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Szenario:"Sieht ganz so aus"

Bewundern und rätseln: Bei der Vernissage des Malers Norbert Tadeusz sind die Gäste von den Werken angetan. Diskutiert wird aber vor allem darüber, ob Konrad Bernheimer seine Galerie wirklich schließt

Rätsel geben bei einer Vernissage normalerweise höchstens die Bilder auf. Was genau will der Maler Norbert Tadeusz zum Beispiel in seinem Gemälde "Caduti" zeigen? Den fallenden Reiter des Palio-Rennens in Siena, der sich im Vordergrund noch auf dem Pferd hält. Oder den Reiter, den das herrenlose Pferd im Hintergrund offenbar schon abgeworfen hat? Konrad Bernheimer und sein Galeristen-Kompagnon Fred Jahn haben sich auch darüber viele Gedanken gemacht. Haben überlegt, was die Bilder aussagen, welche sie aufhängen und wie sie die Werke in den Räumen an der Brienner Straße anordnen, so dass Pferde, Feuer und Frauen sich nicht gegenseitig stören. Sehr viel Mühe sei das gewesen, sagt Bernheimer. Und dann sprechen die 200 Gäste am Donnerstagabend bei der Ausstellungseröffnung des vor vier Jahren verstorbenen Dortmunder Malers Tadeusz doch am leidenschaftlichsten über ein ganz anderes Thema: Hört er jetzt wirklich auf, der Bernheimer?

Der 65-Jährige selbst möchte dazu gerade nichts sagen. Er hat es bereits getan, vor Monaten seinen Abschied angekündigt. Nun lief aber die letzte Vernissage mit Werken von Markus Lüpertz derart "grandios", dass ihn das vielleicht noch einmal ins Zweifeln brachte. An sich hatte Bernheimer, einer der renommiertesten deutschen Kunsthändler für Alte Meister, bereits entschieden, nur noch ein Büro in München zu unterhalten, da es in London den größten Markt für sein Sujet gibt. Und so versucht Bernheimer mit der charmanten Bestimmtheit eines Burgherren den ganzen Abend die Aufmerksamkeit weg von sich und auf Tadeusz zu lenken. Dessen Witwe, die Künstlerin Petra Lemmerz, hat sämtliche Cavalli-Bilder ihres Mannes zur Verfügung gestellt. Ein Besessener sei Tadeusz gewesen, sagt Bernheimer. "Er hat den Morgen malend begonnen und wenn wir abends von einer Einladung zurückkamen, ging der erste Griff zum Pinsel", sagt Lemmerz. Italien, wo er drei Monate im Jahr lebte, habe es ihm angetan, "vor allem Piero della Francesca und Veronese". Der habe auch großflächig gemalt. Das sei eine Herausforderung für jeden Maler, "weil man die Bilder organisieren muss und leicht den Überblick verlieren kann". Oft malte Tadeusz mehrere großflächige Bilder parallel, das Atelier voller Leitern. "Und am Palio liebte er die Kraft, das archaische Ritual." Lemmerz rät: "Man muss sich vor einem Bild immer bewegen, um es insgesamt zu erfassen." Das machen die Gäste zu gerne.

Eine Fotografin, die fasziniert durch die Räume schlendert, flüstert: "Jedes Bild springt einem ins Auge." Herren linsen über ihre Lesebrillen und schreiten weinglasschwenkend über das knarzende Parkett. Damen in samtschimmernden Sonntagsdirndln rufen "Wow!" oder "Toll!" und meinen die irren Aktbilder oder die blutigen Pferde-Karambolagen, deren Preis zwischen 20 000 und 50 000 Euro liegt. Manche haben Gehstöcke dabei, einer gar einen zierlichen Zierhund, und alle einen verträumten Genießerblick im Gesicht. Auch Bernheimer, der herumschlendert und ab und an in den Nebenraum schaut, den seine Tochter Isabel bestückt hat. Gerade hat sie in Berlin eine Galerie eröffnet, Bernheimer Contemporary. "Wir hatten bei unserer ersten Ausstellung 170 Werke und haben 80 Prozent verkauft", sagt die 36-Jährige und hat noch immer ein leichtes Staunen in der Stimme. Berlin eben.

Inka Graeve Ingelmann, Kuratorin an der Pinakothek der Moderne, erzählt von Künstlern, die unbedingt eine Berliner Galerie für ihre Werke haben wollten. "Weil Berlin eben derzeit so angesagt ist." Auch das sei ein Grund, warum zuletzt einige Galeristen aus der Galeristen-und Kunden-Hochburg München weggezogen seien. Nun auch Bernheimer, oder?

"Das ist ein absoluter Verlust", sagt Graeve Ingelmann. "Er ist eine Institution." Einer, bei dem die Münchner Kulturinteressenten kämen, wenn er einlade. Auch Klaus Schrenk, der ehemaliger Direktor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, der sagt: "Wenn er aufhört, wäre das ein Schlag für München. Er ist einfach ein Corner Stone." Ein Eckstein der Galerieszene, der Kunstszene der Stadt. Aber Bernheimer hüllt sich in Vielleichtheiten. "Mein Mietvertrag läuft ja noch", sagt er. Dann ist es also an seinem Mit-Galeristen Fred Jahn, das Rätsel ein wenig anzulüften. "Es sieht ganz so aus, wenn er es sich nicht im letzten Moment doch noch anders überlegt." Ein Satz wie ein abstraktes Gemälde. Aber so ist es eben in der Galeristenszene, wer so eng mit Künstlern zusammenarbeiten, der drückt sich wohl zwangsläufig irgendwann so aus, dass Raum für Interpretationen bleibt.

Um den Eckstein der Münchner Kunstszene zu erhalten, braucht es wohl noch einmal eine Lüpertz-ähnlich gelungene Ausstellung. Und der Zahl der roten Verkauft-Aufkleber nach zu urteilen bereits nach zwei Stunden am Donnerstag, könnte dieser Fall sogar eintreten.