bedeckt München 17°
vgwortpixel

SZ-Serie: München Erlesen, Folge 5:"Stark im Schaun, schwach im Urteil"

Lion Feuchtwanger

Der Autor Lion Feuchtwanger im Oktober 1942 in Los Angeles.

(Foto: AP)

Lion Feuchtwanger setzte mit seinem Roman "Der Erfolg" seiner Heimatstadt München ein zweifelhaftes Denkmal. Auch wenn er so manches Bayernklischee arg strapazierte, liest man das Zeitmosaik auch heute noch mit unverändert großem Vergnügen

Das Buch kam nicht gut an. Lion Feuchtwanger habe sich damit seinen zukünftigen Emigrantenpass reichlich verdient, ätzte der Völkische Beobachter, als der Roman "Erfolg" oder "Drei Jahre in der Geschichte einer Provinz" im Jahr 1930 erschien. Allzu offensichtlich war die Ähnlichkeit Adolf Hitlers mit der Figur des hysterischen Rupert Kutzner, des Gründers der "Wahrhaft Deutschen", einer antisemitisch deutschnationalen Partei.

Aber nicht nur das Nazi-Kampfblatt entrüstete sich, auch die linke Presse reagierte nicht positiv, warf dem Autor vor, er vergesse, den Klassenkampf mitzugestalten. Der Bayerische Staatsanzeiger empfand es gar als "perfide Verleumdung des Landes, Volkes und führender Persönlichkeiten Bayerns". Und die Frankfurter Zeitung, eines der wenigen demokratischen Blätter dieser Zeit, vermisste literarisches Niveau und stellte fest, das Buch bleibe gestalterisch unter einem Kriminalroman zurück. "Gewahrt wird nicht einmal die nackte Realität."

Aber eine naturalistische Abbildung der Wirklichkeit war auch nicht das Ziel dieser bissigen Satire, wenn auch Feuchtwangers Information, er zeige keine "wirklichen, sondern historische Menschen" nicht so ganz überzeugt. Dafür war die Ähnlichkeit der Protagonisten mit manchen Zeitgenossen einfach zu groß. Aber das Talent, sich zwischen alle Stühle zu setzen, hatte Feuchtwanger schon des Öfteren bewiesen und sich von böser Kritik nie stören lassen.

Der 1884 in München geborene Sohn eines jüdischen Fabrikanten war bereits als Literaturstudent außerordentlich selbstbewusst, Kompromisse lagen ihm fern. Über die Oberflächlichkeit des Münchner Publikums ärgerte er sich in seinem Tagebuch schon, als sich sein literarischer Verein Phoebus nach einem von ihm vermurksten Faschingsball 1909 auflösen musste und ihn Journalist Kurt Eisner, der spätere Ministerpräsident, in der Münchner Post als "Margarine-Barönchen" verspottete - Feuchtwangers Vater besaß eine Margarine-Fabrik. Man habe eben von Phoebus nicht Geist und Stil, sondern "Gaudi und Gemüatlichkeit" erwartet, notierte der junge Autor.

Geist und Stil - daran mangelt es im "Erfolg" den Bayern, die "stark sind im Schaun, schwach im Urteil, das Gestern lieben, das Morgen hassen und im übrigen bloß in Ruhe gelassen werden wollen". Zum Glück haben sie Minister wie den Justizminister Klenk, der "mit naturwissenschaftlicher Sicherheit weiß, was gut ist für Bayern", eingesetzt, um zu verhüten, dass Volksschädliches ins Land komme. So einen Satz liest man in Zeiten der Corona-Krise doch anders als zuvor.

Kritische Geister haben die Stadt längst verlassen. "Früher hatte die schöne, behagliche Stadt die besten Köpfe des Reiches angezogen. Wie kam es, daß die jetzt fort waren...?" sinniert der elegante Kommerzienrat Paul Hessreiter. Feuchtwanger war ja ebenfalls schon fort, war 1925 nach Berlin gezogen und hatte dort begonnen, am "Erfolg", den ersten Teil seiner "Wartesaaltrilogie" zu schreiben. Die Rahmenhandlung, die in den Jahren 1921 bis 1924 spielt, ist schnell erzählt: Martin Krüger, Subdirektor der Staatlichen Sammlungen und während der Revolution ins Amt gekommen, hat in der Staatsgalerie ein zweideutiges "umstürzlerisch gefärbtes" Gemälde aufgehängt. Findet jedenfalls Kultusminister Franz Flaucher, der alles dransetzt, den Mann loszuwerden und ihn in einen Meineidprozess verwickelt, der für den Kunsthistoriker mit drei Jahre Gefängnis endet. Seine Freunde bemühen sich, das falsche Urteil zu widerlegen, doch Krüger stirbt kurz vor seiner Freilassung.

Mit spitzer Feder zeichnet Feuchtwanger ein facettenreiches Bild der Stadt, ihrer Bewohner und speziell ihrer Politiker. Auch wenn er aus heutiger Perspektive etliche Bayernklischees arg strapaziert, ist das aus vielen Splittern zusammengesetzte Zeitmosaik unverändert mit großem Vergnügen zu lesen. Feuchtwangers Verhältnis zu München, "keine Weltstadt, kaum eine Großstadt", ist ein gespaltenes. Sein Alter Ego, der Schriftsteller Jacques Tüverlin, ist ein Mann von Welt, der seiner "sauberen blitzblanken Sekretärin" einen Essay zum Fall Krüger diktiert, nebenbei einen neuen Smoking probiert, Schneeschuhe bestellt und telefoniert. Er liebt "seine ungelenken, urteilskargen, dumpf musischen Bayern", wenn er auch das "Läppische der großspurigen Stadt" gut sieht.

Landtagsabgeordneter und Anwalt Siegbert Geyer, der Krüger vor Gericht verteidigt und sich überhaupt am Unrecht des Staates Bayern abarbeitet, fragt sich dagegen, was er überhaupt suche in dieser "ungewöhnlich erkenntnislosen Stadt". Doch als drei Männer den "Saujud" auf der Straße niederschlagen, liest man sogar in Berlin davon in der Zeitung. "Wenn sie es am Fremdenverkehr merken, werden sie keine solchen Zicken mehr machen...", kommentiert ein Berliner den Vorfall. Eine Hoffnung, die nicht in Erfüllung ging, wenn auch der nur leicht verschleiert dargestellte Hitlerputsch, den Feuchtwanger 1923 in München miterlebte, erst einmal scheitert.

Bert Brecht erkannte sich übrigens sofort wieder im Ingenieur Kaspar Pröckl. "Was er sagte, war scharf, fanatisch, willkürlich, nicht dumm", schreibt Feuchtwanger, eigentlich einer der größten Förderer des Augsburger Dramatikers. Brecht reiste den Feuchtwangers sofort an den Gardasee nach und forderte eine Änderung. Das Buch war aber schon gedruckt. Die Boshaftigkeiten hatte sich Brecht, so schreibt Marta Feuchtwanger in ihren Erinnerungen, mit seiner in München geäußerten Bemerkung eingehandelt, er betrachte seine Freundschaft zu Feuchtwanger nur als Sprungbrett und nütze ihn entsprechend aus. Freunde blieben die beiden trotzdem.

Die große Zeit der Politiker ist übrigens der Sonntagvormittag in der Tiroler Weinstube, wo sie beim Frühschoppen politisieren. Der Monteur Rupert Kutzner, "der mit heller, manchmal leicht hysterischer Stimme deklamiert", hat da nichts verloren. Ihm lauscht im Restaurant "Zum Gaisgarten" der Stammtisch "Da fehlt sich nichts". Und der ist sehr angetan vom Gedanken, dass die "international versippten Finanzjuden" das deutsche Volk zerstören gerade so wie "die Lungenbazillen die gesunde Lunge."

Nach dem Putsch ist es fast wie vor dem Putsch: "Die Isar fließt noch immer grün, die Stadthymne plärrt vom alten Peter und der Gemütlichkeit, die nie aufhört..., die Stadt gibt sich treuherzig, hält die Augen zu und will es nicht gewesen sein. Sie glaubt, dann vergessen es auch die anderen, aber da irrt sie."

© SZ vom 14.04.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite