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Wissenschaft:Weltraumrobotern das Fühlen beibringen

Zied Tayeb mit dem Modell eines menschlichen Gehirns. Er will, dass Mensch und Maschine besser kommunizieren lernen.

(Foto: Fabian Vogl/TUM)

Zied Tayeb forscht an Künstlicher Intelligenz. Er entwickelt Prothesen, die Kranke mit dem Gehirn steuern können. Jetzt hat auch die Nasa Interesse an seiner Software gezeigt

Menschenähnliche Roboter sollen die Weltraumforschung voranbringen. Und der Münchner Ingenieur Zied Tayeb will dabei sein. Er schreibt seine Doktorarbeit an der TU München am Lehrstuhl für Kognitive Systeme von Gordon Cheng, einem der führenden Robotikforscher in Deutschland. Dort werden selbst lernende Roboter für verschiedene Anwendungen entwickelt. Tayeb ist mit seinen 28 Jahren aber nicht nur hochtalentierter Nachwuchswissenschaftler, sondern bald auch Unternehmer. Gerade weilt er in Singapur, wo er seine Forschung zur Künstlichen Intelligenz vertieft. Sein Start-up "Myelin S" steht kurz vor der Gründung. Gemeinsam mit seiner Partnerin Samaher Garbaya, 24, will er es anmelden, sobald er aus Asien zurück ist. Vor Kurzem waren die beiden als einziges europäisches Start-up zu einer Präsentation bei der Nasa eingeladen. Eine prägende Erfahrung, erzählt der junge Tunesier.

SZ: Wie kamen Sie auf die Idee, sich bei dem Wettbewerb der Nasa zu bewerben?

Zied Tayeb: Ich forsche seit drei Jahren zu Schnittstellen zwischen dem menschlichen Gehirn und Computern. Ein früherer Mentor sagte mir eines Tages: Für diese Themen interessieren sich doch auch Weltraumorganisationen. Die Chance, bei der Erkundung des Weltalls mitzuwirken, wollten wir natürlich nicht verpassen. Also haben wir uns beworben und wurden eingeladen, als einzige Europäer.

Eigentlich forschen Sie aber im Dienste der Medizin?

Ja. Meine Mutter leidet an Multipler Sklerose und kann nicht mehr gehen. Das war für mich ein wichtiger Antrieb, um herauszufinden, wie man Prothesen entwickeln kann, die der Mensch spüren und steuern kann. Daher auch der Name unseres Start-ups: Myelin ist eine Membran, die Nervenzellen schützt und dafür sorgt, dass die Signale aus dem Gehirn weitergeleitet werden.

Und was wäre der Vorteil dieser Entwicklung für die Weltraumforschung?

Astronauten und Roboter könnten zusammenarbeiten. Aus Raumschiffen könnten Menschen die Robonauten fernsteuern und sie zum Beispiel gefährliche Aufträge erledigen lassen. Unsere Software hat mehrere Funktionen: Sie dient einerseits der Navigation, indem die Maschinen selbständig Karten erstellen und Hindernisse umgehen. Sie gibt außerdem taktiles Feedback. Das heißt, sie lässt die Menschen durch die Hand des Roboters fühlen, was er fühlt, genauso wie bei den Prothesen. Und ihre dritte Funktion ist die Neugier.

Neugier?

Am Anfang großer Entdeckungen stand doch immer Neugier. Also bringen wir unserer Software bei, selbst zu entscheiden, was interessant aussieht. Das könnten seltsame Felsformationen sein, verformte Maschinenteile oder auch dreiäugige Fische - je nachdem, wie der Algorithmus eben vorher trainiert wurde, auf was er unterwegs achten soll.

Gewonnen haben Sie den Wettbewerb in New Mexiko zwar nicht, aber Sie durften sich führenden Vertretern der Nasa, des Kennedy Space Centers und des US-Verteidigungsministeriums vorstellen. Was springt dabei heraus?

Geld gibt es bei diesem Wettbewerb ohnehin keines. Aber allein dabei zu sein, war die wichtigste Erfahrung meines Lebens. Wir hatten intensive Gespräche mit den Amerikanern und erhielten Kontakt zu amerikanischen Start-ups, mit denen wir vielleicht kooperieren können. Das würde die Nasa dann sogar fördern.

Haben Sie keine Skrupel, von der Nasa gefördert zu werden? Könnte Ihre Software nicht eines Tages auch Killerrobotern dienen?

Es gibt unzählige Anwendungsmöglichkeiten für unsere Technologie, in der Medizin, in der Pflege, in der Navigation oder auch für militärische Aufklärung. Nein, Skrupel habe ich nicht, ein Kriegseinsatz liegt wirklich noch in weiter Ferne.

Sie beide sind zurzeit ständig unterwegs, um Unterstützer für Ihr Start-up zu gewinnen ...

Ja, meine Partnerin war in der Zwischenzeit in Luxemburg, wir wurden dort unter die Top fünf bei einem europäischen Ideenwettbewerb gewählt. Da ergeben sich womöglich auch Fördermöglichkeiten. Das freut uns natürlich sehr.

Sie und Samaher Garbaya stammen beide aus Tunesien. Wo haben Sie sich kennengelernt?

Ich habe Samahers Masterarbeit an der Universität von Tunis betreut. Sie interessiert sich genauso wie ich für künstliche Intelligenz, wir brennen beide für unsere Ideen. Und dann haben wir uns verliebt. Wir ziehen am gleichen Strang, aber wenn man so viel Energie in ein Start-up steckt, kann es manchmal auch Stress geben. Ich habe von anderen Gründern gehört, dass eine Beziehung darunter schon mal leiden kann, aber bis jetzt läuft es prima mit uns (lacht).

© SZ vom 27.11.2019
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