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Theater und so fort:Keine Feinheiten

Das Kammerspiel "Three O' Clock" im Theater und so fort

Von SABINE LEUCHT

Nach den Unterschieden zwischen den beiden muss man nicht lange suchen: Die berühmte Schriftstellerin Clara trägt selbst im heimischen Schaukelstuhl bodenlanges Rot und ein feines Tuch um den spitzenumsäumten Hals. Der häuslichen Ex-Krankenschwester Abelina hängt stets ein Geschirrtuch vorne aus der Jeans, während sie mit großen, kerligen Schritten im Dauertransit zwischen dem Backofen in der Küche und den Launen ihrer Schwester verkehrt. Christa Pillmann und Yvonne Brosch spielen die beiden ungleichen Schwestern im Theater und so fort. Pillmann mit einer gewissen Stummfilmdivenhaftigkeit, Brosch angemessen brettlbühnen-plump. Auf dieser Ebene hält sich weder (TV-)Regisseur Celino Bleiweiß ("Der Bergdoktor") noch Ana-Maria Bambergers Zwei-Frauen-Stück "Three O' Clock" mit Feinheiten auf.

Zwei fast identische Tage durchlebt man als Zuschauer mit diesen betagten Damen, an denen jeweils um "three o' clock" - Abelina spricht das sehr Denglisch aus - ihr erwachsener Sohn kommen soll und nie kommt, und statt dessen immer ältere Hühnchen Federn lassen müssen: Wer war Gewinnerin, wer zog die Niete im Kampf um die Liebe der gemeinsamen Mutter oder des Mannes und einzigen Kindes der Jüngeren? Auf Andreas Arneths Bühne markiert ein weißer Rahmen ohne rechte Winkel das baufällige Haus, in dem es zwischen den beiden zunehmend ans Eingemachte geht. Sie ist der einzige abstrakte Kontrapunkt in einem semiboulevardesken Seelen-Kammerspiel, dem man anmerkt, dass seine Autorin im Hauptberuf medizinische Psychologin ist. Und was wie ein Konversationsstück von Yasmina Reza beginnt, mündet fast zwangsläufig in einen Beziehungsmord à la Ingrid Noll. Bleibt nur die Frage, wem er gelingt.

So geht also auch in dem kleinen Theater in der Hinterbärenbadstraße 2 die Spielzeit wieder los - ohne dass die Zeit dazwischen inhaltliche oder formale Spuren hinterlassen hätte: Mit einem routiniert inszenierten und gespielten, leidlich spannenden Unterhaltungsstück, dessen Sujet auch gut ins Vorabendprogramm passen würde. Da fällt die Wiederumgewöhnung leicht.

© SZ vom 29.09.2020

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