SZ-Adventskalender:"Ich muss sehr vorsichtig sein"

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SZ-Adventskalender: Babrak wünscht sich ein neues Handy, um mit seiner Familie in Afghanistan in Kontakt zu bleiben.

Babrak wünscht sich ein neues Handy, um mit seiner Familie in Afghanistan in Kontakt zu bleiben.

(Foto: Florian Peljak)

Babrak, 26, hat als Ortskraft in Afghanistan gearbeitet. Vor einem Jahr gelang ihm die Flucht vor den Taliban, deren Schreckensherrschaft an den Hindukusch zurückgekehrt ist.

Von Karin Kampwerth

Die schwarzen Haare fallen schwungvoll in die Stirn, die dunklen Augen leuchten freundlich. Mit Sicherheit lässt sich behaupten, dass der junge Mann unter seiner Corona-Schutzmaske lächelt. Hat man ihm einige Minuten zugehört, fragt man sich nur, warum?

Vielleicht ja, weil Babrak Glück im Unglück hatte. Denn er gehörte zu den so genannten afghanischen Ortskräften, die westliche Soldaten, aber auch Wirtschaftsunternehmen, Journalistinnen und Journalisten dabei unterstützt haben, sich im Land zurechtzufinden und die demokratischen Bemühungen am Hindukusch zu fördern. In welchem Drama das endete, ist bekannt.

Babrak - sein Name ist geändert, weil er den langen Arm der Taliban auch in Deutschland noch fürchtet und er seine zurückgebliebene Familie auf keinen Fall gefährden will - befand sich nach dem überstürzten Abzug der internationalen Truppen plötzlich in Lebensgefahr. Obwohl ihm vor einem Jahr dann die Flucht gelang, weiß er, dass er auch aus dem sicheren Exil seine Angehörigen schützen muss. "Erst vor einer Woche wurde eine zwölfköpfige Familie getötet, darunter auch Kinder", berichtet er in sehr gutem Deutsch. "Ich muss vorsichtig sein."

Babrak versucht von Deutschland aus, sein Volk zu unterstützen

Dennoch hält er es auch für seine Pflicht, von Deutschland aus seine Heimat zu unterstützen, sich solidarisch mit seinem unterdrückten Volk zu zeigen. Erst voriges Wochenende fuhr er zu einer Demonstration für Frieden und Freiheit in Afghanistan nach Berlin. Außerdem engagiert er sich im Münchner Flüchtlingsrat und im Wohn- und Kulturzentrum Bellevue di Monaco. Für Babrak ist das Teil seiner Vergangenheitsbewältigung. "Wenn ich Sinnvolles mache und meinem Volk damit helfe, hilft das auch mir", sagt der 26-Jährige. Das sei besser, als nur über die Probleme in seinem Land nachzudenken. Deshalb hat er sich auch Organisationen angeschlossen, die hier Geld sammeln und an vertrauenswürdige Menschen in Afghanistan schicken, die damit heimlichen Schulunterricht für afghanische Mädchen und Frauen bezahlen.

Auch in Kabul hatte sich Babrak bereits sozial engagiert und für eine Nichtregierungsorganisation Afghanen betreut, die aus dem Westen abgeschoben worden sind. Viele der verzweifelten, meist jungen Männer hätten auf der Straße schlafen müssen, weil sie von ihren Familien verstoßen worden sind. "Manche waren auch drogensüchtig und hatten psychische Probleme", sagt Babrak.

Beruflich in die Sozialarbeit zu gehen, das kann er sich aber nicht vorstellen. Das soll Ehrenamt bleiben. Viel lieber möchte Babrak eine Ausbildung als Informatiker machen. Dazu schreibt er gerade mit Hilfe seiner Betreuerin vom Sozialreferat Bewerbungen. Am Tag vor dem Interview hat er die ersten abgeschickt. Was ihm dabei sicher zugute kommen wird, ist seine große Lernbereitschaft, die er mit seinen beeindruckenden Deutschkenntnissen unter Beweis stellt. Dabei ist er erst seit Oktober 2021 in Deutschland. Auch einen Computerkurs hat er bereits erfolgreich absolviert.

Babrak lebt in einem Wohnprojekt des Amtes für Wohnen und Migration in München. Dort hat er ein kleines Zimmer mit Küche und Bad auf 18 Quadratmetern. "Ich darf hier bleiben, bis ich mit meiner Ausbildung fertig bin", sagt er glücklich und lächelt dazu bestimmt wieder unter seiner Maske. "Es ist gut, in einem solchen System zu sein", sagt er. Für seine Zukunft wünscht er sich eine gute Arbeit und dass er seine Familie in Afghanistan weiter unterstützen kann. Für die Gegenwart braucht er ein neues Handy, um mit seinen Angehörigen Kontakt halten zu können. Seines ist alt und inzwischen so kaputt, dass der Bildschirm nur noch flackert und er keine Textnachrichten mehr senden kann. Und schüchtern fügt er hinzu: Eine warme Decke und Winterbekleidung wäre schön.

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