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Interview:"Ein Großteil meines Einkommens ist weg"

Peter Becker von der Marienapotheke in Wolfratshausen ist auch betroffen von der AvP-Pleite.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Nach der Pleite des Rezeptdienstleisters AvP stehen viele Apotheken vor dem Ruin. Auch Peter Becker und seine Wolfratshauser Marienapotheke sind von der Insolvenz der Partnerfirma betroffen

Von Jakob Teterycz

Der Rezeptdienstleister AvP (Arzneiverordnung in der Praxis) in Düsseldorf hat Mitte September Insolvenz angemeldet. Etwa 3500 Apotheken in Deutschland müssen sich jetzt auf hohe finanzielle Ausfälle einstellen. Einer Schätzung des vorläufigen Insolvenzverwalters zufolge schuldet der Dienstleister den Apotheken im Durchschnitt 120 000 Euro. Auch die Marienapotheke am Obermarkt in Wolfratshausen ist betroffen. Inhaber Peter Becker über die Folgen der AvP-Pleite.

SZ: Herr Becker, haben Sie schon ausgerechnet, wie viel Geld bei Ihnen in der Kasse fehlt?

Peter Becker: Das muss ich nicht ausrechnen, die Abrechnung ist inzwischen da, wir haben das jetzt schwarz auf weiß. Ein Großteil meines persönlichen Jahreseinkommens ist weg.

Sie haben heuer also quasi umsonst gearbeitet?

Ja, annähernd umsonst.

Sind in der Region denn noch andere Apotheken betroffen?

Das weiß ich nicht so genau, ich bin erst seit zehn Jahren in Wolfratshausen. Aber in Brandenburg, wo ich herkomme, in der Nähe von Berlin - da sind viele Kollegen noch schwerer betroffen als ich.

Welche Konsequenzen hat die AvP-Pleite für Ihre Apotheke?

Wir stehen jetzt glücklicher Weise nicht vor dem Ruin. Dennoch bin ich gezwungen, einen Kredit aufzunehmen, um den weiteren Betrieb der Apotheke zu gewährleisten. Diesen bekomme ich über die KfW-Bank, leider ist die Apobank wenig flexibel und hilfreich. Regulär hätte ich diesen Kredit gar nicht gebraucht.

Wie funktioniert so eine Rezeptabrechnung eigentlich?

Die AvP ist ein Abrechnungsunternehmen, das zwischen den Apotheken und den Krankenkassen steht. Wir geben die Rezepte an die AvP, diese gibt sie an die verschiedenen Krankenkassen weiter. Die Krankenkassen vermitteln das Geld anschließend über die AvP an uns zurück. Wir stehen mit den Krankenkassen also in keinem direkten Kontakt. Soweit ich weiß, ist das sogar gesetzlich so vorgeschrieben, dass da eine Zwischeninstanz eingeschaltet ist.

In welchem Zeitraum haben Sie denn kein Geld mehr von der AvP bekommen?

Konkret ist der gesamte August betroffen. Die gesammelten Rezepte wurden am 1. September bei der AvP eingereicht. Die Krankenkassen erhalten diese dann immer so am fünften oder sechsten des Monats. Bei den Apotheken kommt das Geld dann zur Monatsmitte an. Dies ist nun nicht geschehen. Der Insolvenzfall ist genau zu dem Zeitpunkt eingetreten, als die AvP zwar von den Krankenkassen schon das Geld kassiert hatte, das Geld aber noch nicht an die Apotheken weitergeleitet worden war. Unabhängig vom Zustand der AvP hätte dieses Geld aber korrekterweise an die Apotheken gehen müssen. Jetzt ist diese Auszahlung durch den Insolvenzverwalter blockiert. Das läuft jetzt auf einen langjährigen Rechtsstreit hinaus.

Was glauben Sie: Wie viel Geld bekommen Sie wieder?

Das Maximum ist wohl, dass ich 50 Prozent meiner Augusteinnahmen wiederbekomme. Wann das passiert - keine Ahnung. Da die AvP mit den Apotheken ganz unterschiedliche Verträge geschlossen hat, sind sich die Juristen noch nicht einig, wie man mit dem Fall umgehen sollte. Denn das ist eine einmalige Situation im deutschen Rechtswesen.

Was bedeutet die AvP-Insolvenz kurz nach dem Lockdown für die Apotheken?

Zu Corona-Zeiten haben vor allem die Apotheken in Fußgängerzonen, im Bahnhof oder im Flughafen sehr gelitten. Die bezahlen horrende Mieten, hatten im Lockdown aber keine Kundschaft mehr. Wenn die jetzt unverschuldet noch einen solchen Verlust verkraften müssen, dann sind viele bestimmt insolvenzbedroht. Wir konnten durch unseren Lieferservice den Verlust immerhin noch abfangen.

Aber angeblich sind die Apotheken doch die Gewinner des Lockdowns.

Das kann ich mir nicht vorstellen. Der Versandhandel ist vielleicht der Gewinner, aber nicht das Gros der Vor-Ort-Apotheken. Ein wichtiger zusätzlicher Aspekt ist vielleicht: Wir haben im Lockdown einen unglaublichen Dienst geleistet. Wir haben uns vor Ort sehr engagiert, um die Versorgung mit Medikamenten, Desinfektionsmitteln, Handschuhen und den simpelsten Artikeln aufrechtzuerhalten. Fieberthermometer waren beispielsweise nicht mehr verfügbar. Das alles war ein unglaublicher Arbeitsaufwand - das kann sich keiner vorstellen. Dafür haben sich einige Kunden mit einer "Dankeschön-Schokolade" bei uns bedankt. Das fanden alle meine Mitarbeiter und ich grandios!

© SZ vom 28.10.2020
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