Eine zweite Karriere Der Quotenkönig vom Midgardhaus

Mit seiner unverblümten und weltoffenen Art kommt der Niederbayer als Fernsehkoch beim Publikum gut an. Offenbar so gut, dass er nun für weitere acht Sendungen gebucht ist

Von Otto Fritscher, Tutzing

Wer nach den beliebtesten Sendungen im Bayerischen Fernsehen gefragt wird, denkt sicherlich zuerst an "Dahoam is dahoam", eine Sendereihe, die schon mal eine Zuschauerquote von rund 17 Prozent bringt. Doch nicht weit dahinter, wohl auf dem zweiten Rang, folgt schon ein Gastronom aus dem Landkreis Starnberg, "der gerne im Fernsehen Geschichten erzählt". So beschreibt sich Fritz Häring, Wirt des Tutzinger Midgardhauses, selbst. Denn als reiner TV-Koch, der geschwätzig mit Gewürzen hantiert und sich selber wichtiger nimmt als die Zuschauer, versteht sich Häring nicht - und so will er auch nicht gesehen werden. Eine Herangehensweise, die offenbar bei den Zuschauern ankommt, denn "Appetit auf Istanbul" erzielte kürzlich eine Quote von 15 Prozent und "Bayern isst bunt" mit der chinesischen Gemeinde in München immerhin noch einen Zuschaueranteil von 14,8 Prozent. "Das ist natürlich ein großes Kompliment für mich, und da machen mir die Dreharbeiten noch mehr Spaß", sagt Häring.

Statt sich selbst zu zelebrieren, erzählt der 61-Jährige lieber Geschichten über ausländische Gemeinden, die sich in Bayern etabliert und integriert haben, oder er fährt zu einer Reisereportage nach Tel Aviv, um dort mit Rockern Motorrad zu fahren, oder nach Istanbul, um sich dort über die Gepflogenheiten in einer Großbäckerei zu wundern. So geschehen in der Sendereihe "Appetit auf ..." eben Tel Aviv, Jerusalem und Istanbul.

Und wenn Häring mit der Sendung "Bayern isst bunt" in München die Uiguren, die er gerne mal Uriguren nennt, besucht und mit ihnen feiert und natürlich auch kocht oder isst, dann tut er all dies mit einer niederbayerischen Natürlichkeit und einer neugierigen Offenheit, die bei seltsamen Dingen ins Staunen kommt, statt belehrend den Zeigefinger zu heben und zu sagen: So geht das eben nicht in Bayern. Es geht, wie Häring überzeugend zeigt. "Ich habe gar nicht gewusst, wie viele verschiedene Nationalitäten in Bayern leben", sagt Häring. Und fügt hinzu: "Ohne Ausländer geht es nicht, schon gar nicht in der Gastronomie, weil wir sonst viel zu wenige Mitarbeiter hätten." Er selbst bildet zurzeit einen afghanischen Flüchtling als Barkeeper aus.

Und dennoch, ganz falsch ist die Bezeichnung TV-Koch für Häring sicherlich nicht, wenn man resümiert, wie oft er schon auf der Mattscheibe zu sehen war: 260 Sendungen hat Häring inzwischen vor der Kamera absolviert. Und das mit zunehmenden Erfolg. Und da im TV-Business Quote alles ist, wundert es nicht, dass der Bayerische Rundfunk Häring in diesem und im nächsten Jahr gleich acht Mal engagiert hat.

Jeweils zwei Folgen von "Appetit auf . . ." und drei Folgen von "Bayern isst bunt" sind pro Jahr gebucht. Weiter geht es am 3. Oktober um 17.15 Uhr mit einer bereits gedrehten Folge über die slowakische Gemeinde in Bayern. "Nach dem Gottesdienst haben wir erst mal ein paar Stamperl selbstgebrannten Schnaps getrunken, dann gab es Tanz und ein Treffen mit Trachtengruppen - und natürlich einen Festschmaus." Zum Abspecken spielte der Koch dann mit einem ehemaligen slowakischen Eishockey-Profi eine Partie Tennis.

Das Midgardhaus liegt direkt am Ufer des Starnberger Sees - und wird schon allein deswegen von Einheimischen wie Touristen geschätzt.

(Foto: Georgine Treybal)

Dann folgt das Thema "Dia de los Muertos", das sich um das mexikanische Allerheiligen dreht. Der Tag der Toten ist indes keine Trauerveranstaltung, sondern ein farbenprächtiges Volksfest zu Ehren der Toten. Nach dem Volksglauben kehren die Seelen der Ahnen an diesen Tagen zu den Familien zurück, um sie zu besuchen. Konditoreien produzieren kurz vor Allerheiligen die Calaveras de Dulce, Totenschädel aus Zucker, Schokolade oder Marzipan, die die Namen der Toten auf der Stirnseite tragen. Das Pan de Muerto, das Totenbrot, ist ein weiteres beliebtes Naschwerk in diesen Tagen. Häring besucht die mexikanische Gemeinde in Bayern. Sendetermin ist Allerheiligen, 1. November, 19 Uhr.

Dann geht es um Thanksgiving, das amerikanische Erntedankfest, (Sendetermin 24. November). Es wird religionsübergreifend gefeiert. Das Fest zitiert Elemente aus dem Pionierleben der Pilgerväter und trägt somit einen gewissen nationalen Charakter. Thanksgiving ist in den Vereinigten Staaten das wichtigste Familienfest, außerdem werden von vielen Familien auch Freunde eingeladen. Im Mittelpunkt steht eine große Mahlzeit rund um den Truthahn. Häring besucht eine amerikanischen Militärbasis in Bayern und feiert mit den GIs. Der letzte Bayern-isst-bunt-Dreh in diesem Jahr ist der kleinen mongolischen Gemeinde gewidmet. Sie begeht im Herbst in einer Jurte in Bayern ausgelassen den Unabhängigkeitstag ihres Landes mit traditionellen Speisen, Spielen und Wettkämpfen wie Knochenschnitzen und Ringen. Dazu gibt es Musik und Tänze.

Auch die Themen für die Bunt-Sendungen nächstes Jahr stehen schon fest. In Planung ist der afghanische Feiertag, konkreter ist Folge zwei, die vom griechisch-orthodoxen Osterfest handelt. Ostern ist das Fest aller Feste für die Griechen. Hier versucht jeder bei seiner Familie zu sein. Ostern bei den Griechen beginnt, wie bei allen Christen, mit dem Palmsonntag. Die darauffolgende Kar-Woche begehen die Griechen jeden Abend mit einem Gottesdienst. Doch so richtig geht es für die meisten erst am Gründonnerstag los. An diesem Tag werden landesweit in den griechisch-orthodoxen Kirchen die zwölf Evangelien vorgelesen. Zur Morgenmesse in der Kirche bringen dann die Griechen rot gefärbte Eier mit, die sie vom Priester segnen lassen. Sie sollen das Blut Jesu symbolisieren. Ihr (gekochtes) rotes Ei bewahren die Griechen ein Jahr in ihrem kleinen Altar zu Hause auf, bis es dann nächstes Jahr zu Ostern zum Grillen des Osterlamms ins Feuer geworfen wird.

Koch Fritz Häring vom Midgardhaus kocht im Fernsehen. Die Dreharbeiten führen ihn zu ausländischen Gemeinden in Bayern, aber auch an ungewöhnliche Orte.

(Foto: Arlet Ulfers)

Der dritte BiB-Dreh wird im Mai zum Buddha Tag , dem höchsten buddhistische Feiertag stattfinden. Er ist in einer thailändischen Gemeinde in Bayern geplant. Gefeiert werden die Geburt Buddhas, das Erwachen, die Erleuchtung, sowie das Eingehen ins Nirvana. Die Feierlichkeiten finden in mit Abbildungen Buddhas, Lichtern und Fahnen geschmückten Straßen, in Form von Puja-Zeremonien statt. Wo gedreht wird, steht noch nicht fest.

Bereits fest stehen dafür die Auslandslocations: "Appetit auf Marrakesch" und "Appetit auf Venedig" im Frühjahr 2017, entweder anlässlich des Karnevals oder der Biennale. Regie führt erneut Stefan Zanev. Für diese Drehs ist Häring jeweils eine Woche unterwegs. Die Bayern-isst-bunt-Produktion ist deutlich weniger aufwendig, das Team kommt mit drei bis vier Tagen aus. "Natürlich drehen wir vor allem im Herbst und Winter, denn in erster Linie muss ich mich natürlich um mein Lokal kümmern. Und das ist ein Saisongeschäft", erklärt Häring, der sich vielen Jahren mal einen Michelin-Stern erkocht hatte. Die vielen TV-Termine seien ohne sein über Jahrzehnte bewährtes Team mit seiner Ehefrau Marlies, die sich um den Biergarten kümmert, Küchenchef Hans-Peter Deiser und Restaurant-Geschäftsführer Hermann Lang gar nicht möglich.

Härings erfolgreichste Sendereihe war im Bayerischen Fernsehen das "Kochgeflüster". Prominente vom Blödl-Barden Fredl Fesl über Haindling-Frontmann Hans-Jürgen Buchner bis Ski-Ass Rosi Mittermaier kamen mit Ausrüstung wie einem Alphorn, das Buchner mitbrachte, oder Skier in die Küche des "bayerischen Biolek", wie Häring mal genannt wurde. Nach 60 Folgen wurde die Reihe eingestellt, "aber nicht wegen Misserfolgs, sondern weil uns die Prominenten ausgegangen sind", sagt Häring und grinst. Von Herbst an werden die Folgen von 2004 bis 2009 auf ARD Alpha wiederholt.

Wie würde Häring selbst sein Erfolgsrezept beschreiben? "Ich gehe unverblümt auf die Leute zu, und viele Zuschauer haben offenbar das Gefühl, dass die Sendung in ihrem Wohnzimmer spielt. Der Erfolg liegt bestimmt nicht an meiner Schauspielkunst", sagt Häring und lacht. Und er ist überzeugt, dass man "multikulti unterstützen muss in einer Zeit, wo wir so viele Umbrüche haben."

Wird er in seinem Lokal von den Gästen auf seine TV-Karriere angesprochen? "Ja, natürlich", sagt Häring, "aber seitdem die mich im Fernsehen gesehen haben, sagen alle ,Du' zu mir."