Monat nach dem überreichen Quartett-Angebot des Ickinger Frühlings sind erneut vier Streicher in der Region zu Gast gewesen. Der Konzertverein Isartal hatte das Delian-Quartett in die Loisachhalle eingeladen; "Streicher pur" lautete das Motto des Abends. Die Halle war gut besucht, aber nicht voll.

In pechschwarze Gewänder gehüllt, betraten die vier Musiker den Saal. Die beiden Geiger und der Bratscher spielten im Stehen, was zur Folge hatte, dass die Cellistin auf einem erhöhten Podest Platz nehmen musste, um mit ihren Kollegen auf Augenhöhe zu bleiben. Ein Programm abseits der ausgetretenen Pfade hatten die Künstler zusammengestellt. Zu Beginn Haydn, das erste Quartett aus der berühmten Serie Opus 33, die zwar bahnbrechende musikhistorische Bedeutung besitzt, aber erstaunlich selten gespielt wird.

Vom uralten Klischee des harmlos-gemütlichen "Papa Haydn" wollte das Delian-Quartett nichts wissen und betonte stattdessen die Modernität dieser Musik, das Zukunftsweisende weit über die Wiener Klassik hinaus. Hart, manchmal geradezu schroff wurden die dynamischen Gegensätze herausgespielt, auch auf Kosten der melodischen Schönheit, und mancher Zuhörer, der bei Haydn etwas anderes erwartet hatte, war irritiert.

Das Spiel des Delian-Quartetts war nicht frei von Manierismen, etwa wenn die Legatobögen, die in den Noten stehen, konsequent auf einen Bogen gespielt wurden, oder wenn der Primarius gelegentlich kurze Läufe interpolierte. Der langsame Satz hatte nichts Behäbiges, nichts Beschauliches an sich, sondern war von der gleichen nervösen Unruhe geprägt wie die schnellen Sätze, und das Presto-Finale geriet zur atemlosen Hetzjagd, bei der der erste Geiger seinen Bogen wild über die Saiten tanzen ließ.

An zweiter Stelle dann Schostakowitsch, aber nicht eines der 14 Streichquartette des Meisters, sondern eine "Theater-Suite", zusammengestellt aus verschiedenen Bühnenmusiken. Eine Bearbeitung also, deren Berechtigung und Notwendigkeit man durchaus in Frage stellen kann, gerade bei einem so produktiven Quartett-Komponisten. Und seltsam: So sehr Haydn in die Zukunft blickte, so sehr war Schostakowitsch an der Vergangenheit orientiert, in dieser Theater-Suite weit mehr noch als in seinen Originalquartetten. Mit sichtlichem Vergnügen stürzten sich die Streicher in die Walzerfreuden der Tafelmusik und in die Pizzicato-Klänge der Gavotte. Hier konnte das Delian-Quartett seine größte Stärke ausspielen: das unglaublich farbige und abwechslungsreiche Klangbild. Behutsam und zart kam das Wiegenlied daher, verstohlen raunend der Dialog zwischen Rosencrantz und Guildenstern, festlich und orchestral die Pantomime.

Nach der Pause gab es zunächst fünf Kontrapunkte aus Bachs "Kunst der Fuge" zu hören, und das Delian-Quartett zeigte sich erneut von einer anderen Seite. Die Musiker boten ein ruhiges, aber nicht monotones Bach-Spiel, von der historischen Aufführungspraxis beeinflusst, aber doch mit eigenständiger Note. Die Fugenthemen wurden deutlich, aber nicht überpointiert herausgearbeitet. Beim letzten, unvollendeten Kontrapunkt hatten sich die Künstler für eine eigenwillige Lösung entschieden. Sie spielten nicht bis zu dem Punkt, wo Bachs Autograph abbricht, sondern beendeten das Werk zuvor an geeigneter Stelle, um nahtlos ein frühes Streichquartett von Franz Schubert anzuschließen. Und siehe da: Der frühe Schubert und der späte Bach passten erstaunlich gut zusammen.

Das Schubert-Quartett beginnt mit einem Fugato, das natürlich nicht an Bachs unvergleichliche Meisterschaft heranreicht, aber gerade deshalb eine Brücke schlägt vom Spätbarock zur Frühromantik. An anderen Stellen hat Schubert sein Quartett geradezu orchestral komponiert, Reminiszenzen an Glucks "Orpheus und Eurydike" inbegriffen. Gerade der erste Satz endet so schwungvoll, so mitreißend, dass ein Teil des Publikums spontan applaudierte; das Delian-Quartett hatte sich aber entschieden, alle vier Sätze zu spielen.

Kammermusikalischen Feinschliff sucht man bei diesem Frühwerk noch vergebens, doch immer wieder blitzt die Genialität des jungen Meisters auf, und die Musiker nahmen die Komposition dementsprechend ernst. Als Zugabe ein weiterer Schubert: Eine Quartettfassung des Lieds "Nur wer die Sehnsucht kennt", geschmackvoll und melodisch gespielt, wenngleich auch diese Bearbeitung ein Fragezeichen verdient.