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Viertel-Stunde:Vom Tagelöhner zum Königsmentor

In Berg am Laim erinnert nur noch wenig an den einstigen Hofmarksherren und bayerischen Finanzminister Johann Wilhelm von Hompesch

Kolumne von Lea Kramer

Probleme mit dem Platz gibt's in der Stadt zuhauf. Großteils, weil es zu wenig davon gibt, um all die Wohnungssuchenden unterzubringen. Da wird darüber nachgedacht, Wohnhäuser auf Stelzen zu bauen, Handtuch-Grundstücke an Genossenschaften zu vergeben - und natürlich noch höher in den Himmel zu bauen. Noch vor gut 200 Jahren war die Sorge andersrum. "Her mit den Zuzüglern", forderte um 1808 Johann Wilhelm von Hompesch zu Bolheim, Lehnsherr der Hofmark Berg am Laim. Damit seine Hofmark auch tatsächlich eine bleiben durfte, brauchte er mehr Familien, die darin wohnten. Hompesch startete eine Ansiedlungsoffensive. Er ließ die Straßen ausbauen und errichtete gut ein Dutzend neue Häuser für Handwerker und Tagelöhner. Eines dieser sogenannten Sölden steht noch heute an der Clemens-August-Straße 3.

Wie alle Siedlungshäuser aus dieser Zeit ist die Sölde ebenerdig, aus Ziegelsteinen gemauert und mit einem Walmdach gedeckt. Die Nische, in der vermutlich mal die Hausmadonna stand, ist jetzt ein Fenster. Ob es eine Metapher darauf ist, wie man in die Welt blicken kann: mit freier Sicht auf den Himmel oder hin zur Schutzheiligen? Zeit, darüber nachzudenken, bleibt nicht. Wird man doch schon beobachtet. Von der Häuserwand gegenüber blickt Maria Immaculata gehüllt in einen weißen Mantel Vorbeigehenden stumm entgegen. Hofmarksherr und bayerischer Finanzminister Johann Wilhelm von Hompesch hat weder sie inspizieren können noch vom Wachstum seiner Herrschaft allzu viel abschöpfen können. Er starb auf dem Höhepunkt seiner Karriere 1809 im Alter von 48 Jahren. Nur wenig erinnert noch an ihn in München, obwohl sogar König Ludwig I. einst derart vom Tod seines Mentors ergriffen war, dass er von Hompesch mehrere Gedichte widmete. "Werde zu Thränen gerührt, wenn von dem Freunde ich rede; Unter den Sterblichen all' lebet kein Hompesch mir mehr", schrieb Ludwig zum Beispiel über den Verstorbenen. Gleich neben den Sölden steht die spätbarocke Kirche St. Michael. Hofmarksherr Hompesch ist dort beigesetzt worden. Ein Kreuz auf dem Boden im Vorraum der Kirche markiert den Ort seines Grabes. Eine nach ihm benannte Straße wurde mit der Eingemeindung von Berg am Laim 1913 in Josephsburgstraße umbenannt.

© SZ vom 05.06.2021
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