Virtual Reality Wie Bahnfahren - nur ohne Bahn

Was wie ein Spiel aussieht, ist in Wahrheit Ausbildung: Ein Mitarbeiter des DB-Bordservice übt Handgriffe mit einer Virtual-Reality-Brille.

(Foto: Florian Peljak)

Züge sollen rollen und nicht zu Übungszwecken stillstehen. In einem Münchner Schulungszentrum wird deshalb der Schraubenschlüssel gegen den Controller getauscht: Auszubildende lernen die richtigen Handgriffe nicht mehr in echten Waggons, sondern in der Simulation

Von Robert Meyer

Es wirkt wie ein langsamer Tanz, den Nadeschda Stankova im Keller des Schulungszentrums der Deutschen Bahn am Hauptbahnhof aufführt. Auf dem Kopf trägt sie eine Virtual-Reality-Brille, in ihren Händen hält sie zwei Controller. Sie streckt sie von sich, dreht ihre Handgelenke, geht in die Knie, steht wieder auf, dreht sich. Erst wenn man auf den Monitor neben ihr blickt, ergeben die Bewegungen Sinn. Dort ist zu sehen, wie die Zugbegleiterin an der Tür eines ICE steht und einen Behindertenlift bedient - nicht in Wirklichkeit, sondern in einem virtuellen, vom Computer erzeugten Raum. Das Programm ist seit April Bestandteil der Ausbildung. Normalerweise muss das Unternehmen Züge aus dem Verkehr ziehen, damit die Mitarbeiter dort trainieren können - diese Züge fehlen dann auf der Schiene.

Die Möglichkeiten seien "schier unbegrenzt", sagt Steffen Rutsch, Bahnsprecher für Digitalisierung. In Zukunft wolle man zum Beispiel auch das Bordbistro im Rechner nachbauen, ab 2019 sollen Auszubildende dann in der virtuellen Realität lernen, wie sie Waggons aneinander kuppeln. Vier Monate habe es gedauert, um die Simulation des Behindertenaufzugs zu entwickeln. Es sei faszinierend, wie realitätsnah das Training sei, sagt Stankova. In ihrem Alltag als Zugbegleiterin komme es nur selten vor, dass man den Hublift des neuen ICE 4 bedienen müsse, deshalb sei das Training der insgesamt 28 Handgriffe mit den Controllern eine große Erleichterung, um Sicherheit zu bekommen.

Deutschlandweit hätten bereits mehr als 500 Mitarbeiter das neue Training absolviert, teilt die Bahn mit. Bis Ende des Jahres sollen es mehr als 1000 sein, 200 davon in Bayern. Spätestens im Jahr 2020 sollen dann alle Zugbegleiter im Fernverkehr die VR-Schulung durchlaufen. Die Deutsche Bahn muss auch dringend neue Kräfte ausbilden. Denn in den kommenden acht Jahren gehe knapp die Hälfte der insgesamt 8000 Wartungsmitarbeiter in Rente, erklärt Bahnsprecher Rutsch. Keine leichte Aufgabe, ausreichend Züge für die vielen Trainings aus dem laufenden Betrieb zu ziehen.

Die Bahn setzt allerdings nicht allein auf die VR-Schulungen. Das Münchner Start-up-Unternehmen Viscopic hat sogenannte Augmented-Reality-Simulationen für den Konzern entwickelt. Während man mit einer Virtual-Reality-Brille komplett in die Simulation abtaucht, nimmt man mit einer Augmented-Reality-Brille seine Umgebung noch wahr. So kann zum Beispiel vor den Augen eines Mitarbeiters eine Weiche mitten in den realen Raum projiziert werden. Der Auszubildende kann die virtuelle Weiche nicht nur von allen Seiten betrachten, sondern auch einzelne Bauteile herausziehen, während eine Stimme eine Montageanleitung liefert. Das Programm simuliert zudem Störungen, beispielsweise einen Stein, der in der Weiche klemmt. Unter Anleitung eines Ausbilders lernen die Nachwuchskräfte die nötigen Handgriffe, ohne auf echten Gleisen herumspazieren zu müssen.

Allein vor dem Münchner Hauptbahnhof gibt es laut Deutscher Bahn knapp 600 Weichen und jeden Tag rund 2000 Zugbewegungen. Entsprechend wichtig sei es, dass die Mitarbeiter lernten, Störungen so schnell wie möglich zu beheben. Das komme schließlich auch den Bahnkunden zugute, betont das Unternehmen. Seit Mai habe man bereits 250 Mitarbeiter mithilfe der Augmented Reality geschult, bis 2020 sollen es 1000 sein. In Zukunft nur noch am Computer zu trainieren, das sei aber nicht das Ziel, erklärt Bahnsprecher Rutsch. Auch wenn die neue Technik hilfreich sei, den Einsatz am echten Zug könne sie nicht völlig ersetzen.