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Ickinger Politik:Minimallösungen für den Mobilfunk

In Icking geht die Debatte um Antennenstandorte von vorne los, weil historische Grabstätten das Aus für den geplanten Großmast bedeuten. Wegen massiver Bürgerproteste überdenkt die Gemeinde ihren bisherigen Weg.

Von Susanne Hauck

Icking Mobilfunk

Im Juli noch dachte der Ickinger Gemeinderat, mit dem Wald nördlich des Schulzentrums einen konsensfähigen Standort für einen großen Mobilfunkmast gefunden zu haben. Doch jetzt ist wieder alles auf Null, denn geschützte Hügelgräber aus der Bronzezeit verhindern den Bau.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die unendliche Geschichte um den Mobilfunk in Icking wird wohl noch um einige Kapitel weitergeschrieben. Dabei schien noch im Juli der gordische Knoten geplatzt und mit dem Standort im Wald nördlich des Schulzentrums so etwas wie ein Allheilmittel gefunden, getreu der bislang favorisierten Gangart der Gemeinde: bestmögliche Versorgung bei möglichst geringer Strahlenbelastung. Doch jetzt ist Knall auf Fall wieder alles auf null: Geschützte Hügelgräber aus der Bronzezeit verhindern weiteres Vorgehen. "Es hat sich herausgestellt, dass es dort Bodendenkmäler gibt", teilte Bürgermeisterin Verena Reithmann (UBI) am Montag in der spärlich besuchten Gemeinderatssitzung mit, was das Aus für den so genannten Standort "A 12" bedeute. Bürger hatten auf die Gräber aufmerksam gemacht, deren Existenz zwar nicht neu ist, aber an die offensichtlich keiner mehr gedacht hatte.

Das heißt aber nicht, dass die Telekom ihre Pläne aufgibt. Die Debatte im Gemeinderat ließ durchblicken, dass wegen der geografischen Verhältnisse sogar ein noch höherer Mast statt der ursprünglich geplanten Superhöhe von 50 Metern im Raum steht - auch wenn das so nicht gesagt wurde. Die Bürgermeisterin berichtete, dass zwei Alternativen für "A12" im Gespräch wären, die eine weiter nördlich im Wald als bisher, die andere näher Richtung Straße. Bei einer Begehung zusammen mit dem Mobilfunkunternehmen, dem Sachverständigen Hans Ulrich und den Grundeigentümern habe sich herausgestellt: "Es ist funktechnisch nicht so einfach." Auf die Frage von Gemeinderat Matthias Ertl (PWG), ob diese Sendeprobleme etwa bedeuten sollten, dass der Mast höher als 50 Meter ausfallen werde, antwortete die Bürgermeisterin weder mit Ja noch mit Nein, sondern sagte nur so viel: "Das weiß ich nicht, das ist es, was die Telekom derzeit prüft." Auf Nachfrage der SZ ließ sie sich mit dem Verweis auf die vielen offenen Fragen noch die Äußerung entlocken: "Es kann sein, dass höher geplant wird, weil der Standort niedriger liegt."

Das bisherige Dialogverfahren Ickings in Sachen Mobilfunkantennen-Standorte wird offenbar von weniger Bürgern mitgetragen als gedacht.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Noch seien die Eigentümer unschlüssig, ob sie einen Pachtvertrag unterschreiben sollten, informierte Reithmann in der Sitzung weiter, zudem wollten sie nichts tun, ohne die Gemeinde vorher in Kenntnis zu setzen. Die Räte entschieden sich mehrheitlich dafür, den Strahlenexperten Ulrich mit einem Check-up der Standorte zu beauftragen.

Die Standortverschiebung war aber nicht die einzige Überraschung, mit der die Bürgermeisterin aufwartete. "Es kann sein, dass wir völlig neue Wege gehen", so orakelhaft äußerte sie sich mehrfach im Laufe der Debatte, ohne deutlicher zu werden. Im Nachgang erklärte sie zur SZ, dass die massiven Proteste gegen das von der Gemeinde verfolgten Dialogverfahren ihr stark zu denken gebe. "So viele Bürger sagen, dass sie diese Richtung nicht wollen", sagte Reithmann. "So ist das bis jetzt noch nicht an uns herangetragen worden." Ein vielleicht völlig anderes Stimmungsbild in der Bevölkerung, ein starker Bürgerwille, gekoppelt mit einem vielleicht noch höheren Mast: Da liegt es nahe zu vermuten, dass vielleicht noch einmal alles neu aufgerollt wird in der debattierfreudigen Isartalgemeinde.

In der Sitzung behandelte Reithmann ausführlich die vielfachen Bedenken, mit der sich die Gemeinde im Laufe des Sommers konfrontiert sah. "Es kam deutlich zum Ausdruck, dass keine Verbesserung der Versorgung gewünscht ist", sagte sie zum Inhalt der Schreiben mit teils hundert Unterschriften. Die Mehrheit habe sich für eine so genannte Minimallösung mit dem Ausbau des Standorts Schützenried ausgesprochen, weil er lediglich die S-Bahn abdecke und die Wohngebiete ausspare - obwohl ein Sendemast dort zuvor von Hans Ulrich verworfen worden war. "Das wäre ein Paradigmenwechsel zu unserem bisherigen Vorgehen", sagte Reithmann.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Bürger beim Wald-Standort A 12 durch seine Schulnähe eine größere Strahlenbelastung für die Kinder befürchten, auch wenn Sachverständige das als unbegründet sehen. Auch wird der Eingriff in die Natur als größer als am Standort Schützenried empfunden. Andere im Rat warnten eindringlich davor, vom bisherigen Dialogverfahren abzurücken. Claudia Roeder-stein (UBI) sah die Gefahr darin, den als Strahlenschleudern gefürchteten genehmigungsfreien Dachantennen wieder Tür und Tor zu öffnen. Philipp Geiger (Grüne) und Georg Linsinger (UBI) wiesen darauf hin, dass eine Minimallösung mit schlechterer Versorgung insgesamt zu höherer Strahlenbelastung bei den Handy-Benutzern führen würde.

© SZ vom 16.09.2020

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