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SZ-Adventskalender:"Die Wunde ist immer noch groß"

Ihre Leidenschaft war ihr Foto-Labor. Doch dann kam die Digitalisierung und Christel J. verlor ihr Geschäft. Die Lebenskrise konnte sie überwinden, aber arm wird sie für immer bleiben

Von Thomas Anlauf

Wenn Christel J. an das Ende denkt, muss sie schlucken. "Die Wunde ist immer noch zu groß", sagt sie. Es war ein Lebenstraum, den sich die Münchnerin vor bald einem halben Jahrhundert erfüllt hatte: ein eigenes Fotofachlabor für Profifotografen. Bei ihr gingen bekannte Reporter ein und aus, vertrauten ihr exklusives Bildmaterial an, und sie entwickelte die kostbaren Fotografien: von Playboy-Models und von Kollektionen von Escada und Bogner, Bilder aus fernen Ländern und Fotoreportagen. Doch dann kam die Digitalfotografie. Immer mehr Fachlabore fielen der Entwicklung zum Opfer, es gab kaum noch Aufträge. Auch Christel J. musste schließlich aufgeben. Das Ende kam 2006.

Die Zeit danach war "die Hölle". Christel J. hatte alles verloren, ihr Geschäft, ihren Beruf, sie musste Privatinsolvenz anmelden. Kurz vor dem Absturz war auch noch ihre Schwester gestorben, mit der sie lange Jahre das Labor geleitet hatte. "Wir waren in der Seele zusammengewachsen", sagt Christel J.. Sie fiel in ein tiefes Loch, begann zu trinken und landete schließlich in der Klinik. "Ich hatte keine Kraft mehr. Ich war gar nichts mehr."

Zwei Jahre dauerte es, bis sie ihre schwere Lebenskrise überwinden konnte. "Die Ärzte haben mir das Leben gerettet", sagt die 76-Jährige heute. Sie lebt nun in einer kleinen hellen Wohnung, die sie über das Sozialamt bekommen hat. Auf dem Balkon und am Fensterbrett stehen Pflanzen, an den Wänden hängen Stiche von Blumen und Gräsern. Die hat sie auf Flohmärkten gekauft. Viel Geld zum Leben hat sie jetzt ja nicht mehr, doch Stück für Stück hat sie sich mit gebrauchten Möbeln und Flohmarktschnäppchen ein kleines gemütliches Heim geschaffen. "Seit ich diese Wohnung habe, hat sich mein Leben gedreht", sagt sie. Die gebürtige Tilsiterin ist vielseitig interessiert: Sie geht in Kunstausstellungen, einmal im Monat leistet sie sich trotz ihres knappen Budgets - sie hat nur ein paar hundert Euro im Monat zur Verfügung - einen Besuch im Kino. Ihre große Leidenschaft ist das Stricken. Wollreste verarbeitet sie zu kunstvollen Pullovern und Jacken, auf ihrem Sofa liegt immer ein bunter Haufen aus Wollknäuel. "Das brauche ich", sagt sie über ihr Hobby.

Christel J. hat sich zurückgekämpft ins Leben. Sie hat heute viel Zeit, die sie ausfüllt mit Dingen, die nichts oder nur wenig kosten. "Ich habe natürlich kein Geld, um eine Reise zu machen", sagt sie. Auch eine neue Brille kann sie sich nicht leisten, die alte muss es eben noch tun. "Manchmal stößt es schon auf", wenn sie merkt, dass sie sich viele Dinge nicht mehr kaufen kann wie damals, als ihr Fotofachlabor noch florierte. Früher konnte sie sich ein Leben ohne die Arbeit in ihrem Laden an der Blutenburgstraße nicht vorstellen. Vor zehn Jahren sagte sie in einem Gespräch mit der SZ, "mein Leben ist die Fotografie. Was soll ich zu Hause rumsitzen?" Ein halbes Jahr später musste sie das Labor für immer zusperren.

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© SZ vom 09.12.2015

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