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Westend:Leuchtende Erscheinungen

Die Buchhändlerin Sylvia Beach (links) war es, die das verlegerische Abenteuer einging, James Joyce' (rechts) Jahrhundertroman "Ulysses" 1922 erstmals zu publizieren. Er dankte es ihr, indem er später lukrative Verträge mit anderen Verlagen einging. Der Pariser Buchladen "Shakespeare and Company" von Beach war ein literarischer Hotspot.

(Foto: AFP)

Das Open-Air-Festival "Irrlichter" bietet Literatur, Kino und Theater an verschiedenen Orten der Stadt

Von Jutta Czeguhn, Westend

Man kann sie erhaschen in dunklen, nebligen Herbstnächten in Mooren oder im Wald, kleine Flämmchen, die vom Boden aufsteigen, durch die Bäume geistern. Irrlichter, sie haben die Menschen schon immer fasziniert und zu Geschichten animiert. "Irrlichter" wurde eine neue Open-Air-Veranstaltungsreihe im Westend getauft, weil hier die Kultur spontan und schön aufflackert. Das kleine Feuerwerk wird von einer Gruppe Münchner Kulturschaffender und Journalisten gezündet, im Schulterschluss mit Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlicher Disziplinen und in Zusammenarbeit mit der lokalen Gastronomie. Zur Irrlichter-Bühne werden Plätze, Biergärten, Hinterhöfe im Viertel. Start ist am Donnerstag, 30. Juli.

Ein besonders helles Licht, das nicht verlöschen darf im Westend, ist die Buchhändlerin Inge Kindermann, die nach 35 Jahren mit ihrer Büchergalerie aus dem Gebäude in der Ligsalzstraße 25 ausziehen soll. Weil die Bedeutung gerade von Buchhändlerinnen für die Literatur immer schon unterschätzt wurde und ihre Rolle absolut unverzichtbar ist, wird in einer Solidaraktion mit Inge Kindermann an eine andere große Bücherfrau erinnert: Katharina Leonore Goebel liest auf der Terrasse des Cafés "sehrwohl", Westendstraße 66, 19.30 Uhr, aus dem Erinnerungsbuch von Sylvia Beach, die in Paris ihren legendären Buchladen "Shakespeare and Company" führte und ihn mit Leidenschaft und untrüglichem Gespür für Qualität zum Hotspot der literarischen Moderne machte. So ist es Beachs Idealismus als Verlegerin und ihr Mut zum finanziellen Risiko zu verdanken, dass James Joyces' "Ulysses" je den Weg zwischen zwei Buchdeckel fand. An dem Abend im Café wird auch der Film "Der Buchladen der Florence Green" von Isabel Coixet gezeigt, der in einem kleinen britischen Küstenort spielt.

Weitere Irrlicht-Projekte sind zusammen mit dem "Mathilde Westend" entstanden. Weil es im kleinsten Theater Münchens in Corona-Zeiten etwas beengt ist, geht es vom Stammhaus an der Gollierstraße 81 auf dem geräumigeren Platz vor der Alten Kongresshalle, Am Bavariapark 14. Sonntag, 2. August, ist dort ganz der amerikanischen Schriftstellerin Dorothy Parker gewidmet. Um 18.30 Uhr zeigen Theresa Hanich und Julia Loibl die Theater-Collage aus Parker-Texten "Tage des Schreckens, der Verzweiflung und der Weltverbesserung". Nach einem Intermezzo mit Live-Swing-Musik auf dem Platz geht es gegen 21 Uhr weiter mit "Can You Ever Forgive Me?", einem Film über die Schriftstellerin Lee Israel, die in den 1990er Jahren über 400 Briefe berühmter Persönlichkeiten fälschte. Der Irrlichter-Sonntag, 9. August, auf dem Platz vor der Alten Kongresshalle, ist Irmgard Keun gewidmet, um 18.30 Uhr gibt es eine musikalische Lesung aus ihrer Satiresammlung "Wenn wir alle gut wären", um 20 Uhr "Das kunstseidene Mädchen", ein Chanson-Musical nach ihrem wohl berühmtesten Roman.

Auch bei den kosten- und barrierefreien Irrlichter-Events sind die Plätze begrenzt, deshalb wird um Voranmeldung per Mail an irrlichterimwestend@gmail.com gebeten. Weitere Infos zum Programm unter www.irrlichter.space.

© SZ vom 29.07.2020

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