Corona in Bad Tölz-Wolfratshausen:Der Nachholbedarf der Jugendlichen

Heranwachsende leiden besonders unter den Einschränkungen und Auswirkungen der Pandemie. Experten und Politiker fordern nun mehr gesellschaftliche Toleranz - und neue Räume für Treffpunkte.

Von Sebastian Proksch

Stress, Einsamkeit, körperliche Beschwerden und soziale Defizite: Dass Jugendliche im Landkreis sehr unter der Pandemie gelitten haben und weiter leiden, darin waren sich alle einig, als sich Vertreterinnen des Kreisjugendrings, die Kreisjugendpflegerin sowie Vertreter der Grünen diese Woche ausgetauscht haben. Vor allem den Kontakt zu Gleichaltrigen hätten Jugendliche vermisst, sagte Sabine Grasberger, die Vorsitzende des Kreisjugendrings. Dazu würden auch Treffen in Jugendzentren und organisierte Aktivitäten gehören, die während der Lockdowns zu einem Großteil weggefallen sind. Aus diesem Grund sei eine gesellschaftliche Toleranz gegenüber dem Nachholbedarf der Jugendlichen an sozialen Aktivitäten nun besonders wichtig, sagte Klaus Koch, der nicht nur Dritter Landrat, sondern auch Leiter der Marie-Luise-Schultze-Jahn-Schule ist. Wenn Jugendliche nun Partys feierten und sich in Gruppen träfen, sollte das akzeptiert werden, forderte er.

Die Kontaktdefizite werden für Heranwachsende trotzdem Langzeitfolgen mit sich bringen: Für viele Jugendliche ist laut Sandra Kresta vom Kreisjugendring anzunehmen, dass die Pandemie psychische Folgen haben werde, deren Ausmaß sich aber erst in den nächsten Jahren abzeichnen werde. Auch der veränderte Schulunterricht während der Pandemie habe den Jugendlichen im Landkreis zugesetzt. Der Trägerverein Jugend- und Sozialarbeit Geretsried fand in einer Befragung heraus, dass fast die Hälfte der 236 befragten Jugendlichen im Zuge des Online-Unterrichts vermehrt unter körperlichen Beschwerden wie Kopf- und Rückenschmerzen litt. Auch habe in vielen Familien ein Laptop für parallele Videokonferenzen gefehlt, erklärte Koch. Der Landtagsabgeordnete Hans Urban betonte, dass der Unterricht vor Bildschirmen bei vielen Schülern Stresssituationen ausgelöst habe. Es sei wichtig, die Schulen nach den Sommerferien durch Testkonzepte und regelmäßiges Lüften offen zu halten.

Die Jugendprobleme in der Pandemie lassen sich also nicht alleine über die Jugendarbeit auffangen. Zumal sich nach eineinhalb Jahren Corona-bedingt stark eingeschränkter Jugendarbeit immer weniger ehrenamtliche Betreuungspersonen finden, sagte Sandra Kresta vom Kreisjugendring. Aus Bequemlichkeit, aber auch aus Angst vor größerer Verantwortung und einem größeren Organisationsaufwand durch die Pandemie. Viele Jugendleiter hätten Angst, dass sich während ihrer Veranstaltungen die Nachricht von Corona-Ausbrüchen verbreitet, so Kreisjugendpflegerin Verena Peck, und dass in der Folge "Eltern ihr Kind nicht mehr hinschicken". Aus Sicht von Peck sollte den Jugendlichen nun mehr Verantwortung übertragen werden. Mehr Beständigkeit bei den Corona-Regeln und Gratis-Tests würden den Jugendlichen wieder Sicherheit geben. Restriktionen gegen ungeimpfte Jugendliche könnten dagegen leicht in Angst münden und seien deshalb kontraproduktiv. Laut Klaus Koch sollten im Landkreis beispielsweise durch mobile Überdachungen auch mehr Treffpunkte geschaffen werden, an denen sich Jugendliche unverbindlicher treffen könnten als in einem Jugendzentrum. Dabei müsse auch das Risiko in Kauf genommen werden, dass solche Bauprojekte für Jugendliche bei diesen eventuell doch nicht so gut ankämen wie erhofft. Scheitern gehöre schließlich zum jugendlichen Ausprobieren dazu, so Koch.

© SZ vom 06.08.2021
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Gespräch Jugend  Pandemie

Sie sorgen sich um die Langzeitfolgen der Pandemie für Jugendliche im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen (vorne v.l.): Die Grünen-Politiker Klaus Koch, Hans Urban und Karl Bär, sowie (hinten v.l.) Theresa Wimmer, Mitglied im Kreisausschuss für Jugend und Familie, Sabine Grasberger, Vorsitzende des Kreisjugendring, Sandra Kresta, Geschäftsführerin des Kreisjugendrings, Verena Peck, Kreisjugendpflegerin, und die Bundestagskandidatin Kathrin Henneberger.

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