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Verkehr:Umverteilung auf der Straße und neue Linien

Für Ingo Wortmann, Chef der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), sollte das lieber gestern als heute passieren: "Auch wir freuen uns nicht über Staus", sagt er. Denn die immer wieder von Politikern formulierte Forderung nach schnellen Maßnahmen, den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern, sei nicht so einfach. "Wenn wir dem Stadtwachstum folgen wollen und sehr schnell neue Angebote schaffen wollen, müssen wir das an der Oberfläche tun", sagt Wortmann. "Wenn wir sehen, an der Oberfläche ist kein Platz, kommen wir automatisch zu Umverteilungsdiskussionen."

Umverteilung heißt in diesem Fall: separate Busspuren. Etwa 50 hätte die MVG auf der Wunschliste. Doch ohne den privaten Autos Platz wegzunehmen, sind die nicht zu realisieren. Und auch im Untergrund habe er "keine Glücksgefühle", sagt Wortmann. Momentan sehe er keine großen Reserven mehr bei der MVG. "Wir werden auf der U-Bahn den Zweiminutentakt realisieren", sagt er. Mehr gehe nicht, allein schon wegen der Haltezeiten der Züge an den Bahnsteigen. "Wenn eine U-Bahn steht, steht auch die dahinter", so der MVG-Chef. "Wenn man mehr Kapazitäten ins System gibt, steigt nicht automatisch die Leistungsfähigkeit."

Zudem sei das U-Bahn-System in die Jahre gekommen und müsse saniert werden: Stromschienen seien auf andere Takte bemessen, daher komme es immer wieder zu Kurzschlüssen. Man könne aber nur unter rollendem Rad sanieren, weshalb sich Bauzeiten, wie am Sendlinger Tor, in die Länge ziehen.

Für Tram und Bus gelte derzeit: An den Kreuzungen und Knotenpunkten sei die Grenze der Leistungsfähigkeit erreicht. Ein drittes Trambahngleis am Hauptbahnhof sei nur ein "Tropfen auf den heißen Stein". Es gehe nun darum, innerstädtischen Verkehr zu begrenzen. "Wir schleifen die meisten Fahrgäste durch die Innenstadt", sagt Wortmann. Dabei wollten längst nicht alle Passagiere wirklich dorthin. Man brauche deshalb neue Tangenten oder Ringsysteme.

Für Neubaumaßnahmen und Neuanschaffungen will die MVG bis zum Jahr 2030 sechs Milliarden Euro ausgeben - größter Posten wäre da der Bau der Innenstadtlinie U 9. Zum Paket gehören aber auch die Tram-West- und Nordtangente und die Verlängerung von U-Bahn-Linien. "Wenn man in einer wachsenden Stadt wie München den ÖPNV ausbauen will, muss man das langfristig mit Schienenbahnen machen." Für schnelles Reagieren würden neue Buskonzepte helfen, etwa neue Expresslinien.

Autonomes Fahren wird getestet

Im Frühjahr startet die MVG erste Tests mit autonomem Fahren und wird Buchungssysteme und Software ausprobieren. Autonome Shuttles, die der Nutzer etwa per App anfordern kann, wären laut Wortmann etwa in Räumen und zu Zeiten interessant, wo sich ein Linienbetrieb sonst nicht lohnt. Mobilitätsplattformen wie eine App für alle Angebote (Taxi, Carsharing, Park and ride, ÖPNV) sind deshalb auch im Sinne der MVG. "Unsere Zielrichtung ist nicht mehr von Haltestelle zu Haltestelle zu denken, sondern von A nach B", so Wortmann.

Kritik übt der MVG-Chef an der "standardisierten Bewertung" von Kosten und Nutzen neuer Projekte, die für die Zuteilung öffentlicher Fördergelder entscheidend ist. Für wachsende Städte mit enormen Mobilitätsproblemen wie München tauge diese nichts. Ein Wiener Kollege habe ihm gesagt: Wenn es in Österreich diese Bewertung gäbe, hätte man keinen Kilometer U-Bahn gebaut.

© SZ vom 08.02.2018/vewo
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