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Szene München:Woanders sind die Bars auch nicht besser

Nach dem Besuch bei den Eltern freut sich der junge Münchner auf den teuren Gin-Tonic in einer Bar im Glockenbachviertel.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nach dem Weihnachtsbesuch daheim merkt der junge Wahl-Münchner: Diese Stadt ist gar nicht so schlecht.

Es kommt vor, dass der junge Münchner seiner Wahlheimat überdrüssig wird. Alles viel zubravzuteuerzulangweilig. Zu wenig Kneipen wie das "Holy Home", wo man auch mal in spontanes Tanzen ausbrechen kann. Viel zu teure, wenn auch leckere Drinks in den Durchschnittsbars. Zu wenig Auswahl an guten Clubs - und nein, Optimolwerke und Kultfabrik gehören nicht zu den guten Clubs. Nörgel nörgel.

Weihnachten kam gerade recht, viele junge Münchner entschwanden für ein paar Tage in ihre tatsächliche Heimat, den Ort, an dem ihre Familie lebt. Wie Fotos und Kommentare auf Facebook verrieten, befindet sich diese Heimat in den meisten Fällen irgendwo ländlich zwischen Hintergögglingen und Dröbelsried. Dort verabredet sich der Heimkehrer dann mit den Schulfreunden gern "wie früher" in den verklärten Kneipen seiner Jugend, deren Namen meist pseudoitalienisch klingen oder ein Wortspiel mit dem Ort sein sollen.

Zuerst wird anerkennend bemerkt: "Oh, das Café Bierissimo hat jetzt eine laminierte Menükarte." Und: "In den Klobrillen schwimmen jetzt kleine Plastikfische herum." All die Inzwischen-Frankfurter, Neu-Münchner und Bald-Berliner am Tisch freuen sich verstohlen über den spottbilligen Gin Tonic für 5,50 Euro und kokettieren um die teuerste Mietwohnung.

Gut, der Gin Tonic schmeckt dann eher nach einsfuffzich, und die Playlist, die der Immer-noch-Barmann da einschaltet, ist immer noch die von 2004. In einer Übersprungshandlung bestellt einer dann ein Käse-Schinken-Baguette, ja, das war immer toll. Doch urgs, das soll schmecken? Der Käse pappt, das Baguette ist labberig, der Cocktail-Dip erinnert an das, was die Nichte an Weihnachten in der Windel hatte. Hallo Sodbrennen. Hallo Empörung.

Beschwipst lassen sich die Großstädter vom nüchternen Bald-Berliner nach Hause fahren, um sich dort zu übergeben. Ach München, du Hort des guten Geschmacks. Du hast mich längst versaut.

© SZ vom 07.01.2016/axi

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