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Streaming:Nähe durch Distanz

Online-Angebote sollen das Kulturloch füllen, doch die Auswahl ist groß. Erlesene Tipps aus Klassik, Elektro, Kunst und Theater

Von Rebecca Reinhard und Isabell Nina Schirra

Kultur ist Reichtum an Problemen. So beschrieb es der Essayist Egon Friedell. Heute bedeute das wohl: Die Unüberschaubarkeit der mannigfach aus dem Boden geschossenen Kultur-Streams stellt so manchen Nutzer vor Probleme. Und nach knapp zwei Wochen Ausgangsbeschränkung kennt man nun auch die Wohnzimmer der Künstler. Aber es gibt sie, die Streaming-Perlen mit auch jetzt noch bemerkenswerten Konzepten.

Die Berliner Philharmoniker etwa setzen nicht auf wacklige Liveaufnahmen, sondern auf ihre bewährte Digital Concert Hall. Ein Monatsticket zu den hunderten aufgezeichneten Konzerten, Dokumentationen, Interviews und Künstlerporträts kostet normalerweise rund 20 Euro. In der Corona-Krise aber gibt es das alles kostenlos zu sehen. Wie etwa das letzte Konzert der Philharmoniker im schon leeren Konzertsaal Mitte März, mit Simon Rattle am Dirigentenstab und Bartóks Konzert für Orchester. Zum Werk sagte einst der Komponist selbst, es verwirkliche den "stufenweisen Übergang von der Finsternis des traurigen Klagegesangs des ersten und dritten Satzes zur Lebensbejahung des letzten." Das stimmt in heutigen Zeiten doch zuversichtlich.

Qualitativ hochwertigen Sound, allerdings aus einem ganz anderen Genre, kennt man auch aus den Berliner Clubs. Dank der Streaming-Plattform "United We Stream" der Berliner Clubcommission kann man den jetzt auch zuhause genießen. Jeden Abend wird aus einem anderen Club gestreamt, aus dem Ritter Butzke etwa ertönen gewohnt verspielte, housige Klänge, während der Sound der Grießmühle wesentlich härter, technoider anmutet. Von DJ-Größen wie Ellen Alien bis Newcomern wie "Inhalt der Nacht" sind alle vertreten, die in der Szene Rang und Namen haben. 1,7 Millionen Stream-Aufrufe zählte Projektpartner Arte Concert, der für das bild- und tontechnisch hohe Niveau verantwortlich ist, in der ersten Woche. Jetzt soll das Projekt über die Hauptstadt hinaus ausgeweitet werden. Ab dieser Woche wollen sich auch Hamburger, Leipziger und Münchner Clubs wie das Harry Klein beteiligen.

Auf Beteiligung setzt auch "Art Will Save Us". Vom Digitalstudio Rosy DX aus dem Boden gestampft, versteht sich die Kunstplattform vor allem als Anlaufstelle für in Not geratene Künstler. Erfrischend unkonventionell präsentieren sich auch deren Performances: Am Freitag wird die als Elsässerin besonders Corona-gebeutelte Künstlerin Cynthia Montier über mehrere Mobilgeräte mit Wissenschaftlerinnen über die eigene Wohnung als kreatives Arbeitsumfeld sprechen, am Montag motiviert Nadja Buttendorf in "Make Art With Me" dazu, trotz Quarantäne kreativ und konzentriert zu bleiben.

Wie die Münchner Kammerspiele: Die haben kurzerhand die virtuelle "Kammer 4" eröffnet. Dort zeigt man jeden Abend einen internen Mitschnitt einer Inszenierung des Spielplans wie etwa Shakespeares "König Lear". Besondere Zeiten fordern aber auch besondere Formate: Vincent Redetzki performt daher "Werther's Quest For Love" in einer Live-Cam-Performance, und das von Keith Zenga King an den Kammerspielen initiierte queere Festival "Within The Lonely Hours" wurde kurzerhand in ein Online-Festival mit Übertragung umkonzipiert. Ungewohnt, aber belebend.

Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker, www.digitalconcerthall.com, United We Stream, abrufbar auf arte.tv, Art Will Save Us, abrufbar unter www.artwillsaveus.club, Kammer 4, www.muenchner-kammerspiele.de/kammer-4

© SZ vom 02.04.2020

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