SZ-Serie: Angekommen Das Geheimnis des nackten Maibaums von Geretsried

Am Rathaus stellen die Egerländer jedes Jahr eine naturbelassene Fichte auf. Dann tanzen alle Trachtengruppen mit - sogar die Griechen.

Von Thekla Krausseneck, Geretsried

Helmut Hahn steht im graubraunen Kittel in seiner Werkstatt: Das schwarze Leder staubt, wenn er es mit einem "Schusterkneipp"-Messer schneidet, und die Ringschniffnähmaschine surrt leise, während er mit ihr schnurgerade Nähte sticht. Der Vorsitzende der Geretsrieder "Eghalanda Gmoi" näht die Hosenträger der traditionellen Tracht, die Egerländer Männer zu weißen Hemden und Lederhosen tragen. Bei den Frauen hingegen ist die Tracht individueller - keine gleicht der anderen. Für das Zeigen ihrer Trachten bieten sich den Egerländern in Geretsried etliche Gelegenheiten: Sei es beim Auftritt der Gartenberger Bunkerblasmusik auf dem Starkbierfest, zum Sonnwendfeuer, beim Sommerfestumzug - oder beim Antanzen des Maibaums. Der ist anders als sein weiß-blauer Zwilling völlig nackt und vereint jedes Jahr am 1. Mai nicht nur die Egerländer, sondern auch die vielen Landsmannschaften und Trachtengruppen der Stadt zu einer bunten Gemeinschaft.

Es sei eine Eigenart der Menschen, ganz besonders aber der Egerländer, sich in der Fremde zusammenzufinden, sagt Hahn, der eigentlich Ingenieur für Holztechnik und nicht Schuster ist. In Geretsried sei das am besten zu beobachten: Nirgends in Deutschland gebe es eine vergleichbar große "Eghalanda Gmoi". Die Egerländer gehörten zu den ersten Vertriebenen, die am Barackenlager Buchberg - heute Böhmwiese - aus der Reichsbahn stiegen, sie haben die Stadt mit aufgebaut und zu dem gemacht, was sie ist. Seit ihrer Gründung im Jahr 1951 prägt die Gmoi das Leben im Ort. Wie als Symbol dieser wichtigen Rolle, welche die Gmoi für ihre neue Heimat spielt, stellt sie einmal im Jahr den Egerländer Maibaum auf. Dass der weder Rinde noch Farbe trägt, ist so ungewöhnlich für das Oberland zwar nicht: Geretsried liege genau an der Grenze zwischen den blau-weißen und den holzfarbenen Maibäumen des südlichen Bayerns, sagt Hahn. Die Königsdorfer etwa hätten ebenfalls einen "nackten" Baum. Der aber steht - wenn er erst einmal aufgerichtet worden ist - mehrere Jahre, ehe er gefällt wird. Der Egerländer Maibaum dagegen steht lediglich vier Wochen lang, ehe ihn die Feuerwehr Meter für Meter wieder abschneidet.

Die Eghalanda Gmoi stellt vor dem Rathaus in Geretsried den Maibaum auf.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Tradition geht auf das Jahr 1947 zurück, und an der Vorgehensweise hat sich seither wenig verändert. Einige Wochen vor dem 1. Mai gehen die Egerländer in den Wald und suchen sich eine besonders gerade Fichte aus, die im Idealfall gut 30 Meter hoch sei und am Fuß einen Durchmesser von 40 Zentimeter habe, beschreibt Hahn. In den vergangenen Jahren sei der Baum immer aus dem Stadtwald am Schulzentrum gekommen, sagt Hahn - das sei besonders umweltschonend, da dort ja das neue interkommunale Hallenbad errichtet werden soll. Die Fichte wird am 1. Mai in der Früh geschnitten und geschäpst, also von der Rinde befreit, und mit Scheren aufgestellt. Eine Besonderheit sei der Ring um die Spitze: Der werde traditionell von Frauen gebunden und bestehe aus einem Eisenring, der einen Durchmesser von gut zwei Metern habe. Ein paar Tage vorher sammelten die Burschen einen Pritschenwagen voll Fichtenäste als Material für den Kranz.

Wenn es am 1. Mai ans feierliche Antanzen geht, versammeln sich auf dem Karl-Lederer-Platz nicht nur die Egerländer. Früher tanzten vor allem alle ledigen Buben und Mädchen um den Baum, heute beteiligen sich daran zahlreiche Geretsrieder Tanz- und Trachtengruppen, etwa die der Siebenbürger Sachsen oder die der Griechischen Gemeinde. Die Griechen in Geretsried sind zwar keine Vertriebenen, prägen die kulturelle Vielfalt der Stadt aber ähnlich wie die Egerländer und die Siebenbürger. Hahn erinnert sich noch gut an jenen 1. Mai, an dem die Griechische Gemeinde zum ersten Mal dabei war. Der Verein hatte gerade seine eigene Tanzgruppe gegründet, "und da sagten wir: Da tanzt ihr mit!" Unglücklicherweise hätten die Trachten alle noch in Griechenland gelegen, und so sei jemand ins Auto gestiegen und nach Griechenland gefahren, um sie - praktisch über Nacht - nach Geretsried zu holen. Die Trachten kamen rechtzeitig an, seither ist der Maitanz noch vielseitiger.

Helmut Hahn näht die Hosenträger für die Tracht.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Wer Hahn zu Hause besucht, der entdeckt dessen Wurzeln schon vor der Haustür. Traditionell wird zur männlichen Egerländer Tracht ein Trio aus goldenen Knöpfen getragen, den "Huasnoadoudara", was übersetzt so viel heißt wie "Hosenantuerer". Der Knopf wird von vorne eingehängt, so dass die schwarzen, ledernen Hosenträger nicht mehr rutschen können. Die ziselierten "Huasnoadoudara" sind in der Regel achteckig und tragen ein filigranes Schmucksymbol, ein "uraltes Zeichen", sagt Hahn, das sich in der Tracht erhalten habe. So hängt es auch in der Windschutzscheibe seines Käfers von 1971 und prangt als Sandstrahlmuster im Glasteil seiner Haustür. Geprägt worden seien die goldenen "Huasnoadoudara" bislang von einem Egerländer in Neugablonz, der jedoch kürzlich den Betrieb eingestellt habe, sagt Hahn. Jetzt sucht die Gmoi nach eigenen Prägewerkzeugen. Profitieren würden davon nicht nur die Geretsrieder, denn die "Eghalanda" halten zusammen. Und sie sehen sich regelmäßig, spätestens einmal im Jahr beim Bundestreffen, das heuer im Juli in Geretsried stattfindet.