TSV 1860 München "Dummheit gehört bestraft"

Erich Bittner ist in Igling bei Landsberg aufgewachsen. Als er 15 oder 16 Jahre alt war, ist er Mitglied im Fanclub "Iglinger Löwen" geworden, und das kam so: Bittner war auf einem Stadelfest - und er war betrunken. Da kamen einige Iglinger Löwen auf das Fest, sie waren zuvor bei einem Auswärtsspiel, und sie überredeten Bittner, bei ihnen mitzumachen. Er sei "im Suff Mitglied geworden", sagt er. Er trinkt keinen Alkohol mehr, seit er 18 ist. Aber die Löwen, die sind eine Sucht für ihn geworden.

Zunächst ging er nur mit der Kluft ins Stadion, dann kam der Helm dazu und Ende der achtziger Jahre: die Trommel. Er hatte kein Vorbild dafür, er dachte nicht an den berühmten Gladbacher Trommler Manolo; Helmi hatte einfach Lust auf diesen Lärm.

Erich Bittner holt den Helm aus seiner Hütte, es ist ein alter Feuerwehrhelm, ein Lackierer in Landsberg hat ihn blau und weiß angestrichen. Ein kleiner schwarzer Löwe ist darauf und der Schriftzug Iglinger Löwen. Bittner hat den Helm von einem Iglinger Löwen geschenkt bekommen, und seinen Spitznamen "Helmi" bekam er von einem früheren Löwen-Spieler, von Horst Schmidbauer.

Helm, Trommel und Kluft sind eine Verkleidung, und Erich Bittner wirkt damit wie ein Kind, das Beachtung sucht, indem es ein Superman-Kostüm überstreift. Es ist eine geliehene Wichtigkeit. Aber sie tut ihm gut. Einmal, als er vor vielen Jahren bei einem Europacup-Spiel in Drnovice gewesen ist, in der Tschechei, da hat ihm ein Polizist zum Spaß mit dem Knüppel auf den Helm geschlagen. Bittner ist stolz darauf, in seiner Welt ist das ein Ritterschlag.

Seine Verkleidung öffnet ihm die Tür zu einer größeren Bühne, aber nur einen Spalt breit. Mal ratscht er mit dem früheren Löwen-Kicker Thomas Miller, der auch aus der Ammersee-Gegend stammt, mal am Rande des Trainings mit dem bodenständigen Daniel Bierofka. Mehr aber auch nicht. Er ist mit keinem Spieler befreundet. Immerhin, einmal hat er sogar mittrainiert bei den Löwen, als es noch nicht so schlimm war mit Knie und Hüfte. Trainer Werner Lorant forderte mehr Einsatz und Härte von seinem Trainingsgast, doch Erich Bittner hielt sich zurück: "Ich kann doch als Löwenfan keinen Löwenspieler umgrätschen." Das sagt sehr viel über ihn aus.

Und trotzdem, es gibt einen schwarzen Fleck in seinem blauen Universum: Mitte der 90er Jahre war Erich Bittner stellvertretender Platzwart und Hausmeistergehilfe beim TSV 1860, es war so etwas wie ein Traumjob für ihn. Doch er ließ sich etwas zuschulden kommen, er wurde entlassen. Er will nicht sagen, was es gewesen ist, aber er sieht ein, dass er einen Fehler gemacht hat. "Dummheit gehört bestraft", sagt er heute. Bei 1860 will man auch nicht mehr darüber reden, Insider sprechen von einem kleinen Delikt. Heute sei das Verhältnis zu 1860 "wieder einigermaßen normal", sagt Bittner.

Nun hofft er, dass er einen kleinen Job findet, er darf auf 400-Euro-Basis etwas hinzuverdienen zu seiner schmalen Rente. Bloß schwere körperliche Arbeit sei nicht möglich. Trommeln geht. Nur manchmal, sagt er, tue ihm davon die Schulter weh.