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Ende des Zweiten Weltkriegs:Monuments Men in Dietramszell

Um 1860 malte Carl Spitzweg den Spaziergang einer Gruppe von Klosterschülerinnen unter der Aufsicht zweier Nonnen - heute im Besitz des Freistaats.

(Foto: privat)

Die US-Armee forschte im damaligen Schilcher-Schloss nach Nazi-Raubkunst. Ob das dort entdeckte Spitzweg-Gemälde "Institutsspaziergang" dazugehörte, ist offen.

Der Fall Gurlitt hat die Öffentlichkeit auf ein noch nicht abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte aufmerksam gemacht: die Suche nach Nazi-Raubkunst und deren rechtmäßigen Besitzern. Und im Kinofilm "Monuments Men" spürt Georg Clooney alias Franz Stokes derzeit von den Nazis zur Seite geschafften Kunstgegenständen nach. Die realen Monuments Men waren seinerzeit auch in Dietramszell im Einsatz.

Der Film-Plot basiert einem authentischen Vorgang. Tatsächlich machte sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine Spezialeinheit der US-Armee, die sich aus Wissenschaftlern und Kunstexperten zusammensetzte, auf die Suche nach Kunstwerken, die im Verdacht standen, von den Nazis geraubt, gestohlen oder beschlagnahmt worden zu sein. In mehr als 1500 Depots, in Schlosskellern, Bergwerken und Klöstern wurden Kunstwerke gebunkert: Hauptsächlich aus Museen zum Schutz vor Kriegsschäden, teils aus privaten Sammlungen. Auch im Oberland befanden sich zwei jener Lager: Im Schloss Hohenburg in Lenggries und im Kloster in Dietramszell, damals noch Schloss und Wohnsitz der Familie von Schilcher.

Erst im Jahr 1958 verkaufte die Adelsfamilie das Schloss an die Salesianerinnen und zog in den Sonnenhof um. Im Dietramszeller Depot befanden sich neben Gemälden aus den Pinakotheken, Büchern aus der Bayerischen Staatsbibliothek und Skulpturen aus der Glyptothek auch Gemälde von Hitlers Leibfotograf und Freund Heinrich Hoffmann. Eines der Kunstwerke geriet dabei in den Fokus der amerikanischen Kunstdetektive: der um 1860 entstandene "Institutsspaziergang" von Carl Spitzweg. "Da sich Raub oder verfolgungsbedingter Verlust derzeit nicht gänzlich ausschließen lassen, erfolgte bereits eine Meldung bei der Internetplattform Lost Art", teilten die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen kürzlich mit, die in Bayern die Aufgabe der Monuments Men übernommen haben.

Dass sich im elterlichen Schloss ein Depot für Kunstgegenstände befand, weiß Florian von Schilcher. Persönlich könne er sich nicht daran erinnern, sagt er - Schilcher wurde 1944 geboren. Aber aus Erzählungen wisse er, dass im zweigeschossigen Keller des Schlosses Gemälde zum Schutz vor Kriegsschäden ausgelagert waren: "Der Keller war bombensicher und wir hatten viel Platz." Deshalb sei eine Anfrage von der Neuen Pinakothek gekommen.

Eine Verbindung seiner Familie zum Hitler-Fotografen Hoffmann habe es nie gegeben, betont Schilcher. Dass sich unter den Exponaten aus den Pinakotheken womöglich Raubkunst befand, sei seiner Familie sicher nicht bewusst gewesen. Schilcher ist im Besitz von Fotografien, auf denen zu sehen ist, wie die Amerikaner Gemälde verpacken und für den Abtransport nach München vorbereiten. Einer der Männer auf den Fotos dürfte James Rorimer sein. Nach Informationen der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen war der Monuments Man Rorimer bereits am 1. Juni 1945 nach Dietramszell gereist, um die dort ausgelagerten Kunstwerke zu sichten. Am 4. Mai 1946 wurden sie zum Central Collecting Point nach München gebracht. Von diesem Abtransport ist im "Hochlandboten", der von den amerikanischen Besatzern herausgegebenen Regionalzeitung, nichts vermerkt, wie der Tölzer Archivar Sebastian Lindmeyr sagt. Dass im Schilcher-Schloss überhaupt ein Depot war, darüber hat Lindmeyr ebenso wenig gehört wie seine Dietramszeller Kollegin Agnes Wagner. Sie wisse nur, dass die Dietramszeller im Schloss Alkohol versteckt hätten, aus Angst, die anrückenden Amerikaner würden sich betrinken und plündern, sagt Wagner. Offenbar wurden die Kunstgegenstände ohne großes Aufsehen zum Central Collecting Point nach München abtransportiert.

Die Amerikaner hatten in der Innenstadt, in zwei benachbarten Monumentalbauten der Nazis, eine Sammelstelle für jene Kunstgegenstände eingerichtet, welche die Monuments Men von Sommer 1945 an sicherstellten. Dorthin wurde auch das Spitzweg-Gemälde "Institutsspaziergang" aus dem Besitz Hoffmanns gebracht. Der Verleger, Fotojournalist und glühende Nationalsozialist war Mitglied der "Kommission zur Verwertung der beschlagnahmten Werke entarteter Kunst", Berater beim geplanten "Führermuseum" in Linz und wurde von Hitler zum Kunstprofessor ernannt. In Hoffmanns Fotoatelier in der Münchner Amalienstraße lernten sich Eva Braun und Hitler 1929 kennen; die damals 17-Jährige war dort als Lehrmädchen angestellt.

Hoffmann war einer der Hauptprofiteure des Nazi-Regimes: 1943 besaß er ein geschätztes Privatvermögen von fast sechs Millionen Reichsmark. Die Amerikaner listeten zwei Jahre nach Kriegsende 278 Kunstwerke auf, die er alle rechtmäßig erworben haben wollte. Seine Tochter Henriette war mit dem Reichsjugendführer Baldur von Schirach verheiratet, der bei den Nürnberger Prozessen zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde.

Dass sich Hoffmanns Familie auch an Immobilien bereicherte, ist ein Nebenschauplatz der Geschichte: Wie der Spiegel in seiner Ausgabe 5/2013 schreibt, besaß Hoffmanns Schwiegersohn in Kochel ein gut 4000 Quadratmeter großes Seegrundstück, das nach von Schirachs Verurteilung an den bayerischen Staat fiel. 1955 wurde das Grundstück weit unter Wert für 1,45 Mark pro Quadratmeter verkauft - zurück an Hoffmanns Tochter Henriette von Schirach, die es nach nur zehn Monaten mit 100 Prozent Gewinn weiterverkaufte.

Im April 1945 wurde Heinrich Hoffmann in Oberwössen von der US-Armee, im Beisein von Monuments Men, verhaftet und zunächst zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sein Professorentitel wurde aberkannt und sein Vermögen konfisziert. Hoffmann legte Revision ein, verbüßte nur vier Jahre Haft und stritt nach seiner Entlassung im Jahr 1950 gegen die Konfiszierung seines Vermögens. Im Oktober 1956 sprach ihm das bayerische Finanzministerium 20 Prozent seines Vermögens, rund 350 000 Mark, wieder zu. Dieser Anteil wurde ihm in Form der Gemälde zugesprochen, die zuvor konfisziert worden waren.

Nach Auskunft der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen befand sich der "Institutsspaziergang" auf der Liste der an Hoffmann zurückgegebenen Bilder, wurde dann aber offenbar ausgenommen. Am 28. Februar 1957, also noch vor Hoffmanns Tod im Dezember 1957, erfolgte schließlich die Überweisung des "Institutsspaziergangs" an die Neue Pinakothek. Neue Hinweise, dass es sich bei dem Gemälde aus dem Dietramszeller Depot um Raubkunst handelt, gebe es derzeit nicht. "Da aber die Kette der Vorbesitzer des Bildes in der Zeit von 1933 bis zur Erwerbung durch Heinrich Hoffmann noch nicht geklärt ist, lässt es sich momentan auch nicht gänzlich ausschließen", teilt die Münchner Forschungsstelle mit. Die Recherchen laufen noch.