Zwischennutzung "The Lovelace" feiert Abschied

Die Stimmung bei den Partys im "The Lovelace" war oft sensationell.

(Foto: Stephan Rumpf)

In dem Pop-up-Hotel entstand ein großes Kulturprogramm, auch weil Hippies und Bürokraten zusammenarbeiteten. Im Januar muss es schließen - davor wird versteigert und gefeiert.

Von Michael Zirnstein

Man könnte einen rührenden Weihnachtsfilm à la "Citizen Cane" draus basteln: Ein Hotelier erinnert sich an seine Jugend im Heim der Inneren Mission, besucht sein altes Zimmer draußen in Feldkirchen, sieht, dass nun Flüchtlingskinder im Speisesaal wohnen, er riecht, dass es mangels frischer Socken müffelt und bittet die Firma Falke um Hilfe, die ein paar Hundert Notstrümpfe schickt. Und mehr noch: Er lädt die Kinder an Weihnachten in sein Hotel in der Großstadt ein, das ein paar Tage lang von Spiel und Lachen erfüllt ist.

Tatsächlich stimmt diese Weihnachtsgeschichte. Fast. Michi Kern, der Herbergsvater, hat nämlich nicht nur zu den gerade zurückliegenden Feiertagen Mündel der evangelischen Kinder- und Jugendhilfe eingeladen und etliche Firmen dazu gebracht, für den Aufenthalt zu spenden. Nein, er machte das in allen Schulferien, seit es sein Hotel The Lovelace gibt.

Süddeutsche Zeitung München Münchens Subkultur stirbt
Kommentar

Münchens Subkultur stirbt

Die Clubs verschwinden und für Musiker gibt es kaum noch geeignete Räume - der Kommerz frisst die Subkultur in der Landeshauptstadt. Das belegt auch eine neue Umfrage.   Kommentar von Michael Bremmer

Und über allem geistert nicht wie bei "Citizen Cane" der Schlittenfabrikant "Rosebud", sondern der Name der texanischen Hotelkette "Rosewood". Die sorgt aber nicht unbedingt für ein Happy End von Kerns Herzensprojekt, sondern für ein vorzeitiges Aus zum Jahreswechsel, weil sie nun doch schneller als erwartet mit dem Immobilienbesitzer, der Bayerischen Hausbau, einig geworden ist. Schon bald soll mit dem 100 Millionen Euro teuren Umbau des Gebäude-Denkmals zum "5-Sterne-Ultraluxury"-Hotel begonnen werden.

Michael Kern will dennoch "eine Lanze brechen" für die Bayerische Hausbau, weil sie das Zwischennutzungs-Experiment just neben dem Literaturhaus gewagt hat: das einstige Hauptquartier der Bayerischen Staatsbank zum Pop-up-Hotel mit fast schon Las-Vegas-artigem Entertainment umzufunktionieren. "Die Räume schnell als Büros zu vermieten, wäre halt einfacher als eine Sondernutzung mit Hippies wie uns", sagt Kern, der nicht nur Lokale und Clubs wie das Pacha betreibt, sondern auch Yoga-Studios.

17 Monate

lang war das Pop-up-Hotel The Lovelace geöffnet. Gerechnet hatten die Betreiber mit 24 Monaten, erhofft hatten sie sich 30. "17 Monate ist bei so einem Projekt nix", kommentiert Hoteldirektor Michi Kern. Bei gut eineinhalb Millionen investierten Euro erhöhte die verkürzte Gastspielzeit den Kostendruck - auch wenn die 30 Zimmer für im Schnitt 200 Euro pro Nacht stark nachgefragt waren. "Bei 4800 Quadratmetern muss man also schon noch etwas anderes bringen", sagt Kern. Fast täglich gab also es im Hotel Kulturveranstaltungen.

Der Hipster-Hippie und seine Mitgründer Gregor Wöltje und Lissie Kieser versprachen ein echtes Happening: Das Lovelace wurde zum Kulturzentrum mitten in der Altstadt. Und die Kultur diente tatsächlich nicht nur als Feigenblatt vor dem Kommerz der Shops, Showrooms, Gastronomie und Firmenevents. Sie diente nicht nur als Magnet für Übernachtungsgäste und als Content-Maschine, um im Gespräch zu bleiben. Im Lovelace, nein: durch das Lovelace entstand Kultur. Die einst kühlen, nun von Designern und Künstlern veredelten Hallen motivierten Besucher dazu, hier selbst was zu tun.

"In dem Moment, wo du den Leuten Räume zur Verfügung stellst, kommen sie mit tollen Ideen", sagt Kern. Ein paar Beispiele: Die "Monstergirls" machten hier Theater, zogen über die Hotelflure und das Publikum hinterher. Der Klassik-Verein Orplid verwandelte das Atrium mit Neonfarben und Schwarzlicht in eine Raum-Klang-Installation, in der das Publikum um Kammersänger und Pianisten kreiste - der geglückte Test für das später in der ganzen Stadt steigende Kunstlied-Festival "Hidalgo". Angeblich war der Geschäftsführer von Steinway München derart angetan von der Akustik im Hotel, dass er für die gesamte Zeit zwei Klaviere und einen Flügel dort abstellte.

Das Stadtmagazin In München feiert hier 30-Jähriges, von den Galerien schauten Tausende Gäste auf Stars wie Jesper Munk, die Heimat-Rap-Helden Dicht & Ergreifend spielten im Keller. In der "Burn Night" wandelten kostümierte Kunstgestalten wie beim legendären "Burning Man Festival" durch die einstige Bank, die bei Tischtennisturnieren und Kämpfen der dichtenden Haus-Boxtrainer zur Spielbank wurde. In den zahlreichen Studios gab es Filmnächte, Stand-Up-Comedy, Lesungen, Polit-Talks, und - was den spätberufenen Philosophie-Bachelor Kern besonders freute - Live-Grübeleien mit dem "Gewissensfrage"-Autor Rainer Erlinger. "Unsere guten Erfahrungen sollten alle ermutigen: die Stadt, den Staat, Privatleute - mei, was da für Immobilien leerstehen!"

Den Neu-Hotelier hat die Erfahrung vielleicht nicht reicher gemacht, aber bereichert: Er möchte weitere Hotels dieser Art aufmachen. "Tolle Angebote" hat er bisher aus Frankfurt und Wien, in München hofft das Kern-Team auf zwei Objekte, "auch zur Zwischennutzung, aber etwas länger".

Mit dem Rückbau an der Kardinal-Faulhaber-Straße geht es jetzt flott, jeden Tag wurde und wird The Lovelace ein Stück mehr entkernt, nicht nur vom Direktor: von der "So Not Berlin Block Party" mit viel Bassmusik, Trap und Hip-Hop (28. Dezember) über die große Silvesterparty mit DJ-Stars wie Hell und Rene Vaitl und Live-Eletromusik vom Duo Ströme, das schon die Eröffnung verzauberte, bis zum "Hotel Closing" am 5. Januar, dem offiziellen Schluss-Happening ("Be Part of The Great Abriss").

Dann wird das leere Gebäude zum "Erlebnis-Labyrinth" und alle Zimmer und Säle werden zu Tanzflächen oder Bars. Dass wirklich alle Möbel draußen sind, dafür soll das "Lovelace Warehouse" am 3. und 4. Januar sorgen, bei dem alles verkauft wird: Designerlampen, Deko, Decken, Gläser, Barhocker, Merchandise-Artikel - jeder kann sich ein Stück Lovelace-Geschichte ins eigene Heim holen.

Die letzten Hotelgäste durften aber noch den vollen Luxus genießen: Es waren 40 Kinder der Inneren Mission, die hier bis 27. Dezember Weihnachten verbringen durften, zum ersten Mal in ein Hotel einchecken, Hotelfrühstück essen, im Hotel verstecken spielen. Einige kamen zum allerersten Mal in die Innenstadt. Am ersten Weihnachtsfeiertag durften die jungen Gäste in die Oper und bekamen eine exklusive Führung. Hotel trifft Kultur - auf jeden Fall ein Erlebnis.

Kultur in München Zu schön, um hip zu sein

München-Image

Zu schön, um hip zu sein

Viele Kreative finden München langweilig, gerade Nachwuchskräfte ziehen lieber nach Berlin oder Hamburg. Das wird für die bayerische Hauptstadt zum Problem.   Von Michael Bremmer