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SZ-Serie: München erlesen, Folge 11:Wenn die Welt aus dem Lot ist

Hültners Räte-Krimi "Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski"

Wenn es gerade mal nicht um das Virus geht, dann ist derzeit öfters mal die Rede davon, wie das alles vor 100 Jahren gewesen ist. Als es in Deutschland das letzte Mal Zwanzigerjahre gegeben hat (wurde damals eigentlich auch über 1820 nachgedacht - und wenn ja, warum?). Man denkt sich dann wohl, dass es damals auch nicht viel anders gewesen sein mag und dass man aus der damaligen Entwicklung womöglich ein bisschen herauslesen kann, wie es bei uns weitergehen könnte.

Das ist dann grad so gut wie Kaffeesatz lesen. Und Lesen ist schon mal ganz gut in diesem Zusammenhang, denn wie es damals gewesen sein könnte, das vermittelt halt doch die Literatur am besten. Zum Beispiel in Gestalt der historischen Krimis von Robert Hültner.

Als 1993 sein erster mit dem Titel "Walching" erschien, war das noch etwas sehr Ungewöhnliches: ein Kriminalroman, der in Bayern spielte, auf dem Land und in der Stadt, und dann auch noch in einer historisch klar umrissenen Zeit. Alles deutlich nachvollziehbar für jene, die sich in der Gegend und ihrer Geschichte ein bisschen auskennen. Man nennt so etwas heute "Regionalkrimi" und subsumiert unter diesem Begriff alles, was erkennbar in einem abgegrenzten Gebiet spielt und einem halbwegs nachvollziehbaren Krimiplot folgt. Darf gern auch ein bissl lustig sein.

Robert Hültners Geschichten um den Münchner Kriminalkommissar Paul Kajetan stehen aber meilenweit über solcher literarischen Dutzendware, und lustig sind sie schon zweimal nicht. Bei Hültner, der nach einer Schriftsetzerlehre Dramaturg und Autor wurde und auch mal mit einem Wanderkino übers Land gezogen ist, werden private und politische Tragödien auf dem Hintergrund ihrer Zeit verhandelt. Sein Inspektor Kajetan ist kein genialer Checker wie Sherlock Holmes, er ist ebenso ein Opfer der Zeitläufte wie viele der Personen, mit denen er im München in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zu tun bekommt. Kajetan ist mehr ein Grübler. Er kommt den Dingen hinter dem Fall, mit dem er es gerade zu tun hat, eher beiläufig auf die Spur, fast selbst ein bisschen erstaunt darüber, auf was er da wieder gestoßen ist.

"Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski" spielt kurz nach der Ermordung des ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner durch den rechtsradikalen Grafen Anton von Arco auf Valley im Februar 1919. Vordergründig geht es um den verschwundenen Journalisten Eugen Meininger, der einem Gerücht nachspürt, das nach der Novemberrevolution 1918 in der Stadt herumgeisterte: dass Kurt Eisner nämlich in Wirklichkeit ein galizischer Jude und Bankrotteur namens Schmuel Koslowski sei. Bei diesen Nachforschungen kommt erst der Journalist, dann der Kommissar einem Komplott auf die Spur, das in der Geschichte noch weitreichende Folgen zeitigen sollte.

Ein Roman ist kein Geschichtsbuch, aber er kann vielleicht die Stimmung jener Jahre so nachzeichnen, dass man besser versteht, was vor 100 Jahren wirklich geschah. Diese Stadt, in der Paul Kajetan ermittelt, ist ein ganz anderes München, als wir es heute kennen. Eine Stadt voller Menschen im ständigen Überlebenskampf, mit Vorstädten voller Arbeiter und armer Leute. Es gibt die kleinen Herbergshäuser in der Au, wo die Menschen noch leben wie im tiefsten 19. Jahrhundert. Und es gibt die Reaktionäre, die Bürgerlichen und die Reste des Adels, die vom neuen Germanentum träumen. Es ist eine Stadt auf den Trümmern der Prinzregentenzeit und des Ersten Weltkriegs, in der Aufruhr und Chaos herrschen und die Intrigen blühen. So fremd einem das alles heute erscheinen mag: München erkennt man trotzdem wieder - so kleinlich und engstirnig, wie es manchmal sein kann, aber auch so versponnen, ausgelassen und großherzig, wie es eben auch ist.

Hültners München spiegelt keine ideale Welt wider. Und wenn es ein Charakteristikum des Krimis an sich ist, dass der Ermittler eine aus den Fugen geratene Welt am Ende wieder in Ordnung bringt durch die Auflösung des Falles: dann verwehrt einem "Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski" diesen Trost. Denn die Welt, in München und weit drumherum, ist am Ende alles andere als wieder im Lot. Man ahnt vielmehr, dass alles noch schlimmer kommen wird. Den Trost aber hat Robert Hültner ganz am Anfang geschrieben, im Vorspruch zum Roman. Dort heißt es: "Nicht alle, aber einige Bewohner einer bestimmten Region mag außerdem zuversichtlich machen, dass offenbar nicht immer alles so war, wie es sich heute darstellt; woraus natürlich folgt, dass auch nicht alles so bleiben muss, wie es ist." Und das gilt ja irgendwie auch für unsere eigene Zukunft.

Robert Hültner: Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski, btb-Taschenbuch

© SZ vom 23.05.2020

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