bedeckt München 32°

SZ-Schulratgeber:Inklusion auf gutem Weg

Petra Chudzinsky-Sittel (links) übernahm das Forum Inklusion. Brigitte Birnbaum (re.) ist Sonderpädagogin.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Münsinger Modellschule für Inklusion hatte große Hürden zu überwinden. Inzwischen ist Rektorin Angelika Banner zufrieden mit Möglichkeiten und Erfolgen. Jetzt müssten die weiterführenden Schulen sich noch besser vorbereiten, sagt sie.

Von Benjamin Engel, Münsing

Ein Kind mit Down-Syndrom, das zum ersten Mal zwei Buchstaben zusammen gelesen hat. Ein Kind, das immer weint und schließlich mit einem Lächeln das Schulhaus betritt. Es sind diese kleinen Erfolge, die Rektorin Angelika Banner und ihr Lehrerkollegium an der Münsinger Grundschule am meisten freuen. Seit sechs Jahren unterrichten sie in der Großgemeinde am Starnberger See bereits Kinder mit attestiertem Förderbedarf. Zum Schuljahr 2011/2012 erhielt die Münsinger Schule den Status einer "Inklusionsschule". Trotz mehr Personals waren die Lehrer zu Beginn stark belastet von ihren neuen Aufgaben. Das hat sich inzwischen eingespielt, was der unbefangene Umgang der Schüler untereinander zeigt. Nur der Übertritt in weiterführende Schulen bleibt weiterhin problematisch.

Die meisten Münsinger Schüler mit Förderbedarf gehen nach der vierten Klasse auf eine Mittelschule, zwei auf eine Realschule - keiner aufs Gymnasium. An den Mittelschulen im Landkreis spüre sie eine Abwehrhaltung, auch Inklusionsschule zu werden, sagt Banner. Weil die Mittelschullehrer in jüngster Zeit vor ständig neue Aufgaben gestellt worden seien, scheuten sie es, neue Projekte zu stemmen. Während sich aber die Inklusionskinder an den Mittelschulen mit dem Klassenlehrerprinzip gut eingewöhnen könnten, seien Realschulen oder Gymnasien gar nicht darauf vorbereitet. Mit Kindern zum Beispiel, die im Unterricht einfach aufspringen, könnten viele nicht umgehen. Deshalb müsse in den weiterführenden Schulen ein Umdenken einsetzen, sagt Banner.

Was ist wichtig, damit Inklusion gelingt? Genügend zusätzliche Stunden, ein engagiertes Lehrerkollegium und ausreichend Platz, sagt die Münsinger Rektorin. Außerdem viel Flexibilität. Denn die Inklusionsschüler hätten ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Manche seien seelisch vernachlässigt und deswegen geschädigt, andere hörten oder sähen nur eingeschränkt. Wieder andere seien schwer lernbehindert oder hätten Sprachentwicklungsstörungen. Derzeit besuche ein Autist die vierte Klasse, der überdurchschnittlich intelligent sei, sagt Banner.

Wegen dieser Vielfältigkeit an Beeinträchtigungen sei auch die Sonderpädagogin Brigitte Birnbauer so wichtig, die 13 Stunden pro Woche an der Münsinger Schule ist. "Das Wesentliche ist die Kommunikation", sagt Birnbauer. Mit der Förderlehrerin, die eine halbe Stelle hat, bespricht sie sich jede Woche. Gemeinsam klären sie, in welchen Bereichen das jeweilige Inklusionskind derzeit die meiste Unterstützung braucht. Mit ihrer zweijährigen Schulausbildung könne die Förderlehrerin an Lerndefiziten in Kleingruppen arbeiten, sagt Birnbauer. Sie selbst unterstütze jedes einzelne Kind und untersuche fortlaufend, wie es sich entwickle. Ihre Beobachtungen bespreche sie mit Lehrern und Schülern. So manches davon passiert allerdings außerhalb der regulären Arbeitszeit, weswegen Birnbauer mehr anerkannte Stunden für Besprechungen im Team für unbedingt erforderlich hält.

Rund 20 von derzeit 170 Schülern an der Münsinger Grundschule haben den sogenannten erhöhten Förderbedarf. Neben der Förderlehrerin und der Sonderschulpädagogin betreue noch eine Grundschullehrerin mit zehn Wochenstunden diese Kinder, sagt Banner. Damit seien sie personell gut aufgestellt. Zudem hätten die Kinder mit schwererwiegenden Problemen einen Schulbegleiter, der auf dem Weg zur Schule und im Unterricht immer bei ihnen sei. Ehrenamtliche Lesepaten fingen viele Defizite auf. So könnten sie die Kinder in Deutsch oder Mathematik differenziert unterrichten. Manchmal könne die zweite Lehrerin mit den Inklusionskindern dafür gleich im Klassenzimmer bleiben.

Laut Banner hat sich vor allem das Sozialverhalten der Kinder grundlegend geändert. So dienten die übrigen Schüler den Inklusionskindern als Vorbild. Für diese sei es inzwischen selbstverständlich, den Inklusionskindern zu helfen, wenn diese Schwierigkeiten hätten, sagt die Rektorin.

Von den Schwierigkeiten mit den Eltern, die anfangs glaubten, ihr Kind könne durch die Kinder mit Inklusionsbedarf beeinträchtigt werden, ist laut Banner heute nichts mehr zu spüren. "Inklusion ist in der Gemeinde zur Normalität geworden."

Damit das eintreten konnte, waren allerdings viele Hürden zu überwinden. Anfangs mussten sich die Lehrer selbst Fortbildungen organisieren und Experten einladen. Denn der Umgang mit vielfältigen Entwicklungsstörungen und Behinderungen sei nicht Bestandteil eines Lehramtsstudiums. Mittlerweile habe das Münsinger Lehrerkollegium zwar mehr Erfahrung. Doch an einem ausreichenden Fortbildungsangebot mangele es nach wie vor, sagt Banner.

Weil es mit der Inklusion inzwischen besser läuft, ist auch Petra Chudzinsky-Sittel vom Forum Inklusion weniger aktiv. In diesem Gremium an der Münsinger Grundschule haben Eltern und Lehrer Gelegenheit, sich auszutauschen. Das Forum betreibt Öffentlichkeitsarbeit und lädt zu Vorträgen ein. Erfolgreich hätten sie auch beim Tölzer Schulamt und dem Kultusministerium interveniert, um mehr Stunden für Lehrkräfte anerkannt zu bekommen, sagt Chudzinsky-Sittel. Ein Dilemma bleibt ihren Worten nach aber die Mittagsbetreuung an der Schule. Die Betreuer seien auf die Inklusion nur ungenügend vorbereitet. Doch immerhin hätten sie jetzt eine Kraft mit sonderpädagogischen Fachkenntnissen.

© SZ vom 03.03.2015
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB