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Böllerverbot an Silvester:Ein Jahreswechsel ohne Knalleffekt

Silvester und Jahreswechsel zu 2021

Für viele war es stets die Partynacht des Jahres, der Wechsel vom 31. Dezember auf den 1. Januar. Weil das Virus weiter grassiert, sind heuer auch an Silvester strenge Regeln angesagt, im öffentlichen Raum gibt es keine Feiern und auch keine großen Feuerwerke.

(Foto: dpa)

Auch bei so manchem professionellen Feuerwerker wird es heuer an Silvester dunkel bleiben. Die Pyrotechniker im Landkreis beklagen einen Verlust an Lebensfreude durch das Verkaufsverbot für Böller und Raketen.

Von Benjamin Engel

Wie ein Maler, dem die Farben weggenommen wurden, so fühlt sich Lorenz Fuchs. Den Nachthimmel mit bunten Schweifmustern und Lichtblitzen zu illuminieren, das ist für den Eglinger ein traditionsreiches Kunsthandwerk. Vor allem aber drücken Feuerwerke für den Pyrotechniker Lebensfreude aus. Dass heuer zu Silvester bundesweit verboten wurde, Raketen und Feuerwerkskörper zu verkaufen, ruiniert aus seiner Sicht einen ganzen Wirtschaftszweig. Wichtiger ist für ihn aber, dass vielen Menschen damit ein Spaß genommen werde, den sie in Pandemie-Zeiten besonders nötig hätten. "Nicht nur der finanzielle, sondern auch der gesellschaftliche Schaden ist groß", sagt Fuchs. Er hofft jetzt auf ein besseres kommendes Jahr.

Für Volksfeste, Hochzeiten und Firmenfeiern in der Region organisiert der Eglinger normalerweise zehn bis fünfzehn sogenannte Groß-Feuerwerke im Jahr. Heuer, wie er sagt, "kein einziges". Denn vieles sei abgesagt worden. Die Gastronomie mache die Hälfte seiner Kundschaft aus, und habe, wenn überhaupt, nur in begrenztem Rahmen öffnen dürfen. Jetzt komme das strikte Verkaufsverbot für Feuerwerke zum Jahreswechsel hinzu. "Wir haben unheimliche Einbußen", sagt Fuchs. "70 bis 80 Prozent meines Geschäfts macht der Umsatz zu Silvester aus."

Feuerwerk und Jahreswechsel gehören für ihn untrennbar zusammen. Von seinem eigenen Grundstück hat Fuchs in früheren Jahren selbst immer den Nachthimmel bunt illuminiert. Darauf will er heuer verzichten und sich so mit allen anderen solidarisch zeigen. "Nicht, dass es heißt, wir dürfen nicht, und der Fuchs macht es einfach." Denn möglich bliebe es zwar trotz Verkaufsverbot, allein im privaten Rahmen noch gelagerte Feuerwerkskörper abzuschießen. Doch nur wenige dürften noch etwas zu Hause haben.

In einem gesicherten Bunkerraum lagert die Pyrotechnik von Lorenz Fuchs – bis ein Einsatz wieder möglich ist.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Grundsätzlich sind "private Zusammenkünfte" zum Jahreswechsel erlaubt. Ein Hausstand darf einen weiteren besuchen. Maximal fünf Personen dürfen sich treffen plus Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren. Warum im privaten Garten, wenn dieser groß genug sei, niemand ein Feuerwerk zünden könne, ist für Fuchs insofern unverständlich. Der Pyrotechniker beklagt ohnehin eine Tendenz der Politik, den Menschen immer mehr den Spaß am Leben zu nehmen. Beim Feuerwerk zu Silvester könnten Männer wieder Kind sein, es stinken und krachen lassen. Auch denke er an leuchtende Kinderaugen, sagt Fuchs. Durch das Verkaufsverbot, so fürchtet er, werde es zu mehr Verletzungen als bislang kommen, weil einige erst recht illegale Feuerwerkskörper kaufen würden. Damit würden mehr Patienten in die Krankenhäuser kommen, was man eigentlich vermeiden wolle.

Was Pyrotechniker bedauern, dürfte Umwelt- und Naturschützer dagegen freuen. In Bayern haben Kommunen immer mehr Sperrzonen in den jüngsten Jahren eingerichtet. Uneins waren sich bislang Organisationen wie der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) sowie die Deutsche Umwelthilfe (DUH) oder das Umweltbundesamt (UBA) etwa zur Feinstaubbelastung. So hatte das UBA bislang veröffentlicht, dass bundesweit 4500 Tonnen Feinstaub jährlich durch Feuerwerke, großteils zu Silvester, ausgestoßen werden. Nach einem fachlichen Austausch mit dem VPI änderte das UBA jedoch seine Berechnungsmethodik und kam mit 2050 Tonnen nur noch auf weniger als die Hälfte des ursprünglichen Ausstoßes. Das macht knapp ein Prozent der gesamten Feinstaubbelastung mit Partikeln kleiner als zehn Mikrometer aus.

Gleichwohl ist aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe jegliche zusätzliche Feinstaubbelastung gesundheitsschädlich. Es komme dadurch zu Atemwegsinfektionen und Asthmaanfällen. Zudem stresse das hell blitzende und plötzlich krachende Feuerwerk die Tiere. Für Hunde und Katzen mit ihrem empfindlichen Gehör könne die Silvesternacht traumatisch sein. Wildtiere würden aus der Winterruhe gerissen.

Von unzulässigen Vergleichen zwischen der Feinstaubbelastung durch Verkehr und Industrie sowie durch Feuerwerkskörper spricht Alfred Fraas. Der Wolfratshauser Stadtrat, Software-Unternehmer und staatlich geprüfte Pyrotechniker hat selbst schon wiederholt die Nacht über der Flößerstadt illuminiert, etwa früher zum Flussfestival oder dem Sommerfest der Musikschule. Es handle sich um verschiedene Feinstaubarten, sagt er. Von der DUH seien die Belastungsmengen vollkommen falsch dargestellt worden. Aus Neugierde habe er einmal selbst die Feinstoffbelastung gemessen, als er Speck in der Küche gebraten habe. "Die war doppelt so hoch wie beim Feuerwerk."

Advenskalender #isarstreetart

In Bad Tölz zündet Axel Berger von #isarStreetArt am Donnerstag ein virtuelles Feuerwerk auf Facebook.

(Foto: Manfred Neubauer)

Dass ein Feuerwerk Lärm mache, stimme zwar. Andererseits hätten viele Menschen Freude daran. "Es gibt ein Für und Wider." Keinesfalls dürfe alles, worüber sich Menschen freuten, einfach "kaputt" gemacht werden.

Wie Tiere auf Feuerwerk reagieren, sieht Fraas differenziert. So habe er durchaus schon Kühe und Pferde beobachtet, die den Raketen neugierig zugeschaut hätten. Schließlich gebe es auch Jagdhunde, die darauf trainiert würden, beim Schuss ruhig zu bleiben. "Es muss nicht jedes Feuerwerk superlaut sein." Technische Möglichkeiten existierten, um die Lärmbelastung zu reduzieren.

Dass es keine öffentlichen Veranstaltungen mit Feuerwerk zu Silvester geben soll, hält Fraas für sinnvoll. Schließlich sollten sich keine Leute treffen, um die Pandemie einzudämmen. Problematisch sei das Verkaufsverbot. Einige Pyrotechniker-Kollegen hätten Vorräte eingekauft, die Lagerung sei eine Platzfrage. Fraas selbst sagt, wahrscheinlich ein privates Feuerwerk bei sich zu Hause zu machen. Dafür habe er gefragt, was einige Nachbarn davon hielten. "Die haben mir gesagt, dass sie Freude daran haben."

Statt Feuerwerk setzen zwar Kommunen zunehmend auf Licht- und Lasershows. Für Fraas ist das jedoch kein gleichwertiger Ersatz. Dies zu planen sei sehr aufwendig und zudem nicht ungefährlich. Treffe etwa ein Kohlendioxidlaser ins Auge eines Zuschauers, könne dieser erblinden, sagt Fraas. Für seinen Eglinger Kollegen Fuchs sind Lasershows ebenso nur Ergänzung. Im Gegensatz zu den technisch immer gleichen, einprogrammierten Mustern sei ein Feuerwerk etwas Künstlerisches. "Die Faszination liegt darin, ein Kunstwerk zu schaffen, das in Sekunden verschwunden ist", sagt Fuchs.

Sein Weg ist es, mit Tierhaltern und Grundstückseignern zu sprechen, bevor er ein Feuerwerk organisiert. Auf ein gutes Miteinander komme es an, sagt er. Jetzt hofft er wie Fraas, dass er kommendes Jahr wieder Feuerwerke choreografieren kann. "Ich liebe diesen Beruf. Vor dem Start eines Großfeuerwerks ist es für mich Emotion, Aufregung und Adrenalin pur."

© SZ vom 31.12.2020
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