Verhörspezialist bei der Kriminalpolizei:Unterwegs im Lügengebäude

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Bruck: Kriminalhauptkommissar Dieter Bindig 'Der Verhoerspezialist'

Kriminalhauptkommissar Dieter Bindig muss sich oft auf sein Bauchgefühl verlassen.

(Foto: Johannes Simon)

Er muss Menschen auf die Schliche kommen, die bei der Polizei falsche Aussagen machen. Die meisten verraten sich nach einer Weile selbst, sagt Kommissar Dieter Bindig im SZ-Interview. Allerdings: Es gibt auch Fälle, die nicht zu knacken sind.

Von Florian Fuchs

Dieter Bindig ist bei der Kriminalpolizei in Fürstenfeldbruck für Brand-, Sitten- und Tötungsdelikte zuständig. Als Experte für Vernehmungen hat der Kommissar nun ein Buch herausgebracht: In "Der Verhörspezialist" (Knaur) erläutert der 50-Jährige, wie Polizisten Lügner überführen.

SZ: Herr Bindig, wenn ich etwas angestellt habe und Sie mich vernehmen müssen. Wie fangen Sie an?

Dieter Bindig: Die Situation wie im Krimi, dass ich einen Beschuldigten dazu bringen muss, ein Geständnis abzulegen, ist die große Ausnahme. Wenn jemand mit einem Messer angegriffen wird, dann weiß der meistens, wer ihn attackiert hat. In der Regel sind die Beweise also so deutlich, dass wir wissen, dass der Beschuldigte der Täter ist. Dann geht es eher um Fragen nach dem Motiv oder den Umständen.

Was sind dann typische Situationen bei Vernehmungen?

Viel typischer sind Zeugen, die uns ihre Beobachtungen nicht schildern wollen. Etwa weil der Beschuldigte ein Freund ist oder der Zeuge sich falsch verhalten hat. Vielleicht hätte er Hilfe leisten sollen, hat es aber nicht gemacht, und jetzt ist es ihm peinlich. Da haben wir in der Vernehmung eine emotionale Hürde zu überwinden.

Dann bin ich also Zeuge, der nicht reden will. Wie begegnen Sie so jemandem?

Zunächst wie jedem anderen auch. Meine Art ist es freundlich zu sein. Man verwickelt die Leute in einen Smalltalk, geht ins Büro, bietet einen Stuhl an. Ich stelle neutrale Fragen: Haben Sie schnell einen Parkplatz bekommen? So kommt man ins Gespräch und kann den Zeugen nach zwei Minuten schon ein bisschen einschätzen. Ich sehe, wie er sich hier bei der Polizei verhält.

Gibt es auch Polizisten, die extra barsch auftreten?

Meine Erfahrung ist, dass man als good cop weiter kommt. Es gibt aber Kollegen, die barsch sind. Wichtig ist, dass das Auftreten zur eigenen Person passt und man nicht eine Rolle spielt. Das merkt der andere, und dann ist man unglaubwürdig.

Gut, der Zeuge kommt. Und ist wahrscheinlich nervös.

Ein Zeuge, der zu uns kommt, ist fast immer aufgeregt. Bei uns geht es um Mord, Totschlag, oder eben versuchten Totschlag, wenn wir bei dem Messerangriff bleiben. Wenn jemand sehr aufgeregt ist, habe ich Probleme zu erkennen, wann er noch mehr aufgeregt ist. Wenn ich also den Puls durch Smalltalk auf 80 drücken kann, habe ich eine Chance zu erkennen, wenn er nachher steigt, sobald die Person lügt oder sich meinen Fragen verwehrt. In der Fachliteratur nennt man das Nulllinie. Hier bei der Polizei verhält sich eine Person anders als im Biergarten. Dieses Verhalten muss man versuchen wahrzunehmen, um abweichende Reaktionen erkennen zu können.

Und dann bieten Sie einen Kaffee an?

Eher Wasser. Bei Kaffee kommen Fragen nach Milch, Zucker, da bin ich schnell in einer Situation, in der ich bediene. Das geht natürlich nicht. Ich bin ja derjenige, der den Ablauf diktiert.

Wie steigen Sie in die tatsächliche Vernehmung ein?

Ich frage ab, was ich schon weiß. Also beim Messerangriff in einer Wirtschaft: An welchem Tisch saßen Sie? Erzählen Sie mir, mit wem Sie dort waren. Dann erkläre ich, dass ich alle vernehme, die dort waren. So entsteht Druck: Falls der Zeuge mich anschwindeln will, weiß er jetzt, dass er durch andere Zeugenaussagen kontrollierbar ist. In dem Moment schaue ich auf die ersten Reaktionen: Er hustet, verschränkt die Arme, verändert die Sitzhaltung. Das speichere ich ab und denke: Hoppla!

Vielleicht verschränkt er die Arme, weil er das immer so macht.

Das ist genau die Schwierigkeit. Man kann immer alles falsch deuten. Eine Frau presst die Beine aneinander: Ist sie nervös? Oder muss sie auf die Toilette? Ich speichere erstmal nur im Hinterkopf ab. Aber im Gesamtbild einer Vernehmung, die eine oder mehrere Stunden dauert, kann man schon etwas herauslesen. Ich frage also weiter und beobachte. Der Zeuge soll jetzt erzählen. Wie ist er ins Lokal gekommen, warum? Er holt weit aus, und ich sage am besten fünf Minuten gar nichts mehr.

Gestik und Mimik unter Kontrolle

Auf was achten Sie dann?

Neben Inhalt der Aussagen auf Gestik und Mimik. Man muss sich das so vorstellen: Ich sitze dem Zeugen gegenüber, mit einem Abstand, dass sich die Füße nicht berühren. Es ist kein Tisch zwischen uns, damit ich jede Reaktion beobachten kann. Der Zeuge sollte keine Armlehnen haben, damit er etwas mit seinen Händen machen muss. Die Hände sind sehr interessant, weil ich die aus den Augenwinkeln beobachten kann. Wenn ich nämlich ständig nach unten auf seine Füße starre, ist das zu auffällig.

Im Fernsehkrimi strahlt Beschuldigten grelles Licht ins Gesicht, um es so richtig ungemütlich zu machen.

Nein, ich will kein unangenehmes Gefühl erzeugen. Stress ist hinderlich, es schränkt die Erinnerung ein.

Sie sitzen sich also gegenüber: Welche Gestik und Mimik ist interessant?

Jeder Mensch verhält sich anders, jeder hat sich Körperhaltungen angewöhnt. Aber wenn jemand eine halbe Stunde jeden Satz mit Händen und Füßen begleitet und dann stiller wird, fällt das auf. Es geht also für mich vor allem um abweichendes Verhalten. Landläufig denkt man: Wer Augenkontakt unterbricht, lügt. Also versuchen Lügner oft krampfhaft Augenkontakt zu halten. Das fällt auf. Eigentlich unterbrechen wir im Gespräch doch ständig den Augenkontakt, weil Starren unangenehm ist. Bei so etwas entsteht bei einem Polizisten ein Bauchgefühl, dass etwas nicht stimmt.

Kann ein Zeuge es durchhalten, sich eine ganze Aussage über zu verstellen?

Zu stressig. Er muss sich auf die Frage konzentrieren, eine gelogene Antwort geben und seine Geschichte weiter auf diese Lüge aufbauen. Das ist Höchstarbeit für den Kopf. Dabei vergisst man mal seine Körpersprache. Und macht sich so verdächtig.

Zurück zum Messerangriff: Was machen Sie, wenn der Zeuge weiter behauptet, nichts gesehen zu haben?

Der Zeuge muss etwas gesehen haben. Bei einer Prügelei in einer Wirtschaft, bei der einer ein Messer zieht, schauen alle hin. Das halte ich ihm vor. Dann erzählt er vielleicht bröckchenweise mehr. Dann argumentiere ich, dass er sich strafbar machen kann, wenn er nicht die Wahrheit sagt. Will er wirklich Gefahr laufen, selbst dran zu sein, weil sich ein anderer geprügelt hat? So etwas wirkt oft, damit ein Zeuge die emotionale Hürde nimmt und aussagt.

Bei Beschuldigten ist es wahrscheinlich schwieriger, über die Hürde zu helfen?

Aufwendiger. Ich muss immer schauen, warum jemand lügt. Und dann kann ich an dem Grund arbeiten. Ein Pfleger etwa hat ein falsches Medikament gegeben, jemand ist gestorben. Dann spreche ich das offen an. Es ist klar, dass er seinen Beruf verliert. Es gibt aber ein Leben nach der Tat. Man kann sich unterhalten, wie es weitergeht. Wir machen bei Vernehmungen auch immer ein Stück weit Sozialarbeit.

Sprechen Sie auch offen an, wenn Sie glauben, dass einer lügt?

Nein. Wenn ich jemanden mit einer Lüge konfrontiere, macht er zu. Ich muss ihn in das Lügengebilde hineinlaufen lassen.

Hatten Sie schon einmal das Gefühl, jemanden nicht geknackt zu haben?

Das Gefühl hat man ab und zu. Aber wo ist die Kontrolle? Wer es schafft, mich anzulügen, löst die Lüge hinterher nicht auf. Man kann nur schauen, dass man andere Beweise sammelt, um ihn zu überführen. Eine Vernehmung ist ja nur ein Teil der Ermittlungsarbeit. Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten, ein Verbrechen aufzuklären.

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