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SZ-Serie: Himmlische Aussichten:Die Zukunft ist ein Witz

Au weh zwick! Stefan Zinner hat eigentlich keine Angst vor großen Tieren, sonst wäre er wohl kaum neben seiner Schauspielerei und Musikerkarriere derart erfolgreich als Kabarettist.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Stefan Zinner hofft auf die Rettung eines stark bedrohten Urviechs: des Münchener Humors

Von Susanne Hermanski

Stefan Zinners Zukunftsvision ist klar. Zumindest in diesem einen Punkt. In fünf Jahren wird er auf dem Nockherberg beim Politikerderblecken immer noch dringend gebraucht. "Denn egal, was er macht, der Markus: Kanzler beziehungsweise Kanzlerin und Ministerpräsident haben immer eine feste Rolle im Singspiel." Ob Söder nun also kandidiert bei der nächsten Bundestagswahl für den neuen Posten oder nicht - sein Alter ego sieht die Sache gelassen. Und Gelassenheit, das ist doch schon mal was, in diesen ungeheuer aufgeregten Zeiten.

Seit 2006 verkörpert Stefan Zinner den "Maggus" mit seiner unverkennbaren Frisur und dem fränkischem Zungenschlag im Singspiel zum traditionellen Starkbieranstich - übertragen in sämtliche bayerischen Fernsehhaushalte. 2006, da spielte er Söder noch als den liebedienerischen Generalsekretär seines Herrn Edmund Stoiber. Söders Siegeszug bis zum SelberMinisterpräsident hat Zinner stets begleitet - und für seine eigene Karriere als Kabarettist zu nutzen gewusst. Vielleicht steht Stefan Zinner auch deshalb jetzt so vergleichsweise entspannt da. Vielleicht aber auch, weil er sich mehr als auf Söder noch auf etwas anderes verlassen kann in diesen Krisenzeiten: auf seinen Humor.

Der Einladung, drauflos zu spinnen, was werden wird aus Söders Landeshauptstadt in der nahen Zukunft, die taugt dem Zinner sehr: München, das sei für ihn einmal eine große Verheißung gewesen. "Ich bin, wie so viele von uns, ein Landei - aus Trostberg. Ich komme noch nicht mal vom Bauernhof, meine Eltern hatten eine enge Mietwohnung in einer Kleinstadt. München stand für alles andere. Auch die Möglichkeit, einmal nicht 100 Kilometer weit fahren zu müssen, um ins Theater oder ins Kabarett zu gehen", sagt der 46-Jährige. Doch die Weite, die der Schauspielschüler und baldige Kammerspiele-Jungheld damals in München empfunden hat, sei heute einem anderen Gefühl gewichen: "Der Überfüllung".

In fünf Jahren werde das noch mehr als heute gelten. "Es gibt ja heute in ganz München nicht mehr so etwas wie einen Geheimtipp", glaubt Zinner. "Heute sitzen alle schon überall." Und morgen? "Da gibt es dann rechts und links der verkehrsberuhigten Prinzregentenstraße auf der einen Seite einen Burger-Laden am anderen und vis-à-vis Hawaii-Bowl-, Waikiki-Bowl-, Samoa-Bowl-Shops. Hauptsache Bowl. Studentische Hilfskräfte füllen die vorgeschnittenen Lebensmittel dort in Papp-Schüsseln und verkaufen sie teuer."

Vom Münchner Friedensengel aus lässt sich so manche interessante Perspektive auf die Stadt finden - und umgekehrt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Apropos Weite, ersehnte, unendliche Weite: Zinner ist Star-Trek-Fan - auch so eine typische Sache für Landeier, die gern mehr entdecken wollen als den Protz im Dorfweiher. "Ich konnte schon als Kind an den Farben des T-Shirts von Captain Kirks Raumschiff-Enterprise-Leuten sagen, ,der kommt von diesem Planeten nicht mehr lebendig runter, jener schon'". Und Zinners Faszination für Science-Fiction hält an: "Ich habe gar nichts gegen Flugtaxis. Ich könnte gut damit leben, zum Konzert nach Dingolfing zu fliegen, statt über die Autobahn dorthin zu brettern", sagt er. "Mir fehlt bloß der Einblick, ob wir das Zeit meiner Kabarettlaufbahn noch bezahlbar hinbekommen werden." Das mögliche Chaos in den Lüften über Bayern schreckt ihn unterdessen nur mäßig: "Na, gut, eine Anti-Zusammenstoß-Software oder gleich Autonomes Fliegen wär' vielleicht das Gescheiteste."

Dass Unvorstellbares eintritt, erlebt Zinner jetzt schon im Privaten: "Mein Sohn hat zu mir gesagt, er braucht keinen Führerschein." Der 20-Jährige lege die erstaunlichsten Strecken mit dem Rad oder der S-Bahn zurück, klaglos, sogar an den Badesee. Freilich nicht zu glauben, für ein Landei. Überhaupt blicke Zinner zuversichtlich in die Zukunft, wenn er seine Kinder ansehe, die zwei jüngeren Mädchen sind 15 und 11 Jahre alt. "Die machen ihr Ding, trommeln dabei aber nicht laut. Da wird mein Papier schon mal nachträglich aus dem Müll sortiert - vorwurfslos."

Zukunftsfragen an Stefan Zinner

Sie stehen am Friedensengel in fünf Jahren und überblicken die Stadt. Was sehen Sie? Auf der Prinzregentenstraße nur Elektroautos, Wasserstofffahrzeuge und Fahrräder (die E-Roller sind auf wundersame Weise alle in der Isar verschwunden). Weniger schön: Am Ende der Straße wurde das Prinz-Carl-Palais weggerissen. Dort strahlt ein riesiger Apple-Store, und die Jünger strömen zu Tausenden in dessen heilige Hallen.

Wie klingt die Zukunft? Nach Rock'n'Roll! Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Deutsch-Rap schädlich für das Gehirn ist, und deshalb wurde das Zeug verboten. In der Grundschule gibt es als neues Fach: E-Gitarre. Nebeneffekt: Lange Haare bei Männern kommen wieder in Mode, was mich natürlich neidisch macht. . .

Wem sollte in der Stadt in fünf Jahren ein Denkmal gesetzt sein? Warum? Dem Humor! Denn der ist München in den letzten Jahren leider etwas abhandengekommen. Aber: Vielleicht ist das mit dem Denkmal gar nicht nötig, da die Stadt in ihrer beispiellosen Weisheit doch noch in der alten Viehhofbank das "Forum Humor" eingerichtet hat!

In fünf Jahren kommt ein Hollywood-Film namens "Munich" im Kino. Worum geht es darin? Da Hollywood nur Filme in Deutschland spielen lässt, in denen Nazis vorkommen, wird es die Verfilmung von Robert Harris' "München" sein - über das Münchner Abkommen 1938. Und Christoph Waltz spielt Hitler. Oder doch eine Independent-Komödie, in der es um einen Hochstapler geht, der es geschafft hat, sich ohne jede fachliche Vorkenntnis als Verkehrs- und Stadtplanungsexperte auszugeben und nun die Bewohner von Munich jahrelang mit sinnlosen Baumaßnahmen quält.

Sich selbst beschreibt Stefan Zinner: "Ich bin nicht die Hippie-Fraktion, die sagt, alles, was schon gedacht ist, erfüllt sich." Trotzdem - und trotz der positiven Ansätze zur Rettung der Welt in der eigenen Familie - sei es "schon oft erschreckend", was an Visionen von Autoren und Künstlern bereits alles in Erfüllung gegangen sei. "Und keiner hat sich die Mühe gemacht, es aufzuhalten", sagt Zinner. Er meine damit gar nicht primär die Pandemie, die derzeit die Gesellschaft erschüttert - und gar seine diesjährige Söder-Performance beim abgesagten Starkbieranstich vereitelt hat. "Der Bayer sagt: Das sitzen wir jetzt aus." Aber die Bedrohung der Umwelt sei ein beängstigendes Thema, "wenn man einmal wirklich an seine Kinder denkt". Nach Wackersdorf habe man immerhin noch hinfahren können, um konkret gegen ein Atomkraftwerk zu demonstrieren. "Aber die Erderwärmung ist viel weniger greifbar", sagt Zinner.

Zwei Bücher mit irrwitzigen Erzählungen hat Stefan Zinner, das Multitalent, auch schon veröffentlicht. In einer Geschichte klärt er, was Gott wirklich kann - nämlich Löwenbräu in Tegernseer verwandeln. Was braucht Gott aber wohl für besondere Qualitäten, wenn man die Welt und unsere kleine Stadt in fünf Jahren betrachtet? "Gute Nerven!", seufzt Zinner. "Dann muss er sich ein, zwei Sachen aussuchen und versuchen einzugreifen. Wenn er dann noch Bock hat, das weiß man ja auch nicht. Ich kenn' ihn ja leider nicht persönlich." Zinner überlegt einen Moment, dann sagt er: "Ich glaube, Gott braucht Humor, und es wäre gut, wenn er uns ein bisschen was davon rüberschiebt."

Der Humor sei München und seinen Bewohnern schon seit Jahren beinah abhandengekommen, beklagt Zinner. "Weil immer mehr Geld in die Stadt kam. Und dort wo zu viel Geld ist, lacht man meistens andere Leute aus und lacht nicht mit ihnen." Das allgegenwärtige Business in München versuche aus allem das Optimale herauszuholen. "Da bleibt in fünf Jahren, wenn wir nicht aufpassen, gar keine Zeit mehr für die viel zitierte Gemütlichkeit. Und die ist ein wichtiger Baustein, zumindest für den bayerischen Humor", denkt Zinner. "Die aus dem Katholisch-Bäuerlichen kommende Grundhaltung dem Leben gegenüber, die den Tod respektiert, ihn aber auch nicht überbewertet, ist weg."

Auch würden die Plätze immer weniger, in denen dieser Münchner Humor sein Biotop hat: die Wirtshäuser. Besagte austauschbare Fresstempel hätten die Stadt bereits jetzt weitgehend gekapert, "in denen kein Koch kocht, sondern ein Konzept". Und davor säßen Leute, "die erzählen, dass sie eben bald wieder nach New York und London fahren werden. Sie sind hier nie angekommen", sagt Zinner. "Und wer nicht angekommen ist, der kann nicht bleiben. Und keinen Münchner Humor weitertragen." Darum sei er in der Zukunft schlimmstenfalls "ganz verschwunden."

© SZ vom 26.09.2020

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