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Untergiesing:Gans schwierig

Gastronom Julian Hahn will im Hexenhäusl an der Pilgersheimer Straße ein Kulturcafé eröffnen. Schon das Genehmigungsverfahren für die Zwischennutzung war zäh, jetzt hat die Corona-Krise die Baustelle im Griff

"So hat der Zimmerer das Thema interpretiert", sagt Julian Hahn und deutet auf die frisch montierten Gauben seines "Hexenhäusls", dessen Rohbau jeder bestaunt, der jetzt noch vorbei kommt am Grünspitz zwischen Pilgersheimer Straße und Bahnlinie, wo Hahn sein Kulturcafé "Gans woanders" im Juni eröffnen will - trotz allem. Hübsch asymmetrisch, aber nicht windschief, sind die Aufbauten geraten, vielleicht nicht ganz so pittoresk, wie sich das Hahn und seine Kompagnons Florian Jund und Philipp Behringer erträumt hatten - und alle sehnen sie sich nach einer Zeit zurück, als so etwas noch eine Rolle spielte, als es noch darum ging, akkurate Handwerker vom Reiz der Ungenauigkeit zu überzeugen, und nicht darum, sie überhaupt irgendwie auf die Baustelle zu bekommen. "Wir fahren auf das Ende zu", sagt Hahn betont ruhig und in der Hoffnung, dass es doch weitergeht mit seinem Projekt.

Natürlich weiß der junge Kultur-Gastronom, bekannt vor allem durch das Café "Gans am Wasser" im Westpark, dass die Corona-Krise nicht nur ihn kalt erwischt hat. Herumzujammern liegt ihm nicht, auch wenn er sich nun unversehens in jener Untergruppe junger Selbständiger wiederfindet, die der Stillstand mit am ärgsten bedroht, weil er sie just in der Startphase trifft, ohne Reserven und ohne Stammklientel. In Hahns speziellem Fall fehlt es immerhin nicht an tätigem Zuspruch aus dem Viertel und aus der ganzen Stadt. Inzwischen kennt ihn eigentlich jeder, der sich ein wenig für die unabhängige Kulturszene und für kreative Zwischennutzungen interessiert. Aus dem Kielwasser der "Utting", mit der sein älterer Bruder Daniel vor anderthalb Jahren in Sendling anlegte, hat sich Hahn, was die Strahlkraft seiner Projekte angeht, jedenfalls längst heraus manövriert. Entsprechendes Vertrauen schlug sich denn auch in einer Summe von rund 13 000 Euro nieder, die sein Spendenaufruf binnen Tagen einbrachte, darunter eine Einzelspende von 2000 Euro. Leider reicht das gerade mal für eine knappe Woche auf der Baustelle, obwohl die regulär bezahlten Handwerker dort eigentlich nur die absoluten Expertenjobs ausführen und ansonsten ein siebenköpfiges Kernteam aus ehrenamtlichen Arbeitern anleiten.

"Gans woanders" soll Julian Hahns Hexenhäusl-Projekt heißen, analog zum Café "Gans am Wasser" das der Kultur-Gastronom im Westpark betreibt. Für die restlichen Zimmerer-Arbeiten, die Gebäude-Isolierung und Elektro- und andere Installationen braucht er eine Zwischenfinanzierung.

(Foto: Stephan Rumpf)

Es sind zwei Besonderheiten, die Hahns Vorhaben von herkömmlichen Bauprojekten unterscheiden und die nun zum Problem werden: Anstatt Kredite aufzunehmen, hatte er die Arbeiten bislang aus dem jetzt auf "to go" heruntergefahrenen Betrieb des "Gans am Wasser" finanziert, sowie aus dem neu eröffneten "Lozzi". Das Café an der Pestalozzistraße, das später die Kuchen fürs Hexenhäusl liefern soll, lief nun gerade mal zwei Wochen lang bis zur Zwangsschließung. Zum anderen kann Hahn, auch ohne Bankverbindlichkeiten, die Baustelle nicht einfach einmotten und das "Gans woanders" später eröffnen: Das Grundstück gehört teils der Stadt, teils einem privaten Eigentümer, der es bis Mitte 2024 zur Verfügung stellt und anschließend bauen möchte. Ein zähes Genehmigungsverfahren mit Ausnahmen beim Stellplatznachweis und anderen Schlenkern hat bereits deutlich an der fünfjährigen Frist für die Zwischennutzung genagt, trotz aller öffentlichen Sympathiebekundungen fürs Projekt.

Im günstigsten Fall, wenn seine beiden Cafés am 20. April wieder öffnen dürften, schätzt Hahn den Bedarf an Zwischenfinanzierung auf rund 50 000 Euro. Nicht ohne Finanzschub zu realisieren sind zum Beispiel die Gebäude-Isolierung, die restlichen Zimmerer-Arbeiten oder Elektro- und andere Installationen. Immerhin steht ein Teil des Balkons, der mit der angrenzenden Hochterrasse als Zuschauertribüne für die geplanten Veranstaltungen gedacht ist. Bei Ausstattungsdetails hätte das "Gans"-Team dabei von Anfang an nicht sparsamer arbeiten können. Fenster, Türen, eine eiserne Wendeltreppe, die Säulen der Freiluftbühne und vieles mehr, stammen aus Abbruchhäusern und liefern verwunschenen Charme zum Nulltarif.

Bezug zum Viertel: Den Bauzaun hat das Team in eine Gabenwand für Bewohner der Obdachlosenheime ringsum verwandelt - bisher mit Duldung der Behörden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Auf die Idee, für alles, was trotzdem schlicht technisch nötig ist, einen KfW-Sonderkredit zu beantragen, ist Hahn natürlich in den ersten Krisentagen gekommen, mit ernüchterndem Ergebnis: Abgesehen davon, dass sich sein Konzept schon unter Normalbedingungen kaum in einem Businessplan abbilden lässt, steht eine Bearbeitungszeit von zehn bis zwölf Wochen im Raum, bei Zinsen um die drei Prozent auf fünf Jahre. Ein Kreditantrag, nun mit der Chance auf ein Prozent Zins, läuft, bietet aber höchstens mittelfristige Perspektiven. "Ich habe nie erwartet, dass entgangene Umsätze oder Gewinne ausgeglichen werden", stellt Hahn klar. Er will nur seinen gezimmerten "Kindheitstraum" nicht kurz vor der Realisierung sterben sehen.

Dass es hier nicht einfach nur um den versponnenen Egotrip einiger junger Hipster geht, sondern um die Rettung eines sozial-kulturellen Ankerpunkts im Viertel, zeigen nicht nur Hilfsangebote und ermutigende Zurufe von der Straße: Den Bauzaun rund ums Hexenhäusl haben Hahn und sein Team kurzerhand und bisher mit amtlicher Duldung in eine "Gabenwand" verwandelt, wo Anwohner Lebensmittel und Hygieneartikel für die Obdachlosen aus den umgebenden Heimen deponieren können. Außerdem steht unter der Nummer 0176-76 14 63 68 unter dem Motto "Gans Plauderhaft" täglich von 16 bis 20 Uhr eine inzwischen gut frequentierte Gesprächshotline zur Verfügung für kleine Pausen von der Isolation.

© SZ vom 07.04.2020

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