bedeckt München

Tragikomödie:"Wir fühlten uns unverwundbar"

In "Gott, du kannst ein Arsch sein" spielt Heike Makatsch die Mutter eines todkranken Mädchens. Im Interview spricht sie über höhere Mächte, Zäsuren und Tattoos.

Von Cora Wucherer

Heike Makatsch hat schon viele Rollen gespielt: Große Ikonen und großherzige Sängerinnen, engagierte Ärztinnen und enervierte Lehrerinnen. Immer wieder aber schlüpft sie in Mütterrollen - so auch in ihrem neuen Film Gott, du kannst ein Arsch sein. In dieser Buchverfilmung erkrankt ihre 16-jährige Filmtochter unheilbar an Krebs - und haut von Zuhause ab. Also reisen ihr die besorgten Eltern bis nach Paris hinterher.

SZ: Wann dachten Sie sich zuletzt: Gott, du kannst ein Arsch sein?

Heike Makatsch: Ungerecht behandelt fühle ich mich selten. Ich bin privilegiert und weiß, dass vieles gut läuft. Aber auch in Zeiten, in denen es nicht so gut läuft, mache ich nicht das Schicksal dafür verantwortlich. Dann sehe ich das als krasse Aufgabe, die ich bewältigen muss, um daran zu wachsen.

Ihre Filmtochter Steffi erhält die Diagnose Krebs. Was hat Sie daran gereizt, ihre Mutter Eva zu spielen?

Als ich das Drehbuch das erste Mal las, fand ich den Titel etwas derb. Aber schon die erste Drehbuchfassung hat mich emotional stark bewegt. Genauso ging es mir mit der Rolle der Mutter, die denkt, sie habe alles im Griff. Für mich war es nachvollziehbar, wie Eva mit hysterischem Kontrollwahn versucht, für ihre Tochter noch ein paar Tage Leben herauszuschinden. Erst als sie ihr hinterher reist, lernt Eva, Steffi loszulassen. In diesem Moment wird sie nicht mehr als Mutter gebraucht, die vorgibt, was zu tun ist, sondern nur noch als liebende Mutter. Ich hatte das Gefühl, davon noch viel lernen zu können.

Kinostart - 'Gott, du kannst ein Arsch sein!'

In Männerpension (1996) standen Heike Makatsch und Til Schweiger schon einmal gemeinsam vor der Kamera. Jetzt spielen sie besorgte Eltern.

(Foto: dpa)

Sie haben selbst drei Töchter. Wie hat Sie das in Ihrer Rolle beeinflusst?

Ich denke, dass auch Schauspielerinnen ohne Kinder eine solche Rolle spielen können. Aber es hilft.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

Meine wichtigste Vorbereitung ist es, die Rolle zu "meiner" Rolle zu machen. Was kann ich dieser Figur von mir schenken?

Eva haben Sie auf jeden Fall Gefühlsmomente geschenkt, sei es der Schock über die Diagnose oder Ihr haltloses Lachen, nachdem Sie Steffis Tattoo sehen. Welches Verhältnis haben Sie zu Tattoos?

Ich habe keins (überlegt). Doch, ich habe einen kleinen Stern auf dem Rücken, der ist aber schon 30 Jahre alt. Ich bin oft erstaunt, wie sehr sich Leute tätowieren - das Leben ist schließlich lang. Trotzdem würde ich das jedem selbst überlassen.

Sie spielen die Frau eines Pfarrers. Einmal sitzen Sie gemeinsam in einer leeren Kirche und hadern mit Gott. Wie stehen Sie persönlich zu Gott?

Ich bin nicht getauft und habe kein Verhältnis zur Kirche als Institution. Aber ich versuche mich dem Gedanken zu öffnen, dass es etwas Höheres gibt.

Gibt es dafür einen Anlass?

Das Alter (lacht).

Wie höhere Gewalt kann einem auch die Corona-Krise vorkommen. Wie haben Sie die letzten Monate erlebt?

Die Auswirkungen der Angst, Unfreiheit und Distanz sind noch nicht vorbei. Aber auch sonst drehe ich häufig lange nicht und widme mich anderen Dingen - besonders dem Haushalt. Insofern ist eine Drehpause für mich nichts Ungewöhnliches. Wenn sie auch noch "von oben" auferlegt ist, gibt es noch weniger Druck.

Arbeiten Sie an etwas Neuem?

Ich drehe bald das erste Mal unter Corona-Bedingungen, einen Film, dessen Dreharbeiten von April verschoben wurden. Ich bin gespannt, ob es sich anders anfühlen wird mit dem Damoklesschwert, das über einem schwebt.

Im Film bekommen Sie es als Mutter mit Krebs zu tun. Haben Sie selbst auch schon Erfahrungen mit dieser Krankheit gemacht?

Ja. Nicht ich persönlich, aber in meinem Umfeld. Ohne darüber ins Detail gehen zu wollen: Das war zu einer Zeit, als ich noch jung war, wir fühlten uns unverwundbar. Diese Erfahrung, dass ein Freund mit dem Tod konfrontiert wurde, hat mich damals tief geprägt und eine Zäsur in meinem Leben gesetzt. Daran musste ich beim Dreh denken.

Gott, du kannst ein Arsch sein, Regie: André Erkau

© SZ vom 01.10.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema