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Diskussion zur Bundestagswahl:Urnengang als Privileg

Wahl Warm-up

Etwa 70 junge Politikinteressierte und Erstwähler stellten den Bundestagskandidaten im Wahlkreis Fragen zu Themen wie "Ehe für alle".

(Foto: Manfred Neubauer)

Beim "Wahl-Warm-Up" für junge Wähler stellten sich die Bundestagskandidaten von CSU, SPD, Grüne, Linke, FDP und der AfD im Wahlkreis kritischen Fragen

Werden Politiker im Lügen geschult? Frei von der Leber weg stellten junge Wähler am Freitag diese Frage den Direktkandidaten aus dem Wahlkreis für die Bundestagswahl - und erhielten eine klare Antwort, obwohl "Politikersprech und geschliffene Formulierungen das eine sind", wie Alexander Radwan zu bedenken gab. Für politische Entscheidungen, die Antwort auf die Herausforderungen sein sollen, gebe es "keine einfachen Antworten, kein Schwarzweiß, sondern es braucht immer Abwägung", fügte der Bundestagsabgeordnete der CSU an. Er warne deshalb vor allen einfachen Parolen: "Ein absoluter Wahrheitsanspruch führt nämlich schnell dazu, dass man andere diffamiert."

Der Kreisjugendring, die Kreisjugendpflege, die Tölzer Jugendförderung und die Tölzer Evangelische Jugend hatten gemeinsam zum "Wahl-Warm-Up" eingeladen. Die Moderation hatte die Redaktionsleiterin des Tölzer Kuriers, Veronika Ahn-Tauchnitz, übernommen. Im Nachtclub "Pistolero" konnten Erstwähler und junge Politikinteressierte nahezu alle Direktkandidaten aus dem Wahlkreis für den Bundestag treffen. Nahezu deshalb, weil einer berufsbedingt fehlte: Maximilian Stocker, Kandidat der Bayernpartei. Auf dem Podium aber saßen Alexander Radwan (CSU), Hannes Gräbner (SPD), Andreas Wagner (Linke), Karl Bär (Grüne), Fritz Haugg (FDP) und Constantin Leopold Prinz von Anhalt-Dessau (AfD). Dass Letzterer eingeladen war, hatte im Vorfeld zu Kontroversen geführt. Insbesondere Gräbner und Bär wollten mit ihm keine Bühne teilen und hatten den Boykott der Veranstaltung überlegt. Am Freitag war die Stimmung unter den Kandidaten jedoch betont sachlich. Auf der anderen Seite, im Publikum, war von Politikverdrossenheit keine Spur. Rund 70 junge Erwachsene hatten sich eingefunden. Bei der Frage nach bezahlbarem Wohnraum und nach Bildung waren sich alle sechs Politiker einig, auch wenn Bildung eigentlich Ländersache ist: Beides müsse besser und mehr werden. Unterschiede zeigten sich erst bei der Frage nach befristeten Arbeitsverträgen: Während Radwan zu bedenken gab, dass sie ein Einstieg in den Beruf sein könnten, aber nicht zur Regel werden dürften, und Haugg Flexibilität für die Unternehmen forderte, lehnten sowohl Bär, Wagner, Gräbner und Von Anhalt-Dessau Befristungen ab.

Deutliche Unterschiede schälten sich schließlich bei der Frage nach Asyl und Ausländerpolitik heraus: Haugg fehlt ein Einwanderungsgesetz. Für Wagner wird zu viel Geld in Aufrüstung und Waffen gesteckt und Bär forderte, unfaire Handelsbedingungen zu ändern. Von Anhalt-Dessau positionierte sich anders: Für den Kunsthändler aus Tegernsee gebietet es zwar die Humanität, "dass man sich kümmert". Doch eine Vielzahl der Asylsuchenden wollen sich seiner Ansicht nach nicht integrieren, weshalb er befürchtete, der Sozialstaat könnte "ausgehebelt" werden. Auch bei der Frage nach der "Ehe für alle" waren die Lager uneins: "Wer sich liebt, soll auch heiraten können", sagte Wagner, Bär und Gräbner schlossen sich dieser Meinung an. Radwan differenzierte: "Man darf niemanden diskriminieren, aber die Ehe sollte Mann und Frau vorbehalten sein." Haugg und Von Anhalt-Dessau hingegen lehnten die "Ehe für alle" ab.

In einem Punkt waren sich die Parteipolitiker allerdings am Ende einig, wie auch die Veranstalter: Der Abend sollte vor allem als Werbung dienen, überhaupt zur Wahl zu gehen. "Demokratie lebt von der Beteiligung, sonst stirbt sie", gab Wagner zu bedenken. Und seine Stimme abzugeben sei schließlich eines der wenigen Dinge im Leben, in die einem niemand reinrede, schloss Ahn-Tauchnitz.