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Der Schandfleck am Untermarkt:Ein ruinöses Jahr

Eine Ruine mitten in der Stadt – Landrat Josef Niedermaier nennt es „die Lanze im Herzen“.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Wolfratshausen lebt mit dem bröckelnden Stillstand am ehemaligen Isar-Kaufhaus. Und noch weiß niemand, wann es wie weitergehen kann. Bürgermeister und Projektleiter versuchen Zuversicht zu verbreiten

Von Konstantin Kaip

Wenn Wolfratshauser im Obermarkt einem Ortsfremden begegnen, der die Bahnhofstraße sucht, dann müssen sie nicht lange umständlich erklären, wo es lang geht. Sie können einfach sagen: bis zur Ruine und dann die nächste Straße rechts. Das ehemalige Isar-Kaufhaus gegenüber der Einmündung steht schließlich seit Mitte Juni 2019 halb abgerissen mitten im Markt wie ein Mahnmal aus Kriegszeiten und ist in der eng bebauten historischen Häuserkulisse unübersehbar. Die Stadt lebt nun bald ein Jahr mit der Ruine im Zentrum, mit dem "Schandfleck", wie viele Bürger sagen oder, wie es Landrat Josef Niedermaier (FW) im vergangenen September ausgedrückt hat, mit einer "Lanze im Herzen".

Ein Jahr kann eine lange Zeit sein, vor allem in diesen Krisenzeiten, in denen es zuweilen schwer fällt, sich vier Monate an die Zeit vor der Pandemie zurückzuerinnern. Deshalb sei die Geschichte der Immobilie hier noch einmal kurz skizziert: Das Isar-Kaufhaus wurde 1966 eröffnet und war jahrzehntelang der große Publikumsmagnet in der Wolfratshauser Altstadt, bis es 2012 schließen musste. Es folgten fünf Jahre Leerstand, dessen bleierne Ödnis auch den Läden in der Nachbarschaft zu schaffen machte. Der Versuch, das einstige Kaufhaus 2014 zur "Hugo-Passage" mit Lichthof zu machen, scheiterte am mangelnden Investoreninteresse.

"Schlüsselimmobilie"

Als dann Anfang 2017 Rechtsanwalt Harald Mosler, der die Eigentümerin vertrat, den Grünwalder Investor Rainer Scherbaum als neuen Besitzer präsentierte und die Pläne für einen Neubau mit Laden und 15 Mietwohnungen vorstellte, war das wie eine lange ersehnte Heilsbotschaft. Die "Schlüsselimmobilie", in welcher der Drogeriemarkt Müller eine große Filiale betreiben will, werde die Wolfratshauser Altstadt neu beleben, hieß es im Stadtrat. Es dauerte allerdings mehr als zwei Jahre, bis die Bagger Ende April 2019 anrollten. Sie brachen das kleine "Seifensiederhäuschen" ab, das zum Ensemble gehört, das Dach und einen Teil des Obergeschosses. Wenige Wochen später wurde der Abriss gestoppt. Seitdem herrscht Stillstand an der Baustelle. Die Ruine wurde lediglich an den bröckeligsten Stellen mit Ziegeln abgesichert, hier und da wurden Plastikplanen angebracht, die Wassereintritt verhindern sollen.

Verordnet wurde der Abriss-Stopp seinerzeit vom Landratsamt, zur Sicherheit. Das Nachbarhaus am Untermarkt 5 wäre sonst einsturzgefährdet gewesen. Man habe sich noch nicht mit dem Eigentümer einigen können, der einer Absicherung der gemeinsamen Wand zustimmen müsse, hieß es bei der für den Bau verantwortlichen Untermarkt 7-11 GmbH, die zur Scherbaum-Gruppe gehört. Man führe aber intensive Gespräche, um zu einer Lösung zu kommen. Sollten die nicht fruchten, habe man einen Plan B in der Tasche, mit Stützen von außen, der aber wesentlich teurer und zeitaufwendiger sei.

Der Stillstand hat jedoch im wesentlichen juristische Gründe. Denn der Nachbar und zwei weitere Anlieger hatten zudem gegen die Baugenehmigung geklagt, vorrangig wegen zu geringer Abstandsflächen beim geplanten Neubau. Im Juli 2019 kam es zu einer Verhandlung an der Baustelle, bei der die 11. Kammer des Verwaltungsgerichts einem Kläger im Eilverfahren Recht gab und gegen die Baugenehmigung eine aufschiebende Wirkung anordnete. Weil das Landratsamt Abriss und Neubau in einem genehmigt hatte, ging dann gar nichts mehr.

Nachdem der Bauherr und das Landratsamt als beklagte Behörde beim Verwaltungsgerichtshof (VGH) Beschwerde gegen den Beschluss eingelegt hatten, wurde zwischenzeitlich zumindest der Abriss rein rechtlich wieder zugelassen. Landrat Niedermaier hatte das bei jenem Pressetermin im Wolfratshauser Rathaus verkündet, bei dem er die Metapher von der "Lanze im Herzen" verwendete, die ausdrücken sollte, wie schmerzhaft die Ruine vor allem für die ohnehin schon gebeutelten Geschäfte der Altstadt ist. Die Situation hat sich seitdem jedoch nicht geändert. Denn rein formell ist es zwar zulässig, mit dem Abriss fortzufahren. Dafür müssen aber immer noch die direkten Nachbarn zustimmen, dass die Stützkonstruktion in ihrer gemeinsamen Wand verankert wird. In regelmäßigem Abstand heißt es seitdem bei den Bauherren, eine Einigung stehe kurz bevor. Auf den aufwendigeren Plan B, der laut Projektleiter Frank Maiberger Mehrkosten in Höhe eines "hohen sechsstelligen Betrags" verursachen würde, wurde bislang nicht zurückgegriffen.

"Schon sehr weit"

Auch zum Jahrestag des Stillstands gibt es diesbezüglich noch keine bahnbrechenden Neuigkeiten. Zwar deutet Maiberger an, dass man kurz davor sei, sich mit den Nachbarn zu einigen, offiziell könne er aber noch nichts verkünden. Auch Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW) sagt, man sei "schon sehr weit". Die Gespräche mit den Klageparteien liefen nach wie vor, eines, bei dem er dabei gewesen sei, habe man "sehr gut zu Ende geführt". Der Bürgermeister erwähnt einen notwendigen Notartermin, der coronabedingt verschoben werden musste, und dass es "in einem Bereich noch Abstimmungsbedarf" gebe. Was den Abriss betrifft, gibt sich Heilinglechner aber zuversichtlich: "Dieses Jahr geht's auf alle Fälle weiter", sagt er.

In einem Fall scheinen die Gespräche tatsächlich gefruchtet zu haben. Sowohl das Landratsamt als auch das Verwaltungsgericht in München erklären auf Anfrage, dass der Kläger des Eilantrags in der beim VGH anhängigen Beschwerdesache die Beschwerde und daraufhin auch die Klage beim Verwaltunsgericht zurückgenommen habe. Die drei klagenden Nachbarn hatten sich beim Gerichtstermin im Juli darauf geeinigt, die Hauptverfahren gegen die Baugenehmigung ruhen zu lassen. Inzwischen seien nurmehr zwei ruhende Nachbarklagen beim Verwaltungsgericht München anhängig, erklärt Pressesprecher Martin Friedrich. Die Verfahren stünden derzeit nicht zur Entscheidung an. Um sie wieder aufzunehmen, sei ein Fortsetzungsantrag einer der Parteien erforderlich. "Bislang wurde aber keine Fortsetzung des Verfahrens beantragt, sodass insoweit nichts Neues zu vermelden ist."

Den Jahrestag der Ruine Mitte Juni wird aber wohl auch eine außergerichtliche Einigung nicht gefährden. Vermutlich werden ihn die meisten gar nicht zur Kenntnis nehmen und weiter wie bislang mit stoischer Miene am bröckelnden einstigen Kaufhaus vorbeigehen. Über den "Schandfleck" nebenan werde derzeit ohnehin nicht mehr so viel geredet, erzählt eine Mitarbeiterin des benachbarten Bekleidungsgeschäfts. "Mittlerweile haben sich die Leute daran gewöhnt." Außerdem gebe es gerade andere Themen, wie die Corona-Krise oder die lästige Straßensperrung am Floßkanal. Wenn aber eines Tages tatsächlich wieder die Bagger anrollen? "Wir wären alle froh", sagt sie. "Das steht außer Frage."

© SZ vom 23.05.2020

Da helfen auch die Stellwände wenig: Das halb abgerissene Gebäude lässt sich nicht verbergen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

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