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"Architektouren" in Wolfratshausen:Der Geschichte Raum gegeben

Architektouren 2020

Das Architektenteam Klaus-Peter Scharf und Janina Kleiber im "Wald der Erinnerung".

(Foto: Hartmut Pöstges)

Klaus-Peter Scharf und Janina Kleiber sind die Architekten des Erinnerungsorts Badehaus im ehemaligen Föhrenwald

Man muss diese alte Schrift schon entziffern können, um den ersten Namen des Gebäudes am heutigen Kolpingplatz 1 in Wolfratshausen-Waldram zu lesen: "Männerbrausebad" steht auf dem Architekturplan aus dem Jahr 1930 in teils fein säuberlich geschwungener, teils gestochen klarer deutscher Schrift. Die Skizzen zeigen ein spitzgiebeliges Haus, wie es für Waldram so typisch ist. Das "Bad" im Namen ist durch alle Phasen der Geschichte erhalten geblieben, die über dieses Gemäuer in neunzig Jahren hinweggegangen ist. Heute ist es der Erinnerungsort Badehaus: ein Museum, das die einstige NS-Siedlung Föhrenwald, das gleichnamige Nachkriegslager für jüdische Displaced Persons - Überlebende der Shoah - und die Umwandlung in einen Ort für katholische Heimatvertriebene dokumentiert. An diesem Wochenende sollten die "Architektouren" der Bayerischen Architektenkammer dorthin führen. Wegen der Corona-Krise aber verweist die Kammer aufs Internet.

"Ressource Architektur" lautet heuer das Motto der Architektouren. "Architektur ist dauerhaft - und mit ihrer Gestaltung geht eine große Verantwortung einher", heißt es dazu. Und weiter: "Bauen ist immer auch Gesellschaftsgestaltung." Dies trifft, wenn man "Bauen" durch "Umbauen" ersetzt, auf das Badehaus ganz besonders zu. Denn dieses hat durch die Umwandlung in eine Dokumentationsstätte überhaupt erst eine in die Gesellschaft ausstrahlende Wirkung erhalten. Es ist Begegnungsstätte für Erwachsene, aber auch Lernort für Jugendliche geworden. Der Verein Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald hat dies inhaltlich geschaffen; die Architekten Martin Bruckner aus Geretsried sowie Klaus-Peter Scharf und Janina Kleiber aus Wolfratshausen haben es gestalterisch ermöglicht. Sie haben aus der Hülle, die über den zeittypischen Charakter eines spitzgiebeligen Hauses der Dreißigerjahre hinaus keinen architektonischen Wert hätte, ein bedeutendes Bauwerk gemacht. Wie, das lässt sich leider auf der Internetseite der "Architektouren" nicht erkennen. Wer mehr dazu wissen will, muss sich doch an den Ort begeben.

Vom Männerbad zum Museum

Das Badehaus, das einst ein Männerbrausebad inmitten der NS-Siedlung für Arbeiter der benachbarten NS-Rüstungsbetriebe war, diente nach der Befreiung den neuen, jüdischen Bewohnern Föhrenwalds als Mikwe, als ein Tauchbad zu rituell-religiösen Zwecken. Als die katholische Kirche die Siedlung übernommen hatte, wurde es Wäschereigebäude mit Lehrer- und Studentenwohnungen. Einige Jahre stand es leer, bevor der Badehaus-Verein es 2012 übereignet bekam.

Die äußere Hülle haben die Architekten erhalten, wie sie war, wenn auch saniert. Innen aber haben sie ein großzügiges Foyer entstehen lassen; aus vielen kleinen Räumen drei ineinander übergehende Museumsabteilungen gebildet und unterm Giebel einen Glanzpunkt gesetzt. Wer den verkommenen dunklen Dachboden vor dem Umbau gesehen hat, wird die helle und moderne Raumwirkung noch stärker empfinden, die sich durch Öffnung und Freilegung entfaltet. Hier, im symbolisch skizzierten "Wald der Erinnerung" können sich Besucher niederlassen und ins Studium von Einzelschicksalen vertiefen. Ein inhaltlich dichter, aber räumlich transparenter Ort - ganz wunderbar. Das muss man schon selbst erleben, es erschließt sich nicht via Internet.

www.byak.de/planen-und-bauen/projekt/erinnerungsort-badehaus-waldram.html

© SZ vom 27.06.2020

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