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SZ-Serie: Gassigedanken, Folge 2:Die Kunst des Loslassens

Kleine Freiheit im Lockdown - unterwegs mit Kreativen und ihrem Hund: Poetry-Slammer Alex Burkhard hat mit Hund Ibsen gelernt, Verantwortung zu übernehmen - auch dafür, dass sie nach neun gemeinsamen Jahren nun unterschiedliche Wege gehen.

Von Antje Weber

Oh, ist der süß" - das ist der Satz, den Alex Burkhard wohl am häufigsten gehört hat, wenn er mit Ibsen spazieren geht. In seiner Geschichte "X-Beinige Hunde ausführen" beschreibt der Autor, wie er auf diese Ausrufe von Frauen hin lächelnd die stets gleiche Frage "Ist das ein Schäfer-Mix?" beantwortet. Bis es Burkhard irgendwann reicht. "Oh, ist der süß", hört er wieder eine Frau zur anderen sagen. "Ja", sagt er diesmal, "aber der Hund ist auch ganz hübsch."

Jetzt stehen beide in einem kleinen Park hinter dem Biedersteiner Wohnheim in Schwabing, Alex Burkhard lächelt, und zur Begrüßung will man eigentlich sagen: "Oh, ist der süß." Doch dann dreht der Hund nach dem Beschnuppern gleich wieder ab und bellt eine Runde, und man ist sehr beschäftigt mit den Fragen, ob er das immer tut - ja, das ist sein Begrüßungsritual - und ob er tatsächlich wie ein Schäfer-Mix aussieht. Eine Nachfrage erübrigt sich in diesem Fall, denn man weiß es längst: Ibsen ist ein Aussie-Husky-Mix.

Wer die bisher vier Erzählbände, diverse Online-Newsletter, Auftritts-Videos und Instagram-Bilder von Alex Burkhard auf das Thema Hund hin durchkämmt hat, weiß schon ziemlich gut Bescheid über Herr und Hund. Oder, wie Burkhard wehmütig schon vor dem Treffen eingeschränkt hat, über Ex-Herr und Ex-Hund, doch dazu später. Jetzt laufen die beiden erst einmal entspannt zum Englischen Garten. Neun Jahre lang, als sie an der Dietlindenstraße lebten, war dies ihre Stammstrecke, täglich spazierten sie durch den Nordteil, weniger von Menschen und Gänsen überlaufen als der Süden. Es wirkt unaufgeregt und vertraut, wenn Burkhard "Ibsen - halt!" sagt, fast ohne die Stimme zu heben. Ibsen macht dann halt, genauso unaufgeregt. Ansonsten beißt er auf einem gerade gefundenen alten Tennisball herum, legt sich damit immer wieder freundlich auffordernd ins Gras. Und umkreist zwischendurch, mit dezenter Eleganz, die neu formierte Gassi-Gruppe.

Das hat mit seiner Rasse zu tun, um dieses Thema gleich mal endgültig durchzukauen. Als Australian Shepherd-Husky-Mix ist Ibsen ein Hütehund: "Das Hüten und Schauen, ob alle da sind, ist schon wichtig", sagt Burkhard. Außerdem verhalte sich Ibsen sehr vorsichtig und sozial, bei kleineren Hunden und Kindern etwa. Und er sei "total schlau", arbeite gerne im Kopf: "Es tut ihm gut, wenn er auch mental ausgelaugt ist und nicht nur körperlich." Man möchte jetzt zwar nicht die häufig bemühten Analogien zwischen Hunden und Besitzern überstrapazieren, aber: Schlau und sozial wirkt Alex Burkhard, der mit seinen pointierten Texten 2014, 2015 und 2016 Münchner Stadtmeister im Poetry-Slam war, 2017 dann bayerischer sowie deutschsprachiger Meister, ja nun auch.

Bei aller Liebe zum Ex-Herr: Auch der gerade gefundene Tennisball ist Ibsen wichtig. Allerdings nur so lange, bis ihn ein anderer Hund will.

(Foto: Yoav Kedem)

Sehr früh im Leben kam er auf den Hütehund. Burkhard war 22 Jahre alt, als Ibsen auf dem Hof der Eltern seiner damaligen Freundin geboren wurde. Das Paar nahm ihn mit nach München, als er neun Wochen alt war. Als die Beziehung bald zu Ende ging, blieb Ibsen nach einigem Hin und Her bei Burkhard. "Ich habe oft überlegt: Schaffe ich das?", sagt er, denn obwohl in seiner Allgäuer Kindheit Katzen und Hunde in der Familie gelebt hatten, hatte er sich nie besonders für sie interessiert. Jetzt musste der Skandinavistik-Student auf einmal einen Hund erziehen. Und er schaffte das, "mit Konsequenz und Liebe - und ein paar Leckerlis". Ibsen wurde ein Stadthund, der U-Bahn fährt, mit in Bars und Restaurants geht, problemlos ohne Leine läuft. Ein Hund, den man mal alleine lassen kann und der sich an wechselnde Hundesitter anpasst. Denn Burkhard konnte immer auf die Hilfe vieler Freunde zählen. "Und im Skandinavistik-Institut freuten sie sich, wenn er in den Kursen lag."

Der Skandinavistik ist, man ahnt es, auch der Name Ibsen geschuldet. Eigentlich sei die Freundin, die dasselbe Fach studierte, für den Namen verantwortlich gewesen, sagt Burkhard. Als junger Hund habe Ibsen einen "hellen Backenbart" wie der norwegische Schriftsteller gehabt, außerdem sollte es ein Name sein, "bei dem nur ein Hund kommt, wenn man ihn ruft". Aber passt Henrik Ibsen nicht auch sonst ganz gut zu Burkhard? Weil beide "sehr kontrolliert" seien?, fragt er zurück. "In Oslo haben sie die Uhren nach Ibsen gestellt, weil er immer zur gleichen Zeit aus seinem Haus gegangen ist." Er selbst sei ebenfalls ein Mensch, der Routinen brauche. Und diese Regelmäßigkeit ergebe sich natürlich mit einem Hund ganz gut.

Aber verbindet ihn mit Henrik Ibsen nicht auch ein Interesse an der menschlichen Psyche? Knut Hamsun habe ihn diesbezüglich im Studium mehr angezogen, sagt Burkhard. Bei Ibsen fand er die Ansichten zur Genderthematik spannender. Mit "Nora" und "Hedda Gabler" habe der ja "wegweisende Stücke geschrieben, die diese krasse patriarchale Gesellschaft kritisiert haben", zu der er selbst gehörte. Für die Münchner Lesebühne "Die Stützen der Gesellschaft" - an dem Titel nach einem Ibsen-Stück war Burkhard natürlich beteiligt - hat der Poetry-Slammer einmal gründlicher über den Schriftsteller recherchiert. Der Text, in Burkhards Buch "Was ich ihr nicht schreibe" abgedruckt, endet mit einigen Versen Ibsens: "Leben heißt - dunkler Gewalten / Spuk bekämpfen in sich. / Dichten - Gerichtstag halten / Über sein eignes Ich." Das passt vermutlich nicht schlecht auch zu einem Autor von heute, der selbst immer wieder dunkler Gewalten Spuk in sich bekämpft. Und der über solch düstere Phasen offen spricht und schreibt; Authentizität sei wichtig für Poetry-Slammer, sagt Burkhard.

Für einen Hund ist Authentizität sowieso selbstverständlich. Ibsen erkundet gerade selbständig das Gelände, trabt nur ab und zu unauffällig durch die Mitte zwischen Herr und Journalistin hindurch; ein kurzes Bin-noch-da, schon ist er wieder weg. Wie sehr der Hund auch Burkhards Kunst beeinflusst hat? "Er hat mir geholfen bei der Entscheidung, von der Kunst zu leben", sagt Burkhard. Mit dem Hund hatte er bewiesen, dass er sich "organisieren und Verantwortung übernehmen kann". Und er wollte Ibsen gerne behalten - "mit Achtstundenjob wäre das schwieriger gewesen". Die vielen Gassi-Gänge beförderten außerdem seine Kreativität: "Einige Texte habe ich komplett auf einem Spaziergang mit Ibsen geschrieben." Der Hund war wichtig für die Psyche wie auch die Kunst, "das hängt ja eh zusammen".

Ans Werk

"Die Lachenden sind immer die Starken": Zumindest mit diesem Satz Ludwig Ganghofers stimmt Alex Burkhard überein; in einem Text, im Internet auch als Videovortrag zu finden, hat sich der Autor und Slampoet im vergangenen Jahr für das Literaturarchiv Monacensia mit dem Schriftsteller auseinandergesetzt. Burkhard, 1988 im Westallgäu geboren, lacht nicht nur viel, sondern schreibt auch gerne: Bisher sind von ihm vier Geschichtenbände erschienen. 2013 veröffentlichte er den ersten Band "Und was kann man damit später mal machen?" mit Texten für "Geisteswissenschaftler und alle anderen, die auch nichts Anständiges gelernt haben", danach "Die Zeit kriegen wir schon Rom" (2015), "Benutz es!" (2017) und "Was ich ihr nicht schreibe" (2019, jeweils Satyr Verlag). Auch von Ibsen gibt es natürlich viele Werke, haufenweise. aw

Auch inhaltlich fand es Burkhard hilfreich, Hund und Herr immer wieder als Kunstfiguren zu benützen. "Das hat einen roten Faden für die Bücher geschaffen, hat die Geschichten bereichert." Zum Beispiel im Text "Hunde oder: ¿Dónde está la catedral?", in dem der Autor beim Anblick von Hunden in Mexiko an den Hund zu Hause denkt - mit viel Sehnsucht, aber auch dem Eingeständnis mancher Tötungsfantasie. Denn natürlich war es für einen Studenten bei aller Liebe nicht einfach, sein Leben komplett nach einem Hund auszurichten. "Deine besten, mobilsten Jahre hast Du hergeschenkt", heißt es im Text. "Ich hatte kein Auslandssemester", ergänzt Burkhard, während er über auftauende Matschwege läuft,außer Auftritten sei er nicht viel unterwegs gewesen. Doch viele der Einschränkungen, denkt er heute, seien auch in ihm selbst angelegt gewesen: "Ibsen war die Ausrede, etwas nicht zu machen."

Oft habe er mit dem Hund geschimpft auf ihren Spaziergängen, weil er selbst nicht mit sich im Reinen gewesen sei, sagt er. "Ibsen war immer ein Spiegel. An ihm konnte ich ablesen, wie es mir geht. War ich unentspannt, war er das auch - und hat die Ohren aufgestellt, etwas mehr an der Leine gezogen." An diesem Tag im Englischen Garten ist Ibsen jedenfalls tiefenentspannt: Auf der sogenannten Hundewiese, dem nördlichsten Punkt des Gassigangs, hat er soeben umstandslos einem anderen Hund, der seinen Tennisball haben wollte, den Ball überlassen. Ibsen ist ein Hund, der loslassen kann.

Dass er das früh gelernt hat, kam ihm und Burkhard zugute, als der Hund nach und nach ganz zu seinen heutigen Besitzern wechselte. Ein schwieriger Prozess, wie Burkhard immer wieder beschrieben hat, "ich habe sehr geknabbert". Doch als er vor zwei Jahren zeitweise von München wegging, wollte er Ibsen den Abschied von der Stadt nicht zumuten. Der demnächst elf Jahre alte Hund, der sich immer anpassen musste, soll im Alter einen "fixen Ort" haben, "das ist entspannter für ihn". Im Leben von Burkhard dagegen scheint es noch keinen fixen Ort zu geben; nach einem erneuten Jahr in München zieht er Ende Februar zur Freundin nach Düsseldorf. Auch beruflich sucht er, etwas bühnenmüde angesichts von vor-pandemisch bis zu 150 Auftritten im Jahr, nach neuen Ausdrucksformen. Zwar möchte er der Bühne und auch München nicht ganz abschwören, doch er will sich weiterentwickeln. Und in einem Seminar an der Bayerischen Akademie des Schreibens, zum Beispiel, in diesem Jahr am ersten Roman arbeiten.

Seine Loslösung von München nach 13 Jahren hat Burkhard umfassend vorbereitet. Er hat seinen Bühnenkoffer mit gesammelten Materialien an die Monacensia gegeben. Hat dem Hund als Begleiter all dieser Jahre ein neues Heim verschafft. War Ibsen nicht beleidigt? Nein, sagt sein Ex-Herr, Hunde bräuchten vor allem jemanden, der ihnen sage, wo es langgeht, klare Kommandos. "Es ist zwar eine romantische Vorstellung, dass er mir hinterher trauert, aber das ist nicht so." Gefreut habe sich Ibsen zwar schon, als er ihn an diesem Tag nach längerer Lockdown-Pause für den Spaziergang abgeholt habe, aber bei den neuen Besitzern gehe es ihm gut.

Alex Burkhard ist mit sich im Reinen. Und der Hund - ja, von dem würde man sich jetzt gerne auch verabschieden. Er hat aber soeben einen anderen Vierbeiner entdeckt, der sich samt Besitzerin nähert. Alles an Ibsens Blick, seiner zuckenden Schnauze in diesem Augenblick sagt: Oh, wie ist das Leben süß! Und das nächste Abenteuer, es ist so nah.

© SZ vom 25.02.2021
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