Bad Tölz:Die Gipfelstürmer

Tölzer Klassik Gipfel

Das Tölzer Kurhaus ist auch für Kammermusik ein attraktiver Veranstaltungsort.

(Foto: Manfred Neubauer)

Das "Marmen Quartet" aus London beendet mit einem fulminanten Konzert die vierteilige Kammermusikreihe im Kurhaus.

Von Paul Schäufele

Eigentlich verbieten sich Namenswitze. Und bis jetzt haben sich auch alle Beteiligten brav daran gehalten. Aber das musikalische Großereignis des Oktobers hieß nun mal Bad Tölzer Klassik-Gipfel. Der hat am Donnerstag mit einem fulminanten Konzert des Marmen Quartets seinen Höhepunkt erreicht. Es muss also gesagt werden: Das Londoner Quartett präsentiert sich nach drei exzellenten Ensembles als Gipfelstürmer.

Tölzer Klassik Gipfel

Frisch, ehrlich, menschlich und, wo nötig, eigenwillig – so musiziert das Marmen Quartet.

(Foto: Manfred Neubauer)

Wobei es schon mit Haydns Quartett Opus 64 Nummer 3 so eine Sache ist. Das kann man friedlich einhegen und sich einen mild lächelnden "Papa Haydn" hinzudenken - oder man spielt es so wie das Marmen Quartet. Nur für die letztere Interpretation gibt es Bravo-Rufe. Das Marmen Quartet geht von der ersten Note an aufs Ganze, spielt mit einer Präsenz, die man sich für jede Haydn-Interpretation wünscht, und mit voluminösem, nie schwerfälligem Klang. Im langsamen Satz konzentriert sich dieser Klang zu einer zarten Wärme und einem kostbaren Cantabile, dem sich das Publikum kaum entziehen kann. Wenn sich in der Mitte des Satzes das heitere Klangbild der Adagio-Arie zum Es-Moll verdüstert, kommt es zu einem Moment, an dem alle den Atem anhalten. Es wird nicht das letzte Mal an diesem Abend sein.

Das Besondere an der Kunst des britischen Ensembles ist sein engagiertes Spiel, die Lebendigkeit, die nicht darauf abzielt, einen lupenrein destillierten Klang zu finden. Hier erlebt man eine frische, ehrliche, menschliche Art des Musizierens. Deutlich wird das in einem Stück, das nur auf den ersten Blick wenig zugänglich scheint. Györgi Ligetis erstes Streichquartett greift in eigenwilliger Weise auf das traditionelle Kompositionsprinzip der Variation zurück, weshalb es den Titel "Métamorphoses nocturnes" trägt. Eine winzige musikalische Zelle wird in einem spannungsreichen Prozess entwickelt. Unter den Händen des Marmen Quartets ergeben sich daraus Charaktervariationen, die zwei Aspekte des im Titel angedeuteten Nacht-Sujets illustrieren. Da gibt es Mondscheinmomente, durch alle möglichen Spieltechniken erzeugtes Flirren und betörende gesangliche Linien - aber auch den Abgrund des Nächtlichen, etwa einen gespenstischen Walzer oder die gehämmerten Rhythmen, unerschrocken und präzise ausgeführt. Am Ende steht ein Aushauchen im Pianissimo und ein hoch konzentriertes Schweigen im Saal. "Was für eine Stille!", wird die Bratschistin Bryony Gibson-Cornish nach dem Konzert sagen. Aber auch nur für einen Moment, denn der Jubel folgt sofort.

Von der warmen Reaktion des Tölzer Publikums ist das Quartett begeistert. Man merkt, die Leute sind nach vielen Monaten der Pause hungrig nach Kammermusik. Das Viergespann des Klassik-Gipfels, ein Ergebnis der zahllosen Konzertabsagen und -verschiebungen, kam da zur rechten Zeit. "Nicht wenige Leute haben sich alle vier Konzerte der Reihe angehört", sagt der Künstlerische Leiter Christoph Kessler.

Ein hörfreudiges Publikum ist eine ideale Voraussetzung für den Schlussstein des Klassik-Gipfels, Beethovens Opus 131. Natürlich habe man auch daran gedacht, dass mit diesem Stück ein Festival seinen Abschluss finde, sagt Primarius Johannes Marmen - ein größeres Quartett sei nie komponiert worden, meinen viele. Außerdem sei es durch seine Form mit dem Ligetis verbunden, denn auch hier gehen die Sätze bruchlos ineinander über. So spielt das Marmen Quartet dieses Monument der Kammermusik als eine Fantasie, angefangen mit der Adagio-Fuge, die die vier Musizierenden als den Beginn eines Prozesses begreifen. Überraschend logisch erscheint so der Übergang in den hellen zweiten Satz. Das Zentrum des Werks ist jedoch der vierte Satz, ein Variationenwerk, bei dem die Marmens erneut ihre Charakterisierungskunst beweisen können, mit einem wichtigen Zusatz: Der späte Beethoven kennt auch Momente der Unbestimmtheit. Bewusst bleibt das Quartett hier vage. Anders sieht es in dem rasanten, geradezu panisch gut gelaunten Presto-Satz aus, besonders aber im Finale. Das herbe Hauptthema wird zum Ausgangspunkt einer zwingenden Interpretation, einer konsequent durchgeführten Jagd nach den mächtigen Dur-Schlussakkorden.

Beethovens Cis-Moll-Quartett ist eine Prüfung für die Interpreten und manchmal eine Zumutung für den, der es hört. Nicht so im Schlusskonzert des Tölzer Klassik-Gipfels. Das Marmen Quartet brilliert, erschließt das Werk und zeigt, was große Musik leisten kann: intellektuell stimulieren und, vor allem, bewegen. Das haben auch die anderen Konzerte des Festivals deutlich gemacht.

Beinahe schade, dass der erste Klassik-Gipfel (voraussichtlich) auch der letzte sein wird. Grund zur Melancholie gibt es allerdings nicht. Bad Tölz bleibt - neben Icking - Streichquartett-Zentrum, durch die fortgesetzte "Quartettissimo"-Reihe und durch etwas Neues: 2023 soll der erste internationale Quartett-Wettbewerb stattfinden, mit einem ganzen Strauß von jungen Formationen. Es ist noch ein bisschen hin, doch auf die Preisträgerkonzerte darf man sich jetzt schon freuen.

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