William "Jimmy" Hartwig:"Die Kraft eines Stieres und die Seele eines kleinen Jungen"

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William "Jimmy" Hartwig: Jimmy Hartwig 1977 - als die Fotos noch schwarz-weiß waren und der TSV 1860 München erfolgreich

Jimmy Hartwig 1977 - als die Fotos noch schwarz-weiß waren und der TSV 1860 München erfolgreich

(Foto: imago sportfotodienst)

William "Jimmy" Hartwig war früher Fußballprofi und feierte wilde Partys. Dann kamen der Krebs, sein Kampf dagegen - und das neue Leben.

Von Stefan Galler

Von wegen: "einmal Löwe, immer Löwe". Er ist die Ausnahme von dieser Regel, die Sympathisanten des TSV 1860 München gerne benutzen, wenn sie über die besondere Mystik ihres Vereins philosophieren. William Hartwig, den alle "Jimmy" nennen, hat vier Jahre lang für die Löwen gespielt, bestritt zwischen 1974 und 1978 mehr als 120 Spiele für den Giesinger Verein. Und doch sagt er heute, dass er keinerlei Bezug mehr hat zu den Sechzigern. Mit den alten Weggefährten verbindet ihn nichts, selbst Stadionbesuche spart sich Hartwig, der zurzeit in Obermenzing lebt: "Ich habe sie mir zwei, dreimal in der Arena angeschaut und muss sagen: Es war verlorene Zeit." Mitleid hat er allerdings mit den Fans: "Die haben seit 40 Jahren nicht mehr viel zu lachen."

Womit es ihnen völlig anders ergeht als Jimmy Hartwig selbst: Der 60 Jahre alte frühere Profi, der mit dem Hamburger SV dreimal Deutscher Meister und 1983 Europapokalsieger wurde, ist auch heute noch dieselbe Frohnatur wie als aktiver Fußballer. Beim Interviewtermin scherzt er mit dem Kellner und hat stets einen lockeren Spruch auf den Lippen. Er fällt genau in jene Rubrik von ehemaligen Berufsfußballern, die noch ungeschliffene Charaktere sind. Eben solche, die man heute im Zeitalter von Medientrainings in den Vereinen weitgehend vergeblich sucht.

Wilde Partys und Drogen? Vorbei.

Und doch hat sich etwas Entscheidendes geändert: Mit am Tisch sitzt Jimmy Hartwigs Frau, die Unternehmensberaterin Stefanie Almer, die für Hartwig auch Termine koordiniert und darauf achtet, dass er, der sein Herz auf der Zunge trägt, Fettnäpfchen links liegen lässt. Mag er sonst noch immer das jugendliche Naturell eines Entertainers haben, mit den Fehltritten der Vergangenheit, wilden Partys und Drogen, hat er abgeschlossen. Es soll auch kein Thema im Gespräch sein, das fordert er unmissverständlich. Er drückt es so aus: "Der Jimmy Hartwig von früher ist tot." Dazu passt, dass er bei der Heirat 2010 den Nachnamen seiner Frau dazugenommen hat, offiziell heißt er also William Hartwig-Almer.

Erstmals in seinem Leben spielt die Familie die Hauptrolle, regelmäßig nimmt er sich ausgiebig Zeit, mit seiner fünfjährigen Tochter zu spielen. Dazu war er früher nicht fähig, auch aus zeitlichen Gründen. Hartwig hat noch einen 36-jährigen Sohn und eine 13-jährige Tochter aus früheren Beziehungen.

"Alles was ich mache, mache ich zu hundert Prozent."

Neuer Name, neues Image: Der zweifache deutsche Nationalspieler, als Sohn eines amerikanischen GI 1954 in Offenbach geboren, engagiert sich vielfältig für soziale Belange. Im Winter 2013/14 war er mit dem "Kältebus" in München unterwegs, brachte Obdachlosen warmes Essen und Kleidung. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist er als Botschafter für Integration und Gewaltprävention tätig, besucht zum Beispiel Schulklassen und erklärt den Kindern die Notwendigkeit, sich im Leben zurechtzufinden. "Und zwar in Gegenden, wo keine Millionärshäuser stehen", wie Hartwig präzisiert.

William "Jimmy" Hartwig: Der geläuterte Fußballprofi: Ex-HSV-Star Jimmy Hartwig setzt sich für Bedürftige ein - und für Literaten: Er betreut die Autoren-Nationalmannschaft.

Der geläuterte Fußballprofi: Ex-HSV-Star Jimmy Hartwig setzt sich für Bedürftige ein - und für Literaten: Er betreut die Autoren-Nationalmannschaft.

(Foto: Stephan Rumpf)

Zuletzt etwa war er in einer Mittelschule in Rostock - und hatte, wie er erzählt, nach zehn Minuten das Vertrauen der 15- und 16-Jährigen gewonnen, obwohl die ihn als aktiven Fußballer nicht kannten. "Ich gebe denen nicht das Gefühl, dass da jetzt wieder einer kommt, der ihnen kluge Ratschläge gibt", sagt Hartwig. "Vielmehr höre ich mir an, was sie zu sagen haben, und erzähle ihnen meine Geschichte." Er setzt sich mit allem, was er hat, für diese Sache ein, denn: "Alles was ich mache, mache ich zu hundert Prozent." Deshalb mag er Effekthascherei überhaupt nicht. Als Beispiel nennt er jene Prominenten, die vor allem zu PR-Zwecken nach Afrika reisen, sich ein hungerndes Kind auf den Arm setzen lassen und wieder nach Hause fahren: "Das kotzt mich an", sagt Hartwig.

Beim Verein "Show Racism the Red Card" ist er seit 2011 engagiert. Diese Initiative, die aus dem Profifußball kommt, wurde einst in England gegründet und hat dort Repräsentanten wie Thierry Henry oder Ryan Giggs. In Deutschland sind neben Hartwig unter anderem Kevin Kuranyi und Trainer Mirko Slomka mit dabei.

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