Tanz:Herausforderung angenommen

Challenge accepted!

Johannes Härtl strukturierte seine Choreografie für 17 nunmehr diplomierte Tanzpädagoginnen analog den Corona-Abstandsregeln.

(Foto: Maciej Schwarz)

Die Leiter der Iwanson Schule für zeitgenössischen Tanz erklären, warum sie trotz Corona bisher gut über die Runden kommen

Von Eva-Elisabeth Fischer

Grundstimmung: realistisch. So beschreiben Johannes Härtl und Marie Preußler, die Leiter der Iwanson Schule für zeitgenössischen Tanz, ihre derzeitige Verfassung. In Corona-Zeiten lässt sich ja nicht wirklich planen. Aber sie müssen, um den Künstlern von morgen, die sie in drei Jahren zweigleisig zu Pädagogen und Tänzern ausbilden, Sicherheit und Selbstvertrauen zu vermitteln. Jetzt mehr denn je. Die meisten ihrer Studenten zwischen 16 und 23 Jahren sprechen allenfalls Englisch, aber kein Deutsch und müssen deshalb sämtliche Informationen erst einmal übersetzt bekommen. Ihren Unterricht erhalten sie via Zoom.

Das jährliche Festival "Junger Tanz" im Gasteig, in dem sich die Studierenden jedes Jahr seit 2009 präsentieren können, musste heuer ausfallen. Was dafür geprobt war, "fiel hinten über", so Härtl. Aber nicht ersatzlos. Stattdessen ging im Carl-Orff-Saal und via Livestream unter dem Titel "Challenge Accepted" ein zweiteiliger Tanzabend über die Bühne, der den diesjährigen Absolventen doch noch den Auftritt vor Publikum ermöglichte. Und: Sie bekamen im Anschluss öffentlich ihre Diplome überreicht. Es waren 39 junge Frauen mit Tränen in den Augen, die sich dafür mit flirrenden Luftküssen bedankten. Kein Mann, nirgends.

Im zeitgenössischen Tanz herrscht ein ähnlicher Mangel an Jungen wie anno 1978 bei den Balletttänzern, als die Heinz-Bosl-Stiftung vor allem zur Förderung des männlichen Nachwuchses gegründet wurde. Tanz verliere bei Jungen, kaum sind sie in der Pubertät, an Ansehen, so Härtl: Das sei nichts für Männer. Auch bei Iwanson lockt man sie, allerdings mit mäßigem Erfolg, mit Stipendien.

Beim zeitgenössischen Tanz sind es hauptsächlich Seiteneinsteiger, die sich spät für den Tanz entscheiden und sich an der Iwanson Schule bewerben. So einer wie der inzwischen als Choreograf hoch geschätzte Moritz Ostruschnjak, der über den Hip-Hop zu Iwanson kam und jetzt im Carl-Orff-Saal 21 von 22 fertig ausgebildeten Tänzerinnen als bis zur Erschöpfung sich abrackernde Einzelkämpferinnen ausgestellt hat: Powerpakete im Kampf um die notwendige Selbsterhaltung, aber auch getrieben vom Zwang zu unausgesetzter Selbstoptimierung.

Härtl setzt in seiner eher in Moll grundierten Gruppenchoreografie umschatteter Einzelgestalten die Corona-Abstandsregeln um, indem er die als Viereck abgeklebten viereinhalb Quadratmeter an individuellem Bewegungsradius eins zu eins übernahm. Auch als Choreograf erweist sich Härtl als umsichtiger Pragmatiker. In seiner Funktion als Schulleiter hat er schon im Frühjahr einen Corona-Kredit aufgenommen um sicherzustellen, dass die Studenten die folgenden 14 Monate eine solide Ausbildung bekommen. Das Iwanson-Spendenkonto gofundme.de für Studenten, deren Eltern die Arbeit verloren haben und die selbst nicht jobben können, hat allerdings nur karge 2600 Euro eingebracht.

80 000 Euro an Mehrkosten hatte Iwanson bisher wegen Corona, unter anderem für die hochprofessionelle Hardware für den Videounterricht. Hinzu kommt die Angst, "dass vor uns irgendwann nur eine halbe Klasse steht", so Marie Preußler. Dies, weil die andere Hälfte die monatlichen Unterrichtsgebühren von 595 Euro nicht mehr bezahlen kann und es in Deutschland nur zwei bis drei Stiftungen gibt, die für den Lebensunterhalt der Studenten aufkommen könnten. Preußlers und Härtls Notprogramm für die befürchtete zweite Welle: Noch mehr Videotraining; zur potenziellen Hochzeit im Oktober und November in Ferien gehen und dann halt im Sommer länger arbeiten.

Das Gros der heurigen Absolventinnen treffen die Folgen von Corona ganz direkt. Nur 18 von 39 haben einen Job in Aussicht, bevorzugt die angehenden Tanzlehrerinnen. Die sind gefragt, weil speziell die Hobbyklassen in Privatschulen zugunsten kleiner Unterrichtsgruppen geteilt werden müssen. Die Tänzerinnen gehen, schon weil alle Vortanzen ausfallen, erst einmal leer aus.

© SZ vom 31.07.2020
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