bedeckt München 17°

SZ-Serie: München erlesen, Folge 21:Der Welt abhanden kommen

KEIN ONLINE

Ein "Aaaffensound": Die Band F. S. K. bei dem Auftritt in der Münchner Kunstakademie, den Rainald Goetz in "Irre" beschreibt.

(Foto: Dominikus Probst)

Rainald Goetz' "Irre" gibt ganz nebenbei einen authentischen Einblick in die Münchner Punkszene der Achtzigerjahre

Von Rita Argauer

Die Kunstkritik ist in der Regel etwas sehr Nüchternes. Wenn auch oft bemüht um eine besonders sinnliche Wortwahl als Beschreibung für die ästhetische Sinneserfahrung, bleibt der journalistische Blick auf die Kunst doch möglichst ein ungetrübter. Das Nacherleben aber, das Rainald Goetz von einem Konzert der Band F. S. K. in den Achtzigerjahren in der Münchner Kunstakademie möglich macht, ist so besonders und speziell, dass es nicht nur Menschen mitreißen dürfte, die im Normalfall bemüht sind, sachlich-sinnliche Konzertkritiken in der Jetztzeit zu verfassen.

Goetz schickt in seinem ersten Roman "Irre" einen Menschen, dem die Welt sowieso schon zu viel ist, vollgepumpt mit einem besonders extrem prellenden Haschisch-Öl-Tee auf besagtes Konzert. Als Leser geht man diesen Weg mit und findet sich dabei sprachlich so sehr im Hirn und Slang dieser Zeit, dass die Distanzlosigkeit zunächst wahnsinnig macht. Wie die Vorgruppe heißt, die da mit drei Leuten auf der Bühne steht, ist egal, sie machen aber einen "Riesenscheiß", denn "die machen keine Musik sondern bedienen Tonbänder und können nicht einmal die Texte ihrer Nummern auswendig, sondern lesen sie lasch vom Blatt". Doch der "stono pauert immer mehr (...) ein Körperfeeling wie dus beim Eindampfen mit Zigaretten nie hast". Und so registriert der Erzähler anschließend bei F. S. K., obwohl "völlig hinüber", den "Aaaffensound, was die Band da macht, unfaßbarer Sound, da kann ich nicht gehen, nicht jetzt." Obwohl er eigentlich nur an die frische Luft muss.

Es ist eine kleine Szene, im ersten Teil dieses Buchs, das den Wahnsinn, den psychiatrischen, den pathologischen und den privaten, in Dramaturgie und Sprache schonungslos und vor allem auch radikal unideologisch spiegelt. 1983 erschienen und kurz vorher von Goetz mit Schnitten und Blut beim Bachmann-Preis in Klagenfurt mehr oder weniger beworben. Eine Aktion, von der 20 Jahre später noch in Deutsch-LKs berichtetet wurde und deren Radikalität und gleichzeitige Manieriertheit im Roman auf struktureller Ebene gespiegelt wird.

Bevor man ansatzweise eine Art Erzählung erreicht, muss man sich durch gute 100 Seiten voller Gedankenkaleidoskop quälen - von Irren, von Kranken, von Ärzten und Verzweifelten. Man bekommt dabei - rein vom Lesen und Nachvollziehen der Situationen - einen derartigen Tunnelblick, dass einem beinahe physisch schwindelig wird. Bis einen Teil Zwei erlöst und klar und nachvollziehbar das Zerbrechen aller Hoffnungen und Illusionen des jungen Arztes Raspe auf seiner ersten Arbeitsstelle in der Psychiatrischen Universitätsklinik München erzählt. Als Gegenstück dazu taucht immer verschwommen und immer im rauschigen Trunkenheits-Nebel die Münchner Punk-Szene auf, in die Raspe als Ausgleich zum Psychiater-Dasein mehr und mehr eintaucht.

Die einschlägigen Orte wie "Größenwahn", "Lipstick" und vor allem "Damage". Die realen Bedrohungen wie die Schwarzen Sheriffs oder Prügeleien, nur um sich zu beweisen, wer "härter drauf" sei. Verschluckt von einer beinahe ausschließlich über Assoziationen funktionierenden Sprache: "Babylon, Pank & Psychiatrie, alles Babylon. Quatsch Babylon, nix Babylon, Berlin, nee München (...) nix jeden Scheiß verstehn, nix Diskussion und Emanzibatzion, Randale Zoff und Anarchie." Voll brutalem Nihilismus: "Ich nix sagen, zuschlagen."

Die Stadt München, der Ort, meist die Psychiatrische Klinik der Universität in der Nussbaumstraße, sind dabei völlig sekundär und gleichzeitig aber wichtig. Sie untermauern Goetz' Realismus-Konzept, wenn man gleich zu Beginn etwa mit dem "39-jährigen Programmierer Sebastian Köhler den weiten Platz am Ende der Fußgängerzone plötzlich mit befreiten Schritten überquert" und bis zur "Hausnummer 17" gelangt: "oh vertraute Fassade", der "herrschaftliche Bau der Psychiatrischen Universitätsklinik".

Goetz, der Geschichte und Medizin studiert hatte, kurzzeitig selbst in der Psychiatrie gearbeitet hatte und 1982 mit einer Arbeit zum Thema Jugendpsychiatrie promoviert wurde, weiß wovon er schreibt. "Irre" wirkt wie das künstlerische Gegenstück zu seiner damaligen beruflichen Laufbahn und seiner Dissertation. "Wen interessiert das, frage ich Sie, die Kunscht, oder noch schlimmer, die Kunscht-Ambition (...)" erklärt sich Goetz wie in einer Art Vorrede in einem der dichten Consciousness-Ströme des ersten Teils. Die Kunst bleibt da schon durch den Dialekt, in dem da "s" zum "sch" wird auf Distanz.

In Teil Drei des Buchs wird dann schließlich der Kunstwerdungsprozess der Realität zum Thema. Die Kreise schließen sich - formal mit einer beinahe monumentalen Kunstfertigkeit. Der Sommer wird zum Herbst und schließlich zum Winter. Die Kranken werden ruhiger, manche gesunden, manche haben Rückfälle. Raspe, der zunächst gebeutelte Berufsanfänger, wird routinierter. Ebenso die Sprache des Buchs. Bis sich Raspe schließlich den Kranken näher fühlt als der Wissenschaft und seinen Kollegen. Bis aus der Arbeit dieses Buch entsteht. Bis Kunst entsteht.

Rainald Goetz: Irre, Suhrkamp, 372 Seiten

© SZ vom 22.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite