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Symposium:"KI ist nicht kreativ"

Neue Rubrik: Karte zeigt Studiengänge rund um KI und Data Science

Das Miteinander von Mensch und Maschine ist das Ziel von KI.

(Foto: Axel Heimken/dpa)

In München geht man der Frage nach, wie Künstliche Intelligenz Kultur und Medien verändert

Von Bernhard Blöchl

Hätte ein Textroboter diesen Artikel verfasst, hätte er, nach der Datenanalyse tausender Berichte selbstverständlich, womöglich erst einmal Begriffe definiert. In einfachen Sätzen wie diesem: Künstliche Intelligenz (KI) bedeutet maschinelles Lernen. Sodann hätte er erklärt, ebenfalls nüchtern, was der Anlass der Berichterstattung war. Vor etwa 50 Studenten an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) sowie vor weiteren 150 Stream-Zuschauern fand am Donnerstag das "Erste Münchner KI-Symposium" statt, organisiert von der HFF und der Fernseh- und Kinotechnischen Gesellschaft (FKTG). Vielleicht hätte er noch erwähnt, wie wichtig die Thematik für die Kultur- und Medienbranche ist. Zitat der HFF-Präsidentin Bettina Reitz: "Schon jetzt ist KI aus der Filmindustrie nicht mehr wegzudenken."

Da aber kein Textroboter zur Verfügung stand und dem (menschlichen) Autor ein Einstieg vorschwebte, der ein bisschen Lesefreude in die technische Dimension einspeisen soll, beginnt dieser Text mit einer Randnotiz zum Schmunzeln. Auch weil der Autor als Beobachter des Symposiums gelernt hat: Humor und Ironie können Computer nicht, auch die Analyse von Sarkasmus ist noch nicht gelöst. Mit Humor muss man es aber nehmen, dass fast alle der sieben Referenten, die teils physisch anwesend, teils per Webcam zugeschaltet waren, ohne Anglizismen weniger zu sagen hätten. "Signature Code" hier, "Real-Time-Response" da, "Feature Engineering" hier, "Shallow Fakes" da. Daran muss sich wohl gewöhnen, wer vom Lernen der Maschinen lernen will. Oder er muss eine Sprachmaschine erfinden.

Abgesehen davon gab es spannende, bekannte wie überraschende Einblicke in ein Forschungsfeld, das auf systematischer Datenanalyse basiert, deren Erkenntnisse dem Menschen bei seinen Entscheidungen helfen sollen, auch im kreativen Prozess. Es ging um Rezipientenforschung und Werbewirkung, crossmediale Archive und Multimedia-Recherche; es ging um Audioforensik, automatisierte Komponisten und Schnitt-Assistenten und führte schließlich zu einem Film, der sich ständig verändert: "The Future Is Not Unwritten" heißt der "Smartfilm" von Susanne Steinmassl, der seit ein paar Jahren für Furore sorgt und auf dem Symposium erneut präsentiert wurde. Die Medienkünstlerin und HFF-Studentin hat eine klare Meinung zu KI, sie sagt: "Kunst und Wissenschaft können von der Technologie profitieren." Sie forderte alle Kreativen auf, sich einzumischen und die Zukunft mitzugestalten.

KI ist ein weites Feld. Eines, das fasziniert und einschüchtert. Oft ist das Thema ja mit der Angst verbunden - geprägt durch Filme wie "2001: Odyssee im Weltraum", "Matrix" oder "I, Robot" -, künstliche Wesen würden die Macht ergreifen. "Humanoide Roboter sind, zumindest jetzt noch, ein rein filmdramaturgisches Konstrukt", stellte der HFF-Technik-Professor Peter Slansky in seiner Einführung klar. Dem Tenor schlossen sich viele Dozenten an: Menschen würden nicht ersetzt, "es muss immer jemand da sein", sagte etwa Marc Egger, Head of Data Science bei der Mediengruppe RTL. An anderer Stelle fiel der Begriff des "Butlers". Das Computersystem als Diener.

Besonders eindrucksvoll war der Vortrag von Claudia Birkholz über "virtuelle Komponisten". Die Bremer Pianistin und Dozentin für Klavier und Neue Musik setzte sich an den Flügel und spielte ein paar Takte, die an Mozarts A-Dur-Sonate erinnerten. Tatsächlich hatte eine Software das Stück komponiert, basierend auf "gelernten" Eigenschaften, destilliert aus Werken von Bach, Beethoven und so weiter. "Mozart wird in den Schredder gegeben, und EMI setzt es neu zusammen", sagte Birkholz. EMI steht für "Experiments in Musical Intelligence", die Software des Amerikaners David Cope geht bis in die Siebziger zurück. Zeitgenössische Kompositionen eines jüngeren Programms ("Iamus", 2010) spielte die Musikerin ebenfalls an. Auch hier lägen lediglich Töne vor, die Interpretation liege beim Menschen. "Als würde jemand Polnisch sprechen, der es gar nicht kann." Claudia Birkholz betonte, in der Musik gehe es um Vermittlung, um Gefühle und Bilder. Was sie zu dem Schluss brachte: "KI ist nicht kreativ." Aber: "KI kann Kreativität initiieren." Als Beispiel nannte sie das Werk der italienischen Komponistin Artemi-Maria Gioti für robotisiertes und menschliches Schlagzeug. "Ein Duo", das aufeinander reagiere.

Fortgeschritten ist auch der Einsatz von KI in Filmproduktionen. Jakob Rosinski von IBM zeigte den Trailer zu "Morgan" (2016), einem Science-Fiction-Thriller über ein Wesen mit synthetischer DNA. Die Fox-Studios seien hier auf IBM zugekommen mit der Bitte, den Trailer zum Film von der KI-Software "Watson" erstellen zu lassen. 100 gute Trailer-Beispiele aus dem Genre seien analysiert worden, ehe das Programm aus "Morgan" Szenen für den Zusammenschnitt vorgeschlagen hätte. Der finale Schnitt sei dann aber menschlich gewesen, sagte Rosinski. Einsatzmöglichkeiten sieht er unter anderem bei Sport-Highlights und im schnellen Tagesgeschäft der Rundfunkhäuser.

Am Ende hätte der Textroboter resümiert: Es ist kompliziert. Die Veranstalter resümieren: Es geht weiter. Das Symposium wurde als Auftakt bezeichnet, von Wiederholungen war die Rede. Zum Hintergrund: 2021 soll es bekanntlich eine KI-Professur an der Münchner Filmhochschule geben. Noch sei KI "Neuland für die HFF", sagte Bettina Reitz. Aber Europa müsse aufholen im Vergleich zu Amerika und China.

© SZ vom 28.11.2020
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