bedeckt München 14°

Viertel-Stunde:Die Sterne im Blick

Caroline Herschel war eine starke Frau.

(Foto: Public Domain)

Statt als Weißnäherin Damen-Unterwäsche zu verzieren wurde aus Caroline Herschel eine international anerkannte und ausgezeichnete Astronomin. Nach ihr ist eine Straße in der Messestadt Riem benannt

Kolumne von Berthold Neff

Nach wem sollte man eine Straße benennen, die dort verläuft, wo einst die Menschen in den Himmel aufstiegen? Nach einer Frau, die das Firmament beobachtete und dabei weiter vorankam als jeder Fluggast? Ja, es führte kein Weg oder - um im Bild zu bleiben - keine Flugbahn daran vorbei, diese Straße in der Messestadt Riem nach Caroline Herschel zu benennen. Aber wer war diese Frau, die vor mehr als 270 Jahren in Hannover geboren wurde und der eigentlich das Schicksal bevorstand, als Weißnäherin Damen-Unterwäsche zu verzieren?

Sie hatte Glück, dass ihr Vater, der Militärmusiker Isaak Herschel, ihr eine musikalische Ausbildung zukommen ließ, sodass sie Konzertsängerin wurde. Ihr zwölf Jahre älterer Bruder Friedrich Wilhelm war als Organist und Konzertleiter im vornehmen Bath in England tätig. Er rief sie zu sich, als Haushälterin, aber auch, weil er ihrem Talent eine Chance geben wollte. Sie sang in seinen Konzerten, leitete den Chor, war seine engste Vertraute und begleitete ihn kongenial, als er seine Berufung entdeckte, die Suche nach den Sternen. Sie schliff die Spiegel für seine Teleskope. Und sie brachte sich die Mathematik bei, die für die Erforschung der Sterne unerlässlich ist.

1781 bedeutete eine Wende in diesem Leben. Ihr Bruder Wilhelm entdeckte den Planeten Uranus, sodass ihm der britische König Georg III. eine Stelle als Astronom in der Stadt Slough anbot. Caroline sah sich dadurch vor eine Entscheidung gestellt: Sollte sie weiterhin als Sängerin Karriere machen oder aber ihrem Bruder zur Seite stehen? Sie entschied sich für den Blick ins All und begann mit der Suche nach Kometen. Dabei entdeckte sie zwischen 1786 und 1797 acht Kometen. Nächtelang assistierte sie ihrem Bruder, wertete die Aufzeichnungen aus. Selbst große Mathematiker wie Carl Friedrich Gauß zollten ihr Respekt, doch sie blieb bescheiden. "Bis an das Ende ihres Lebens versucht sie, jeglichen Hinweis auf eine eigene Leistung lediglich als das Verdienst ihres berühmten Bruders herauszustellen", schrieb dazu ihre Biografin Renate Feyl.

1822, als ihr geliebter Bruder Wilhelm starb, verließ sie England und zog in ihre Heimatstadt Hannover. Und auch dort ging ihr Blick nach oben. Sie ordnete das umfangreiche Material, das ihr Bruder hinterlassen hatte, sortierte es mathematisch genau. Das machte Eindruck, auch in der von Männern dominierten Welt der Wissenschaft. Viele Gelehrte pilgerten zu ihr in das einfache Haus an der Marktstraße, um mit ihr zu fachsimpeln oder auch nur um teilzuhaben an ihrem Wissen. Sie erhielt, als erste Frau, die Goldmedaille der Royal Astronomical Society, zu deren Ehrenmitglied sie 1835 ernannt wurde.

Mit 88 Jahren wurde sie Mitglied der Königlichen Irischen Akademie der Wissenschaften in Dublin, 1846 erhielt sie im Alter von 96 Jahren im Auftrag des Königs von Preußen die Goldene Medaille der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Zu ihrem 97. Geburtstag wurde sie vom preußischen Kronprinzenpaar empfangen, sang sogar noch ein Lied. Dann gingen selbst ihr die Kräfte aus. Sie starb am 9. Januar 1848, mit 97 Jahren. Sie wurde auf dem Gartenfriedhof in Hannover beerdigt. Und in München erinnert eine Straße an sie.

© SZ vom 26.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite