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Verkehr:Brückenbau im Zeitraffer

Die Bahn hat in Heimstetten ein Bauwerk aus dem Jahr 1910 ersetzt

Für die Bauarbeiten hat sich die Bahn an diesem Sonntag ein weniger günstiges Wetter ausgesucht. Am Morgen noch überlegte die Projektleitung, ob der Kran überhaupt bei dem Sturm arbeiten könne. Doch so schlimm war es offensichtlich nicht. Die Bahnbrücke am Heimstettener See konnte wie geplant eingesetzt werden, sogar noch ein paar Stunden früher als ursprünglich vorgesehen.

Es ist Sonntagmorgen; auf den Straßen liegen vom Wind verwehtes Herbstlaub und abgebrochene Äste. Auch der Parkplatz zum Erholungsgelände Heimstettener See ist damit übersät, denn auch hier und auf der Baustelle zieht es gewaltig. Und wer die schweren Baugeräte an der Unterführung zum Erholungsgelände passiert, beneidet die Arbeiter direkt um ihre Helme - aber nicht unbedingt, weil sie einen vor dem Regen schützen, sondern weil einem so ein Kran in Bewegung schon Respekt einflößt, zumal bei diesem Wind. Aber es hilft nichts: die Bauarbeiten zu verschieben kommt nur bei extremer Wetterlage in Betracht. Und die ist am Sonntag in Heimstetten noch nicht gegeben. Also wird gearbeitet, Wind hin, Regen her. Die alte Brücke, über die die S-Bahnlinie S2 und die Südostbayernbahn fahren, stammte aus dem Jahr 1910 und war somit schon arg in die Jahre gekommen. Weggerissen war sie schneller als geplant, in der Nacht zum Samstag hatten die Arbeiter mit dem Abriss begonnen. Am Sonntag waren nur noch ein paar zerkleinerte Trümmer neben der Strecke zu sehen. Dass das 1,2 Millionen Euro teure Projekt so zügig voranging, liegt daran, dass es keine Zwischenfälle - wie etwa einen Bombenfund - gab. Für solche Fälle planen die Ingenieure stets einen Zeitpuffer für eine eventuelle "Kampfmittelbeseitigung" ein, wie das im offiziellen Baustellenjargon genannt wird.

Dass eine komplett fertiggebaute Brücke an die Stelle einer abgerissenen Überführung eingeschoben wird, kommt nicht jeden Tag vor. Dennoch sei die von der Firma Multilift übernommene Arbeit ein "Routineeingriff", wie es Thomas Vorwerg, der leitende Projektingenieur der Bahn, nennt. Doch auch Routinearbeiten wollen intensiv geplant werden. Mehr als drei Jahre vergehen in so einem Fall, von der ersten Planung bis zum Abschluss der Arbeiten.

Die Brücke an der Franz-May-Straße in Heimstetten wurde von Mitte Juli bis Anfang Oktober direkt neben der alten Brücke auf einem Betonfundament gebaut. Um sie an die richtige Stelle zu bekommen, muss sie mittels großer Pressen angehoben und dann mit einer Geschwindigkeit von etwa einem Meter pro Minute auf Schienen etwa 25 Meter weit verschoben werden. Nach 25 Minuten ist das 600 Tonnen schwere, 18 Meter lange und 14 Meter breite Betonbauwerk am richtigen Platz. Ein ziemliches Gewicht für Präzisionsarbeit, aber alles funktioniert. "Jetzt können wir ganz entspannt weitermachen", meint Thomas Vorwerg, der inzwischen in den Baucontainer gebeten hat, um das weitere Vorgehen zu erörtern. Kurz gesagt: Nach dem Einpassen der Brücke montieren die Arbeiter an diesem Montag die Gleise, und wie es aussieht, werden die Züge am Montagabend ab etwa 22.30 Uhr wieder planmäßig die Brücke passieren können. Bis dahin verkehrt zwischen Markt Schwaben und Ostbahnhof ein Schienenersatzverkehr. Zeitkarteninhaber der Strecke Mühldorf - München sowie Fahrgäste, die mit dem Südostbayern-Ticket unterwegs sind, können auch über Rosenheim, Landshut oder Wasserburg/Grafing fahren und dabei die Regionalzüge der DB Regio, Alex oder Meridian benutzen.

Dass die neue Brücke auch wieder nur zwei Gleise hat, wird das S-Bahn-Bündnis Ost nicht freuen: Der Zusammenschluss von Gemeinden entlang der S2 im Münchner Osten sowie von Landräten und Wirtschaft, fordert schon länger einen Ausbau der Strecke. Doch der wird so schnell nicht kommen. Dazu müsse die Politik erst Geld bereitstellen. Sollte das irgendwann mal der Fall sein, "stellen wir eben eine zweite Brücke daneben hin", sagt ein Sprecher der Bahn.

© SZ vom 30.10.2017

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