Streetfood:Revolution am Straßenrand

Streetfood: Beim "Munich food lovers market" in und vor der Blumengroßmarkthalle haben die Imbissverkäufer ein breites kulinarisches Angebot serviert.

Beim "Munich food lovers market" in und vor der Blumengroßmarkthalle haben die Imbissverkäufer ein breites kulinarisches Angebot serviert.

(Foto: Robert Haas)

Zwei Märkte für Streetfood am Wochenende, und beide werden überrannt: Die Münchner entdecken, dass Imbissbuden weit mehr zu bieten haben als nur Pommes und Döner. Und die Veranstalter glauben daran, dass das nicht nur eine kurzlebige Mode ist.

Von Andreas Schubert

Edwin Schellenberg kommt kaum zum Reden. Zu viel zu tun. Es ist Freitagabend, Schellenberg steht in seinem Foodtruck im ehemaligen Heizkraftwerk an der Katharina-von-Bora-Straße in der Maxvorstadt und reicht ein Sandwich nach dem anderen über die Verkaufstheke seines Foodtrucks, den er zusammen mit zwei Kompagnons betreibt. Schellenberg hat seine Geschäftsidee aus seinem Heimatland Uruguay mitgebracht.

Chivitos heißen die Brötchen, die es mit verschiedenen Fleischsorten oder vegetarisch mit Portobellopilz gibt und die mit einer speziellen Pfeffer-Kräuter-Mischung und Chimichurri, einer südamerikanischen Spezialsoße, gewürzt werden. Die Zutaten dafür stammen allesamt aus der Region. Und trotz der Kälte - an diesem Abend hat es zirka drei Grad Minus - rennen die Leute den mobilen Gastronomen auf dem Streetfood-Markt "Hall of Taste" buchstäblich die Imbissbuden ein - seien es die Crêpes-Tram, das Comptoir du Cidre, ein Stand, an dem elf Stunden lang gegarte Rindersteaks verkauft werden, oder der Food-Truck Grillin me Softly, an dem es Sandwiches nach US-amerikanischem Vorbild gibt.

Überrascht vom Riesenerfolg

Mathias Arifin und Urs Jahn, die Macher der Hall of Taste sind selbst ein wenig überrascht vom Riesenerfolg ihres Marktes. Bei der ersten Ausgabe im Januar wiesen sie sogar Besucher ab, weil es zu voll war. Dabei starteten sie absichtlich im Winter, um erst einmal vorsichtig die Resonanz der Münchner zu testen. An diesem Freitag, beim dritten Markt, geht es immer noch gut zu, an den Ständen bilden sich Schlangen - aber immerhin bekommt jeder etwas zu essen.

Auf die Frage, woher dieser Ansturm kommt, antworten Arifin und Jahn, dass es einfach an der Zeit gewesen sei. Dass die Leute etwas Neues suchten und dabei auf Qualität und Herkunft der Produkte achten. Regionalität - darauf legen die Macher der Hall of Taste wert. Und dass der Streetfood-Trend ein kurzlebiges Phänomen bleibt, glauben die beiden auch nicht. Die Hall of Taste soll nun jeden Freitagabend stattfinden.

Das Erfolgsrezept: kein Massenfraß

Die Münchner haben offenbar geradezu auf eine Revolution auf dem Imbissmarkt gewartet. Nachdem es jahrelang nicht recht viel mehr gab als Burger King und McDonald's, ein paar Currywurst-Läden im Gärtnerplatzviertel und ansonsten allenthalben Dönerläden, begannen vor etwa zwei Jahren Läden mit teuren Edel-Burgern schick zu werden. Und der Boom hält an, wie etwa der Erfolg der Münchner Kette Hans im Glück zeigt, die ein Restaurant nach dem anderen eröffnet. Das Erfolgsrezept: Mit guten und frischen Produkten, die sorgfältig und trotzdem schnell zubereitet werden, gewinnen die Wirte Gäste, während gleichzeitig die großen Ketten Umsatzrückgänge vermelden.

Und auch die mobilen Wirte der Foodtrucks verkaufen keinen Massenfraß, sondern explizit regionales Gemüse und Fleisch und überzeugen mit neuen Rezepten. Dabei ist München relativ spät dran. In anderen Metropolen wie London oder Berlin sind Edel-Imbisse schon seit mehreren Jahren gang und gäbe.

Streetfood: Hippe Imbissbuden wie der gelbe King-of-Sandwich-Food-Truck wechseln sich mit lokalen Anbietern wie der Metzgerei Bauch ab.

Hippe Imbissbuden wie der gelbe King-of-Sandwich-Food-Truck wechseln sich mit lokalen Anbietern wie der Metzgerei Bauch ab.

(Foto: Robert Haas)

Fünf Euro oder mehr für Essen auf die Hand? Angesichts dessen zeigt sich: Für Qualität und Geschmack sind die Kunden offensichtlich bereit, mehr Geld auszugeben. Das ist auch am Sonntag in der Blumengroßmarkthalle in Sendling zu beobachten. Dort hat der Münchner Szene-Gastronom Stephan Alof zusammen mit Alexander Appelhans ebenfalls einen Streetfood-Markt organisiert, den "Munich food lovers market". Wieder ein englischer Name, der Modernität und Internationalität ausdrücken soll. Und wieder treten sich die Besucher beinahe auf die Füße. Es kommen vornehmlich Jüngere, trotzdem hat die Neugier auf exotische Kost auch viele ältere Einheimische in die Großmarkthalle geleitet. Egal, mit wem man redet, alle sagen Sätze wie: "Ist doch mal was anderes." Oder: "Ist Zeit geworden, dass es das auch bei uns gibt."

"Die Leut' sind anspruchsvoller geworden"

Am frühen Nachmittag ist die mit Biertischen ausgestattete Halle so voll, dass sich kaum mehr ein Platz findet. Es sind zum Teil dieselben Anbieter wie bei der Hall of Taste, ebenso mit dabei sind Wein-, Obst- und Spirituosenhändler aus München. Unter den 48 Anbietern ist auch ein Stand des Giesinger Bräus und einer der Metzgerei Magnus Bauch, die nur einen Steinwurf entfernt in der Thalkirchner Straße ihre Wurst herstellt. Magnus Bauch, ein gestandener Bayer, bemüht den leicht abgestandenen Slogan "Weltstadt mit Herz", wenn er vom Angebot und dem Andrang auf dem Streetfood-Markt schwärmt. "Dass sich hier Regionales und Internationales trifft, passt total zu München", findet der Metzgermeister. Auch er beobachtet eine wachsende Bereitschaft der Menschen, für Gutes lieber etwas mehr zu bezahlen. "Die Leut' sind anspruchsvoller geworden", sagt er, "und immer mehr wollen wissen, wo ihr Essen herkommt."

Organisator Alof glaubt ebenfalls nicht, dass die Straßenküchen-Welle bald wieder abebbt. "Gegessen und getrunken wird immer", sagt er. Trotzdem will er seinen Markt, anders als die Konkurrenten aus der Maxvorstadt, nur fünf- bis sechsmal pro Jahr veranstalten: "Man muss ein bisschen aufpassen, dass es sich nicht wieder abnutzt." Das dürfte bei der Vielfalt des Angebots so schnell nicht passieren. Und wer einen von Schellenbergs Chivitos, einen Distinguished-Daisy Hotdog der Isardogs oder einen Whoopie-Pie der Intoleranten Isi probiert (kleine laktosefreie Kekse), wird sich eh wundern, wie er sich jahrzehntelang mit Burgern und Pommes zufriedengeben konnte.

© SZ vom 16.02.2015
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