Erst ins Museum, dann in die Stadthalle:Raus aus dem Kämmerlein

Das Code-Modern-Festival macht in Penzberg Station und bringt Neue Musik unter die Leute. Wie bei der korrespondierenden Ausstellung "Ringsum Schönheit" lautet die einfache Botschaft: Kunst und Leben gehören zusammen

Von Paul Schäufele, Penzberg

Auf der einen Seite: die Farbexplosionen des Blauen Reiters, die mittlerweile zu den beliebtesten Kunstwerken des zwanzigsten Jahrhunderts gerechnet werden dürfen. Auf der anderen: Neue und neueste Musik, die in aller Regel auf ein eher kleines Publikum trifft. Das Code-Modern-Festival lässt in Penzberg erneut diese Kunstformen aufeinandertreffen und zeichnet damit Verbindungslinien zwischen zwei Avantgarden, die mehr miteinander zu tun haben, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

Ausgangspunkt ist das Museum Penzberg mit einer Sonderausstellung, die unter dem poetischen Titel "Ringsum Schönheit" allerhand kunstgewerbliche Schätze aus dem Umfeld Heinrich Campendonks präsentiert. Zu sehen sind etwa ein elegant geschwungenes Besteck von Richard Riemerschmid, ein von exotischen Frauendarstellungen inspirierter Spiegelrahmen von Ernst Ludwig Kirchner oder ein mit abstrakten Mustern verzierter Kissenbezug des Campendonk-Lehrers Jan Thorn Prikker. Wer sich nach Feierabend in seine so ausgestattete Wohnung zurückzieht, wird wohl sagen können: Ringsum Schönheit. Die Botschaft ist klar und wird doch viel zu selten artikuliert - die Künstler dieser Generation haben sich nicht auf die Gemäldemalerei beschränkt, sondern eine Verbindung von Kunst und Alltag gesucht. Dem Sessel wird dabei genauso viel Beachtung geschenkt wie dem Frauenakt. Kunst und Leben sind ineinander verwoben.

Erst ins Museum, dann in die Stadthalle: Die Musiker des Code-Modern-Festivals brechen alle Spielregeln des Klassik-Betriebs. In der Penzberger Stadthalle nutzen sie den gesamten Raum, wandern umher, tauschen Instrumente oder stecken sie zu neuen Klangkörpern zusammen.

Die Musiker des Code-Modern-Festivals brechen alle Spielregeln des Klassik-Betriebs. In der Penzberger Stadthalle nutzen sie den gesamten Raum, wandern umher, tauschen Instrumente oder stecken sie zu neuen Klangkörpern zusammen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Führung durch die Ausstellung setzt den Impuls für ein Konzert, das sich in der Stadthalle anschließt. Die Macher des Code-Modern-Festivals wollen Neue Musik ins Land und an die Leute bringen. Und so präsentiert das Ensemble der/gelbe/klang Musik der vergangenen 50 Jahre, bekannte Namen, aber auch eine Uraufführung. Es ist klar, dass sich die Interpreten des Münchner Ensembles nicht darauf beschränken werden, auf der Bühne der Penzberger Stadthalle zu sitzen und ihre Partituren abzuspielen. Vielmehr teilt man sich das Parkett mit dem Publikum. Und sitzen bleiben werden die Musiker auch nicht.

Schon das Eingangsstück "Avguštin dober je vin" (2002) des französisch-slowenischen Posaunisten und Komponisten Vinko Globokar bricht mit den Gewohnheiten. Klarinette, Oboe und Querflöte werden unten gebraucht, Fagott und Horn auf der Galerie. Der ganze Raum wird einbezogen in die Performance, die nicht Inszenierung genannt werden kann, obwohl hier durchaus szenisch agiert wird. Die Musizierenden stehen auf, schreiten durch den Raum, füllen die ganze Halle mit mal schrillen, mal zarten Klängen, tauschen die Instrumente untereinander, stecken diese zu einem Kombi-Klangkörper zusammen. Das alles versprüht Werkstatt-Charakter und sagt: Hier wird experimentiert.

Erst ins Museum, dann in die Stadthalle: Das Konzert nimmt Bezug auf die Sonderausstellung "Ringsum Schönheit" im Museum Penzberg - Sammlung Campendonk. Sie zeigt unter anderem diese Terrakottarelief, das Heinrich Nauen für das Wohnzimmer eines Freundes schuf.

Das Konzert nimmt Bezug auf die Sonderausstellung "Ringsum Schönheit" im Museum Penzberg - Sammlung Campendonk. Sie zeigt unter anderem diese Terrakottarelief, das Heinrich Nauen für das Wohnzimmer eines Freundes schuf.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Ähnliches gilt für die 2018 erstmals aufgeführte Solo-Komposition "dust" von Rebecca Saunders, eine der am häufigsten ausgezeichneten Komponistinnen unserer Zeit. Mathias Lachenmayr erprobt dabei, was geschieht, wenn man das klassische Schlagwerk erweitert um profane Alltagsgegenstände. Wie klingt eine Autofeder? Warum nicht mal auf halbierte Gasflaschen schlagen? Wie vertragen sich Bürsten und Schwämme mit einer Kesselpauke? Unter Lachenmayrs Händen nicht schlecht, muss man sagen. Der Schlagzeuger versteht sich darauf, mit dem ungewöhnlichen Instrumentarium virtuos umzugehen und auch hier eine Verräumlichung des Klangs zu erzeugen, ein Spiel mit Vorder- und Hintergrund. So legt sich über das drohende Grollen angeschlagener Metallplatten der Spinett-Klang dünner Metallspiralen. Doch was diese Komposition so faszinierend macht, sind nicht nur die unwirklichen Klänge - hier kann einem Musiker bei der Arbeit zugeschaut werden, was eine Brücke zum letzten Stück schlägt.

Doch zuvor sorgt die Uraufführung von "Thou Art With Me" der Zypriotin Christina Athinodorou für einen Ruhepunkt. Die Komponistin hat sich für das Werk von Psalm 23 inspirieren lassen und sich damit auf eine musikalische Suche nach einem neuen Blick auf Religion und Spiritualität begeben. Befragt wird dabei auch die Figur des Teufelsgeigers, denn das Stück ist mit einer Solo-Violine besetzt. Hochkonzentriert spürt der junge Geiger Lorenz Chen den vielschichtigen Klangbewegungen nach, gerade wenn sie sich aus dem "teuflischen" Intervall des Tritonus ergeben - die alte Musik sprach von dem instabilen Klang als dem "diabolus in musica" (Teufel in der Musik). Dass Athinodorous Komposition dem entgegensteht, zeigen nicht nur die meditativ-ätherischen, zärtlichen Töne, sondern auch die Demutsgeste im Zentrum des Stückes. Hier kniet der Interpret, ohne sein Spiel zu unterbrechen.

Schon beinahe ein Klassiker der Avantgarde ist das 1975 entstandene Stück "Workers Union" des heuer verstorbenen Niederländers Louis Andriessen. Die Besetzung ist zutiefst demokratisch: eine beliebige Gruppe von Instrumenten, nur laut soll sie sein, heißt es. Das schafft das Ensemble unter Leitung von Armando Merino ohne Weiteres und erzeugt mit den präzis ausgeführten, scheinbar endlosen rhythmischen Mustern ein suggestives Klangerlebnis, das auch daran erinnert, welche Bedeutung der Bergbau für die Arbeiter-Stadt Penzberg hatte. Kunst und Arbeit stehen in keinem Widerspruch, im Gegenteil, hier gibt es Noten am laufenden Band.

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